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Das Kriegsende in Mössingen (2) – Zeitzeugen berichten

Hitlerbild entdeckt

Vier Brüder aus Mössingen kamen in Russland um. Ein anderer desertierte und schlug sich von Frankreich durch. Zwei Zeitzeugen-Berichte in unserer Reihe „Zeit-Zeugnisse“.

30.06.2011

Mössingen. Nach dem Einmarsch der Franzosen in Mössingen am 22. April 1945 waren die französischen Soldaten durch die Häuser gezogen, hatten das Hausgut der Bewohner auf die Straße geworfen und mit dem Panzer überfahren.

Ernst Steimle aus Mössingen-Belsen fiel es als kleiner Junge in den Nachkriegsjahren immer auf, dass die Scheune seiner Großmutter Barbara Wolf in der Mössinger Brunnenstraße wie leer geräumt war. Die Großmutter erzählte ihm, wie die Franzosen das landwirtschaftliche Gerät sowie Fahrräder zerstört hatten. In ihrem Wohnzimmer war noch ein Hitlerbild entdeckt worden.

Hitlerbild entdeckt
Gotthilf Wolf (1913 - 1944)

Nicht weit von der Abbildung des Führers waren die Bilder ihrer vier Söhne in Uniform zu sehen. Ein französischer Offizier fragte sie, wer diese seien. „Das sind meine vier Söhne. Sie sind alle in Russland gefallen“, erwiderte sie. Der Offizier war sichtlich berührt von diesem Schicksal und erteilte den Befehl, die Zerstörungsaktion des Panzers vor dem Haus von Barbara Wolf sofort einzustellen.

Ohne Waffe zum Schanzenbau

Hitlerbild entdeckt
Friedrich Wolf (1920 - 1943)

Karl Ehmann aus Mössingen weiß noch, wie sein Vater – gleichen Namens – von seinen Kriegserlebnissen berichtete. Im Dezember 1944 war dieser ohne Waffe mit zwei weiteren Mössinger Volkssturmmännern zum Schanzenbau nach Belfort geschickt worden.

Doch schon Anfang des Jahres 1945 zeigten sich Auflösungstendenzen in den Einheiten. Selbst die Offiziere machten sich davon. Karl Ehmann sagte zu seinen Kameraden: „Wenn die Haue abhauet, isch’s für oas au Zeit!“ Doch die beiden anderen Mössinger hatten zu große Angst, wegen Fahnenflucht erschossen zu werden. Sie verharrten bei den Volkssturmeinheiten und kamen kurze Zeit später zu Tode. Die Tochter eines der gefallenen Kameraden hat bei Karl Ehmann junior immer wieder beklagt: „Hätt‘ mei Vatter bloß auf dein‘ g’hert! No dät er no läba.“

Hitlerbild entdeckt
Adolf Wolf (1921 - 1941)

Karl Ehmann machte sich mit drei Kameraden aus der Albregion auf den Weg Richtung Heimat. Sie schlugen sich durch die winterlichen Wälder des Schwarzwaldes. Kurz vor Freudenstadt trafen sie auf einen flüchtigen Soldaten mit einem Lastwagen, der ihnen riet, Freudenstadt im weiten Bogen zu umgehen. Er ließ sie aufsteigen und nahm sie ein Stück mit.

Wäsche waschen gegen Essen

Hitlerbild entdeckt
Ernst Wolf (1923 - 1944)

In einem Waldstück bei Freudenstadt ließ er den Wagen jedoch stehen und ging die letzte Strecke zu Fuß zu seiner Schwester, wo er hoffte, sicher untertauchen zu können. Die vier anderen kamen nach mehreren Tagen glücklich in ihrer Heimat an. In seinem Haus in Mössingen in der Falltorstraße angekommen, blieb für Karl Ehmann nicht viel Zeit für die Wiedersehensfreude mit der Familie. Er zog sich schnell um und flüchtete in den Wald Richtung Olgahöhe, wo ihn der achtjährige Sohn Karl sowie die Mutter regelmäßig mit Essen versorgten. Erst als die Franzosen einmarschierten, verließ der Vater das Versteck.

Hitlerbild entdeckt
Karl Ehmann, senior

Karl Ehmann junior erinnert sich auch noch, wie seine Mutter Pauline nach dem Einmarsch der Franzosen für den algerischen Koch einer französischen Einheit Wäsche waschen musste. Als eine Art Dank durfte Karl junior dafür jeden Tag bei den Franzosen essen – und er schwärmt noch heute von den vorzüglichen Menüs. Die 15-jährige Tochter Käthe dagegen hielt die Familie auf dem Dachboden versteckt, um sie vor Übergriffen der Soldaten zu schützen.

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30.06.2011, 12:00 Uhr

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