Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Hilflose Stippvisiten
Foto: swp
Leitartikel Afrika

Hilflose Stippvisiten

Seit Schließung der Balkanroute im März sind die Migrationsströme aus dem Süden der Welt nicht etwa versiegt, sondern haben sich auf andere Wege verlagert. So sind zuletzt tausende Flüchtlinge, überwiegend aus Afrika, von der ägyptischen und libyschen Küste aus nach Norden gestartet – und oft mit völlig seeuntauglichen Booten gekentert.

10.10.2016
  • WOLFGANG DRECHSLER

In den westlichen Medien ertönen angesichts der Tragödien oft flammende Rufe nach einer humaneren europäischen Flüchtlingspolitik – oder einer drastischen Erhöhung der Entwicklungshilfe wie sie auch die Bundesregierung plant. Die Flüchtlingsströme sind auch das zentrale Thema der Afrika-Reise von Angela Merkel.

Verblüffend ist, dass sich der Blick des Westens bisher eher selten auf die Länder gerichtet hat, aus denen die Menschen fliehen. Dabei sollte es eigentlich selbstverständlich sein, an der Quelle nach den Ursachen zu forschen, statt an den Symptomen herumzudoktern und dann panikartig neues Geld für Projekte aufzubringen, die bereits zuvor wenig erfolgreich waren. Mehr Ehrlichkeit und mehr Klartext gegenüber den Potentaten in Afrika wären schon deshalb hilfreich, weil nach Jahrzehnten des Stillstands Millionen Schwarzafrikaner auf gepackten Koffern sitzen.

Doch auch das Desinteresse afrikanischer Medien verblüfft. Selbst wenn sie einmal über Flüchtlinge berichten, schwadronieren sie zumeist über Versagen und Schuld der Europäer: Mit moralischem Unterton werden die vermeintliche Hartherzigkeit des Nordens und die „Festung Europa“ angeprangert. Dabei sind die vielen Flüchtlinge Symptome einer Krankheit, die in den so lange verheerend regierten Staaten Afrikas wurzelt. Viele Flüchtlinge stammen aus Somalia, wo es seit fast 25 Jahren keinen Staat mehr gibt. Bei Fluchtländern wie Gambia oder Eritrea, handelt es sich oft um gescheiterte Staaten oder repressive Ein-Parteien-Systeme.

Seit dem umstrittenen Rückführungsabkommen zwischen der EU und der Türkei haben Afrikas Eliten zudem erkannt, dass man mit Flüchtlingen viel Geld verdienen kann. Kenia drohte damit, hunderttausende ins Land geflohene Somalier in deren zerstörte Heimat zu deportieren: Dazu will man Dadaab auflösen – das größte Flüchtlingscamp der Welt. Eine der Begründungen: Das Lager belaste die staatlichen Finanzen. Dabei wird das Camp seit Jahren von der Uno finanziert. Das Beispiel hat Schule gemacht: Niger, Durchgangsstation vieler Migranten aus Westafrika, fordert von der EU mehr als eine Milliarde Euro, um diese im Gegenzug zu stoppen. Sollten diese Erpressungsversuche Erfolg haben, würden künftig noch mehr Hilfsgelder in den Taschen afrikanischer Eliten verschwinden.

Dass die Lage derart eskalieren konnte, liegt jedoch auch an der starken Nabelschau Europas. In Deutschland gibt es kaum Debatten über die Brennpunkte dieser Welt in Nahost und Afrika. Auch einzelne Stippvisiten nach Afrika wie jetzt von der Kanzlerin offenbaren eher die weit verbreitete Hilf- und Ratlosigkeit. Denn erst wenn Afrika eine Eigendynamik entfaltet und die für funktionierende Staaten notwendigen Institutionen schafft, könnten die Flüchtlingsströme nach Norden allmählich kleiner werden.

leitartikel@swp.de

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

10.10.2016, 06:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Wirtschaft im Profil

Die aktuelle Ausgabe unseres Business-Magazins Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball