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Personalrat will mehr Pflegepersonal

Hilfeschrei am Uniklinikum

Es rumort unter den 9000 Beschäftigten bei Tübingens größtem Arbeitgeber. Am Universitätsklinikum wurden bis Mitte Oktober bereits mehr als 270 „Überlastanzeigen“ registriert. So viele Hilferufe des überlasteten Personals gab es noch nie.

22.10.2012
  • Volker Rekittke

Tübingen. Eigentlich machen Britta Eisemann und Torsten Kaiserling ihre Arbeit gern. Krankenpflege – das ist für die beiden Klinikumsbeschäftigten mehr als medizinische und pflegerische Versorgung von Kranken. Parkinson-Patienten etwa „brauchen viel Aufmerksamkeit“, sagt Britta Eisemann – genauso wie demente oder verwirrte, teils auch aggressive Patienten mit postoperativem Durchgangssyndrom. Doch Zeit ist auf Station ein zunehmend kostbares Gut, selbst fürs Haarewaschen von Schwerkranken oder betagten Patienten reiche es oft nicht. Der Stress macht beiden Pflegern ebenso zu schaffen wie das unbefriedigende Gefühl, nie genug Zeit für die Patienten zu haben.

„Die Arbeitsverdichtung ist enorm, das geht an keinem spurlos vorbei“, bestätigt Pflegedirektorin Jana Luntz. „Aber politisch ist das ja offensichtlich so gewollt.“ Als Anfang des Jahres bekannt wurde, dass das Uniklinikum Tübingen (UKT) 2012 wohl mit einem Zehn-Millionen-Defizit abschließen wird, zog der Klinikums-Vorstand die Notbremse: Mehrere Monate lang wurden freiwerdende Stellen nicht wiederbesetzt. So sparte man am UKT viel Geld, das erwartete Defizit konnte auf fünf Millionen Euro halbiert werden. Doch zugleich wuchs der Druck auf Krankenpfleger/innen wie auf Ärzte. Beide Berufsgruppen hatten bereits in den vergangenen Jahren immer wieder darüber geklagt, dass zu wenig Personal sich um zu viele Patienten kümmern müsse.

Klinikums-Chefs wollen demonstrieren gehen

„Die Belastung steigt von Jahr zu Jahr“, sagt auch die kaufmännische UKT-Direktorin Gabriele Sonntag. Dennoch: Um aus den roten Zahlen zu kommen, müsse das Klinikum etwas tun. „Leistungserweiterung ist das A&O.“ Das bedeutet: mehr Operationen und mehr Patienten – deren Liegezeit zugleich immer kürzer werde, so die Personalratsvorsitzende Angela Hauser.

Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass die so genannten Überlastanzeigen – die fürs Personal auch eine rechtliche Absicherung sind – in diesem Jahr stark zugenommen haben. 186 Meldungen an Chefarzt, Pflegedirektion und Personalrat waren es 2010, im vergangenen Jahr 165. Bis Mitte Oktober 2012 wurden schon über 270 Hilferufe des Klinikpersonals registriert – ein Allzeit-Hoch. Der Personalrat schätzt, dass die tatsächlichen Überlast-Situationen ein Vielfaches dieser Zahl betragen. Denn etliche Alarm-Papiere werden schlicht nicht geschrieben, weil dafür die Zeit fehle, so Hauser – und manchmal gebe es auch Druck von Vorgesetzten: „Wie kommt Ihr denn dazu?“

Das Uniklinikum steht selbst unter starkem Druck: Ende 2011 lief das dreijährige Pflegestellen-Förderprogramm des Bundes aus: „Das hinterließ eine spürbare Lücke“, sagt Gabriele Sonntag. Und die nächste Zumutung aus Berlin ist schon unterwegs: Der vom Statischischen Bundesamt ermittelte „Orientierungswert“ für Krankenhäuser wurde jüngst veröffentlicht. Resultat: Um höchstens zwei Prozent sollen die Krankenkassen 2013 die Kostenerstattungen für die Kliniken anheben. „Das passt hinten und vorne nicht“, sagt Sonntag. Ihre Vermutung: „Der Wert ist politisch ermittelt worden.“ Sie glaubt nicht einmal daran, dass das UKT kommendes Jahr tatsächlich ein Plus von zwei Prozent erhält. Doch selbst wenn: Sonntag rechnet für 2013 mit Kostensteigerungen von „deutlich über drei Prozent“.

Was tun? Das kommende Jahr ist ein Wahljahr, so Sonntag, „da müssen wir unbedingt etwas erreichen.“ Bei einem „Marsch auf Berlin“ wären die Tübinger Klinikums-Chefs mit dabei. Das freut Personalvertreterin Hauser: „Wir gehen jederzeit mit unserem Klinikumsvorstand auf die Straße oder nach Berlin und demonstrieren für eine bessere Finanzierung und für mehr Stellen.“ Allerdings müsse auch der Vorstand seine Hausaufgaben machen und eine „längerfristige Personalplanung“ gewährleisten: Nach dem Stellenabbau zu Jahresbeginn würden nun „in der Medizinischen Klinik und der Kinderklinik Betten gesperrt“, herrsche Stress pur: „Es ist zu wenig Pflegepersonal auf den Stationen.“

Hilfeschrei am Uniklinikum
Es muss schnell gehen: Stationsalltag in der Crona-Klinik auf dem Schnarrenberg.

Das komplette Gespräch mit einer Krankenpflegerin und einem Krankenpfleger am Uniklinikum gibt’s am heutigen Montag, 22. Oktober, zu lesen: unter der Rubrik „Quer-Köpfe“ in der zweiten Ausgabe von „Wirtschaft im Profil“. Das TAGBLATT-Businessmagazin erscheint vierteljährlich. Es liegt heute dem TAGBLATT bei und ist auch im Einzelverkauf erhältlich.

In der zweiten Ausgabe von „Wirtschaft im Profil“ gibt es auf insgesamt 36 Seiten außerdem eine Titelgeschichte über „Weiber-Wirtschaft“ – Frauen in Führungspositionen, erfolgreiche Unternehmerinnen aus Tübingen und dem Südwesten. Außerdem: „Die unfreie Marktwirtschaft“ – eine Knast-Reportage aus Rottenburg über ein Wirtschaftsunternehmen hinter Gittern.
Mehr ab Montag auch auf
wirtschaftimprofil.de

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22.10.2012, 12:00 Uhr

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