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Razzia im Morgengrauen

Hinweise auf Drahtzieher der Anschläge von Paris: Eliteeinheit stürmt Wohnung im Vorort St. Denis

Zwei mutmaßliche Dschihadisten getötet, sieben weitere Verdächtige verhaftet: Fahnder glaubten, den Drahtzieher der Pariser Attentate in einer Wohnung des Pariser Vororts Saint-Denis lokalisiert zu haben.

19.11.2015

Von PETER HEUSCH

"Es war, als wäre der Krieg direkt vor meiner Haustür ausgebrochen", sagt Denis M. Mit vom Schlafmangel geröteten Augen steht er am frühen Mittwoch an einer von schwerbewaffneten Polizisten gesicherten Straßensperre im Zentrum der Pariser Vorstadt Saint-Denis und raucht eine Zigarette nach der anderen.

Polizisten einer französischen Eliteeinheit beziehen Stellung im Pariser Vorort Saint-Denis. Hier vermuteten die Behörden den mutmaßlichen Drahtzieher der Anschläge von Paris, den belgischen Dschihadisten Abdelhamid Abaaoud. Foto: dpa

Der 34-Jährige wohnt in einer Parallelstraße der Rue Corbillon, wo eine Polizei-Eliteieinheit um 4.20 Uhr morgens ein Appartement in einem mehrstöckigen Wohnhaus stürmt. Die Beamten in ihren blauen Kampfanzügen stoßen jedoch auf unerwartet heftigen Widerstand. Mehrere Explosionen, denen ein gut zehnminütiger wilder Schusswechsel folgt, reißen die Einwohner der halben Vorstadt aus den Betten. Aber nur wenige laufen auf die Straße, wo sie sofort von Polizisten oder Soldaten wieder in ihre Wohnungen zurückgescheucht werden. Im Umkreis der weiträumig abgesperrten Rue Corbillon wimmelt es zu diesem Zeitpunkt von bis an die Zähne bewaffneten und schusssichere Westen tragenden Ordnungshütern.

Um 4 Uhr haben hier rund 110 Polizisten sowie 50 Soldaten Stellung bezogen. Jetzt blockieren ihre gepanzerten Einsatzfahrzeuge die Straßen, während der Suchscheinwerfer eines über Saint-Denis kreisenden Hubschraubers über die Fassaden der Häuser tastet. Andernorts durchstechen dünne grüne Laserstrahlen die Dunkelheit. Sie stammen von den Zielvorrichtungen der Präzisionsgewehre in den Händen der Scharfschützen, die auf den Häuserdächern postiert sind. Immer wieder peitschen in unregelmäßigen Abständen Salven aus Schnellfeuergewehren durch die Nacht.

Der Großeinsatz gilt dem mutmaßlichen Drahtzieher der Anschläge von Paris, dem belgischen Dschihadisten Abdelhamid Abaaoud. Eigentlich vermuteten die Ermittler ihn in Syrien. Doch in der Nacht sollen Hinweise aus belgischen Geheimdienstkreisen und aus Telefonmitschnitten, die im Rahmen der Fahndung nach den noch lebenden Attentätern erfolgten, die Aufmerksamkeit auf das Haus Nummer 8 der Rue Corbillon gelenkt haben. Tatsächlich dringen die Elitepolizisten um 4.20 Uhr trotz des Kugelhagels in das Appartement ein, wo sich in diesem Augenblick eine mutmaßliche Terroristin in die Luft sprengt. Ein zweiter Verdächtiger wird von einem Scharfschützen erschossen.

Es gelingt den hochtrainierten Mitgliedern der Einheit, drei weitere Personen zu überwältigen und aus dem Haus zu schaffen. Aber das Sperrfeuer eines besonders gut verschanzten Mannes zwingt die Polizisten, die bereits fünf Verletzte in ihren Reihen zählen, schließlich zum Rückzug. Erst bei einem zweiten Zugriff um 7.30 Uhr kann der letzte mutmaßliche Dschihadist entwaffnet und verhaftet werden. Keine zehn Minuten zuvor hat ein Armeeoffizier Denis M. und sieben anderen Neugierigen in barschem Ton befohlen, gefälligst zu verschwinden.

Noch während unweit des Orts des Geschehens der wegen Mordes vorbestrafte Eigentümer des gestürmten Appartements zusammen mit einer Begleiterin festgenommen wird, evakuieren die Polizisten das Haus. Zu den Bewohnern gehört Sabrine, die sich stundenlang mit ihrem Baby unter dem Bett verkrochen hat und schreckensbleich erzählt, dass "meine halbe, von Kugeln durchsiebte Schlafzimmerdecke heruntergekommen ist". Unter Schock steht auch ein junges Ehepaar, welches sich mit seinem Kleinkind nach den ersten Schusswechseln in die Toilette geflüchtet ist. Aus ihr wollte die kleine Familie selbst dann nicht herauskommen, als die Beamten sie dort fanden.

