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Raus aus dem Giftschrank

Hitlers Hetzschrift "Mein Kampf" ist bald wieder im Handel - als kommentierte Edition

Im neuen Jahr wird Adolf Hitlers Buch "Mein Kampf" in einer kommentierten Ausgabe erscheinen. Die Herausgeber wollen eine "Edition mit Standpunkt" liefern.

13.11.2015
  • PATRICK GUYTON

"Unser Anspruch ist", sagt Thomas Vordermayer, "Hitler beim Wort zu nehmen, ihn Zeile für Zeile zu prüfen." Es sind viele Worte und viele Zeilen, die der 32 Jahre junge Münchner Historiker mit drei seiner Kollegen zu prüfen haben. Knapp 800 Seiten umfassen die beiden Bände von Adolf Hitlers "Mein Kampf", 1925 und 1926 erstmals erschienen. Das Forscherteam vom Münchner Institut für Zeitgeschichte (IfZ) hat sich vier Jahre lang akribisch durchgearbeitet durch das Pamphlet des Hauptverantwortlichen für Holocaust und Zweiten Weltkrieg. So entstand die erste und nach dem Willen der Wissenschaftler auch einzige Neuausgabe von "Mein Kampf" nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus 1945. Anfang 2016, wenn das Urheberrecht 70 Jahre nach Hitlers Tod abgelaufen ist, wird das Buch im Handel zu kaufen sein. Ganz offiziell, ganz legal.

Bisher galt es als Monster. Ein Buch für den Giftschrank. Der Freistaat Bayern hatte das Urheberrecht erhalten, denn der nationalsozialistische Franz-Eher-Verlag hatte seinen Sitz in München, ebenso war Hitler in der einstigen "Hauptstadt der Bewegung" mit Wohnsitz gemeldet. Bayern verbot sämtliche Nachdrucke der Hetzschrift gegen Juden und für den totalitären NS-Staat wegen des Straftatbestands der Volksverhetzung. "Mein Kampf" - das einst meistgedruckte deutsche Buch mit einer Auflage von mehr als 12 Millionen Exemplaren sollte weg und so lange wie möglich auch weg bleiben.

Doch bald ist es wieder da. "Wir liefern eine Edition mit Standpunkt", sagt der Historiker Christian Hartmann, der das Projekt leitet. Das heißt: Der Text wird von wissenschaftlichen Kommentaren begleitet. 1200 Seiten sind das. Die Kommentare stehen neben dem Hitler-Text und darunter, "Mein Kampf" ist davon regelrecht umzingelt. Oberstes Ziel ist die Aufklärung. Thomas Vordermayer beschreibt es so: "Wir wollen die Dinge geraderücken und ergänzen." So soll er gestellt werden, der einstige "Führer".

Ist das Buch grauenvoll und unerträglich schlimm, ist es schlecht und abgrundtief dumm? Das sind nicht die Kategorien der Forscher. "Es ist die wichtigste Originalquelle von Hitler", sagt Vordermayer. "Der Text ist keine reine Ansammlung von Lügen, da wäre der Autor viel zu leicht zu entlarven." Vielmehr arbeite Hitler "mit Tatsachen, Halbwahrheiten, bewussten Aussparungen und Irreführungen sowie einem hohen Maß an Stilisierung".

Landsberg am Lech im Jahr 1924. Adolf Hitler sitzt in Festungshaft wegen des Putschversuches in München am 9. November 1923, dem Marsch auf die Feldherrnhalle. Obwohl er in Landsberg angenehme Haftbedingungen hat und viel Besuch von Gesinnungsgenossen erhält, ist seine Lage prekär. "Er war ein Staatenloser und von der Ausweisung bedroht", erzählt Vordermayer. Der Putsch war missglückt, Hitler stand vor einer höchst ungewissen Zukunft. Im Gefängnis hat er kein Publikum, vor dem er glühende, aufstachelnde Reden halten könnte. Stattdessen schreibt er. "Es ist eine Rechtfertigungsschrift", meint der Kommentator. "Der Nimbus des Gescheiterten sollte beseitigt werden, vielmehr will er sich als Sieger stilisieren."

So erzählt Hitler über sein Elternhaus auf eine Art, dass man den Eindruck hat, "er wäre als Einzelkind aufgewachsen", berichtet der Historiker. Tatsächlich aber waren die Verhältnisse äußerst schwierig mit verschiedenen Geschwistern und Halbgeschwistern. Bei seinen Jahren in Wien verschweigt er "die eigene Obdachlosigkeit". Vieles redet er schön. In seinen theoretischen Ausführungen habe er den Anschein erwecken wollen, "ein origineller Denker zu sein, der Neues in die Welt setzt". Vieles wurde aber aus anderen Schriften und von anderen Autoren abgekupfert. Den bestehenden Antisemitismus hat er noch einmal drastisch verschärft und sich an vielen Stellen aus Schriften der völkischen Bewegung bedient.

Wie gefährlich ist "Mein Kampf" heute noch? "Das Buch als Lektüre ist für die heutige Neonazi-Szene kein Thema", sagt IfZ-Sprecherin Simone Paulmichl. Das habe kürzlich der Verfassungsschutz bestätigt. Für Rechtsextremisten ist es "höchstens eine Trophäe". Das Buch war nie ganz weg. Es ist ein Leichtes, den Originaltext im Internet herunterzuladen. Online-Antiquariate bieten verschiedenste Drucke an: Beamten-, Hochzeits- oder Jubiläumsausgaben. Hitler auf Kroatisch, Tschechisch oder Türkisch. Die Preise: 50, 400 oder auch 800 Euro.

Vier Jahre lang hat Vordermayer Hitler gelesen. Eine Qual? "Viele Stellen in dem Text sind sehr anstrengend", sagt er. "Nicht nur wegen ihrer Geschmacklosigkeit, sondern weil sie auf die Zeit nach 1933 und 1939 vorausdeuten. Da tun sich Abgründe auf, da stockt einem mitunter der Atem." Von "Mein Kampf" in der Mitte der 1920er Jahre verlaufe der Weg zwar nicht geradlinig nach Auschwitz. In dem Buch sind aber Aussagen zu lesen, "die in der letzten Konsequenz auf Vernichtung hinauslaufen".

Info: Die kommentierte Edition von "Mein Kampf", herausgegeben im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte München - Berlin, erscheint im Januar 2016 in zwei Bänden, insgesamt 1948 Seiten, 59 Euro.

Hitlers Hetzschrift "Mein Kampf" ist bald wieder im Handel - als kommentierte Edition
Hat Hitlers "Mein Kampf" mit ausgewertet: der Historiker Thomas Vordermayer. Foto: ifz-muenchen

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13.11.2015, 12:00 Uhr

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