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Kulturgeschichte

Himmel und Hölle

Die Münchner Kunsthalle inszeniert Johann Wolfgang von Goethes „Faust“. Das ist der Auftakt eines Festival mit hunderten Events.

01.03.2018
  • JÜRGEN KANOLD

München. Morgens „um 6 in der frühe“ kam er an, und abends „um sechse“ war sein „Münchner Pensum“ dann schon „absolvirt“. Ein Besuch der Residenz stand auf dem Programm: „Ich habe die Bildergallerie gesehn und mein Auge wieder an Gemälde gewöhnt.“ Zu den „trefflichen Sachen“ gehörten Skizzen von Rubens. Er übernachtete im Schwarzen Adler in der Kaufinger Straße, inkognito unter dem Namen Jean Philipp Moeller, und anderntags, am 7. September 1786, stieg er in die Postkutsche nach Innsbruck. Das war‘s mit Johann Wolfgang von Goethe und München. Ein einziger Aufenthalt, auf der Italienischen Reise.

Trotzdem veranstaltet die bayerische Metropole jetzt ein fünfmonatiges Festival zu Goethes weltberühmtem und sehr nationalheiligem Drama „Faust“: 500 Veranstaltungen bis Ende Juli und ein „Faustus“-Weizenbock, das natürlich nicht in Auerbachs Keller ausgeschenkt wird, sondern auf dem Nockherberg. „Die Masse könnt Ihr nur durch Masse zwingen,/ Ein jeder sucht sich endlich selbst was aus./ Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen;/ Und jeder geht zufrieden aus dem Haus.“ Der geschäftstüchtige Direktor bestellt im „Vorspiel auf dem Theater“ beim Dichter ein „Ragout“.

Wer sich auf Goethes „Faust“ einlässt, muss aufpassen, dass er nicht von Zitaten und geflügelten Worten erschlagen wird. Aber Roger Diederen hält das aus, arbeitet damit. Diederen ist auch Direktor, aber keiner aus dem Theater, sondern der Kunsthalle München in der Theatinerstraße. Als er die Ausstellung „Du bist Faust – Goethes Drama in der Kunst“ vorbereitete, war er derart von der Aktualität und der Komplexität des Stoffs begeistert, dass er im September 2016 andere Kulturschaffende der Stadt zu einem „Faust-Frühstück“ einlud und nicht nur den Gasteig-Geschäftsführer Max Wagner für die Sache entflammte.

Der Gasteig ist jetzt das Festivalzentrum, und in der Kunsthalle hat mehr als nur eine Ausstellung begonnen: eine Inszenierung des „Faust“ mittels Kunst, Musik und Film. Und vielen Zitaten zur Freude älterer, bildungsbürgerlicher Besucher, die sich an die Schulzeit erinnern.

Aktualität? Da lässt sich viel herauslesen aus dem „Faust“ und reflektieren für die Gegenwart: der verzweifelte Drang, alles wissen zu müssen. Das Streben nach ewiger Jugend und Schönheit. Die Verführbarkeit unschuldiger Seelen. Die Suche nach dem Sinn des Lebens. Verhängnisvolle Treuebrüche und hemmungsloses Treiben. Der innere Kampf mit der negativen Seite des Ichs. Und bis auf den Tag gehen die Menschen einen Pakt mit dem Bösen ein. Die Ausstellung freilich – kuratiert mit dem Forschungsverbund Marbach, Weimar, Wolfenbüttel und der Klassik Stiftung Weimar – bleibt eher im Historischen und der Geschichte stecken. Das 19. Jahrhundert, das romantische Bild, ob gemalt oder als Skulptur, dominiert. Dass im Kapitel „Eitelkeit“ eine mit Juwelen behängte Claudia Schiffer auf den „Faustus“-Fotografien Karl Lagerfelds die Margarete gibt, ist eher die Ausnahme.

„Du bist Faust“: Der Ausstellungsgänger selbst ist Protagonist, darf das Drama durchleben. Er schreitet durch den roten Vorhang in den Dramen-Parcours: beginnend mit dem „Prolog im Himmel“. Mephisto, Faust und Gretchen sind Räume gewidmet, auch der „Verführung“ oder der „Walpurgisnacht“ (ein beliebtes Motiv für Zügellosigkeit). Wir betreten als Sänger die Bühne und blicken durch die Kulissen auf den Zuschauerraum der Pariser Oper: Charles Gounod popularisierte 1859 den „Faust“ als Liebesgeschichte. Ein biedermeierliches Musikzimmer lädt zum Hören ein: „Meine Ruh ist hin“ – mit Franz Schuberts „Gretchen am Spinnrad“ begann die Blüte des romantischen Kunstlieds.

Der Tragödie zweiter Teil – in Goethes Todesjahr 1832 veröffentlicht – spielt keine große Rolle. Illustrationen von Max Slevogt, Franz Stassen und Max Beckmann hängen in einem Raum, dazu eine Zeichnung des Satirikers Robert Gernhardt: „Der Teufel liest Faust II“ – und gähnt. Mit diesem durch die Zeiten rasenden, sphärischen Welttheater über einen radikalen Utopisten haben sich auch andere schwer getan. Nur Peter Stein ließ es in seiner Berliner „Werktreue“-Inszenierung Wort für Wort aufführen.

Worte gibt‘s auch in der Kunsthalle zum Schluss noch einen ganzen Raum voll, ehe der Besucher durch einen roten Vorhang das Kunst-Theater wieder verlässt. Dann darf er sich fragen, ob das jetzt des Pudels Kern gewesen sein soll. „Absolvirt“ ist diese Ausstellung nach lohnenden eineinhalb Stunden. Und es sind „treffliche Sachen“ darunter, wie Goethe sagen würde.

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01.03.2018, 06:00 Uhr

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