Rathaus und Rundfunk verbreiten schon seit dem frühen Morgen die Anweisung der Behörden an die 100 000 Einwohner von Saint-Denis, auf keinen Fall ihre Wohnungen zu verlassen, sowie den Hinweis, dass Kindergärten, Schulen und die Universität der Vorstadt an diesem Tag geschlossen bleiben. Bus- und U-Bahn-Verkehr sind unterbrochen. Eine Entwarnung wird auch nach dem zweiten Zugriff nicht gegeben, das Zentrum bleibt abgesperrt. Bis zum Mittag durchsuchen Polizeikräfte mehrere Gebäude, vor allem aber jeden Quadratzentimeter des Hauses Nummer 8 in der Rue Corbillon, nach versteckten Waffen und Sprengstoff.

Kurz vor Mittag erklärt Regierungssprecher Stéphane Le Foll, dass der Anti-Terror-Einsatz beendet sei. Gleichzeitig treffen Innenminister Bernard Cazeneuve und der Pariser Staatsanwalt François Molins in der Rue Corbillon ein. Während Cazeneuve den "herausragenden Mut" der Einsatzkräfte "in dieser äußerst gefährlichen Situation" lobt, bestätigt Molins den Tod von zwei mutmaßlichen Terroristen sowie die Festnahme von sieben weiteren Verdächtigen. Die Medien melden, dass eine Islamisten-Zelle zerschlagen werden konnte, die ganz offenbar weitere Attentate vorbereitete. Staatsanwalt Molins wollte das "so noch nicht bestätigen". Unklar ist zu diesem Zeitpunkt, ob sich der islamistische Rädelsführer Abaaoud unter ihnen befindet. Erst am Abend teilte die Staatsanwaltschaft in einer Pressekonferenz mit, durch den Einsatz sei eine Terrorzelle "neutralisiert" worden.

Der Verdacht freilich, dass Frankreichs Behörden gewisse Informationen zurückhalten, um die Jagd auf die Terroristen nicht zu gefährden, ist seit dem letzten Freitag beinahe zur Gewissheit geworden. So ließ das Innenministerium am Samstag erklären, dass wohl alle an den Anschlägen beteiligten Attentäter tot seien. Einem, höchstwahrscheinlich sogar zweien, nach denen mittlerweile international gefahndet wird, gelang jedoch die Flucht. Dass die Augenzeugenberichte der These von nur acht auf drei verschiedene Kommandos verteilten Dschihadisten von Anfang an widersprachen, dürfte den Ermittlern aber kaum entgangen sein.

Verhör Der Paris-Attentäter Brahim Abdeslam und sein international gesuchter Bruder Salah sind vor den Anschlägen in der französischen Hauptstadt von belgischen Ermittlern verhört worden. Sie seien aber nicht weiter beobachtet worden, weil „keine Anzeichen einer möglichen Bedrohung? vorgelegen hätten, erklärte die Staatsanwaltschaft in Brüssel und bestätigte damit einen Bericht der Website „Politico?. Brahim Abdeslam habe versucht, nach Syrien zu reisen, habe es aber „nur bis in die Türkei geschafft?, sagte Sprecher Eric Van Der Sypt. „Er wurde bei seiner Rückkehr verhört, sein Bruder eben- so.? Ihre französischen Kollegen schalteten die belgischen Ermittler nach Angaben Van Der Sypts nicht ein: „Selbst wenn wir sie Frankreich gemeldet hätten, bezweifle ich, dass man sie hätte aufhalten können.? afp Immer mehr Verfahren: Dschihad-Rückkehrer beschäftigen Justiz 19.11.2015 Falscher Alarm: Air-France-Flugzeuge in USA umgeleitet 19.11.2015 Damaskus: Fahrplan zum Frieden in Syrien 19.11.2015 Paris: Der Held aus dem Bataclan 19.11.2015 Undercover auf dem Weihnachtsmarkt: Polizei will verstärkt Präsenz zeigen, doch Betreiber betonen: Absolute Sicherheit kann es nicht geben 19.11.2015 Schläge gegen die Infrastruktur der Dschihadisten - Russland derzeit erfolgreicher als Frankreich: Allein aus der Luft wird laut Experten der Kampf gegen die Terrormiliz IS nicht zu gewinnen sein 19.11.2015 Der Terrorpate aus Molenbeek: Rätselraten um Dschihadisten Abdelhamid Abaaoud - Belgier soll Attentate geplant haben 19.11.2015 Leitartikel · Sport und Terror: Die Angst spielt mit 19.11.2015 Cameron in der Zwickmühle: Viele Abgeordnete im Unterhaus hadern mit einem Militäreinsatz in Syrien 19.11.2015 Razzia im Morgengrauen: Hinweise auf Drahtzieher der Anschläge von Paris: Eliteeinheit stürmt Wohnung im Vorort St. Denis 19.11.2015 Keine neue Bedrohung: Lage bleibt laut BKA-Chef angespannt · De Maizière mit Äußerung in der Kritik 19.11.2015 Jetzt in Hannover: Bis dann, Helge 19.11.2015 Frankreich sprengt Terrorzelle : Festnahmen und Gerüchte um Tod des Drahtziehers Abaaoud 19.11.2015

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Erstellt:
19. November 2015, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
19. November 2015, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 19. November 2015, 12:00 Uhr

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