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DJ heißt eigentlich „Der Jurist“

Hochschullehrer beim Poetry-Slam und hinter dem DJ-Pult

2000 Gäste kamen am Mittwochabend zur elften Professorennacht ins Top 10. Und sie feierten bis in die frühen Morgenstunden. An den Turntables traten sechs Dozenten der Universität in Paaren gegeneinander an – ihr Erfolg bemaß sich an der Lautstärke des Jubels. Der strahlende Sieger: Ein Jurist.

11.06.2015
  • Lorenzo Zimmer

Sitzen drei Uniprofessoren in einer Club-Lounge und trinken Sekt. Was wie ein Witz klingt, ist eine reale Szene vom Mittwochabend. In diese hinein dröhnt plötzlich in ohrenbetäubender Lautstärke der Chorsatz „O Fortuna“. Carmina Burana. Carl Orff. Die meisten Gäste kennen das aus dem Schulchor – und diese Zeiten sind bei vielen im Publikum noch gar nicht so lange her.

Umwabert von Nebelschwaben bahnt sich der erste Gladiator seinen Weg durch die Menge, von der Musik beinah martialisch in Szene gesetzt. Die Luft flimmert. Dann: „Evacuate the Dancefloor“. Cascada. Abrupter hätte der Wechsel kaum kommen können. Doch das Publikum macht mit, tanzt, grölt, feiert wie auf Knopfdruck.

Verantwortlich für den musikalischen Übergang, der mal eben 100 Jahre Musikgeschichte überspringt: Frank Böckler. Wenn er nicht gerade im Top 10 auflegt, Professor für Pharmazie. Er ist der erste Hobby-DJ, der sich bei der elften Tübinger Professorennacht im Top 10 an die Plattenteller wagt. Es ist gerade 23 Uhr und der Club zum Bersten voll.

Im Vorprogramm hat Julian Lethbridge, Dozent für Anglistik, schon den Poetry Slam gewonnen. Literatur-Professor Jürgen Wertheimer und der junge Slammer Lukas Schädler schieden in der Vorrunde aus. Im Halbfinale setzte sich Lethbridge mit auf Englisch vorgetragenen Texten zum Thema Liebe gegen Justin Vollmann, Dozent für Mediävistik durch.

Im Finale traf der Brite im schwarzen Anzug dann auf Hank Flemming, der im Halbfinale mit einem sozialkritischen Text seinen Slammer-Konkurrenten Joscha Krug rausgehauen hat. Für Lethbridge gab es nach dem Sieg ein goldenes Mikrofon als Trophäe. Die 300 Studenten verließen den Clubraum Richtung Klangraum, um dem nächsten Contest des Abends beizuwohnen: diesmal an den Plattentellern.

Der 38-jährige Pharmazeut Frank Böckler legt ordentlich vor – tanzt auf der DJ-Kanzel, heizt die Menge mit einem Gestus an, der an die Großen der Szene erinnert: Sven Väth, David Guetta. Das Publikum goutiert seinen Einsatz mit Jubel. Die Lautstärke des Zuspruchs wird gemessen – sie soll an diesem Abend über Sieg oder Niederlage entscheiden. Böckler erreicht mit 113,3 Dezibel einen Wert, der lange ungeschlagen bleiben soll. Denn sein direkter Gegner, der Medienwissenschaftler Thomas Wilke, kann trotz Beatbox-Einlage zu Beginn seines DJ-Sets nicht an der Stimmung während Böcklers Auftritt klingeln. Nach Musik von Dusty Springfield und James Brown, die sonst eher selten zur Primetime im Top 10 läuft, muss sich Wilke geschlagen geben: 111,2 Dezibel zeigt das Messgerät nach seinem Set. Sieger Böckle badet im Jubel.

DJ Caniggia, seines Zeichens Profi und Prof-Berater an den Plattentellern, spielt ein kurzes Intermezzo: Rednex, Cotton Eye Joe. Das Publikum kocht, der Schweiß rinnt die Wände hinab. Dann der nächste Wettstreit unter Hochschullehrern. Die Kontrahenten: Informatiker Martin Butz und Anatomiedozent Thomas Shiozawa. Der gab sich vor dem Wettbewerb in der Professoren-Lounge siegessicher: „Ich gehe zwar wegen Zeitmangel selbst nicht mehr soviel weg, habe aber etwas ganz besonders vorbereitet.“ Dies werde ihm schon den Sieg bringen. Und er versprach nicht zuviel: Shiozawa rappt Selbstgereimtes auf den Beat des Deichkind-Hits „Leider geil.“ Den Text liest er vom I-Pad ab: „Keine Ahnung von der Prüfung – Multiple Choice – leider geil“, fabuliert er übers Medizinerleben. Seine Studenten johlen.

Gegner Butz geht anders an die Sache heran. Mit elektronischer Musik aus Minimal und Drum ’n’ Bass spielt er ein fast professionelles DJ-Set. Die Übergänge holpern etwas, aber Butz wirkt selbstsicher. Dreht hier am Bassregler und sorgt da mit leiseren Tönen für ein Break. And the winner is: Shiozawa. Mit 113,0 Dezibel setzt sich der Mediziner gegen den Konkurrenten aus der Computerlehre durch. Der erreicht mit 112,3 Dezibel aber einen beinah ebenso respektablen Wert. „Ich hoffe, ihr habt die andere Musik auch genossen“, raunt er ins Mikro. Ganz bestimmt!

Inzwischen ist es 2.30 Uhr, die Stimmung noch gelöster als zu Beginn. Wieder tönt Carl Orff aus den Lautsprechern. Markus Pudelko tritt ans DJ-Pult. „Ich werde es mit Musik aus meiner Zeit versuchen.“ So sagte der 47-Jährige „Oldie der Veranstaltung“, wie er sich selbst bezeichnet, zuvor in der Lounge. Und so tönt für 20 Minuten „seine Musik“ aus den Boxen: Rolling Stones, Blondie, The Clash, James Brown. Und zur Krönung: Heino. Damit bringt es der Wirtschaftswissenschaftler immerhin auf einen Dezibelwert von 113. Glatt.

Sein Kontrahent: Christoph Thole gibt dann zum Besten, was am Ehesten an einem normalen Mittwoch im Top 10 laufen würde. Zwischen Elektro-DJ Fritz Kalkbrenner und Hiphop-Koryphäe Jan Delay ist eine Menge Platz für vieles, das in den letzten Jahren in Charts und auf Dancefloors rauf und runter lief. Vielleicht liegt es daran, vielleicht auch am sehr dankbaren Zustand des Publikums gegen 3 Uhr. Vielleicht liegt es aber auch an beidem, dass Thole mit einem gemessenen Dezibelwert von 116,5 nicht nur seinen direkten Gegner Pudelko schlägt, sondern auch den inoffiziellen Gesamtsieg einfährt. Ob er den Sieg erwartet hat? „Keineswegs. Die Konkurrenz war stark“, sagt der strahlende Champion. „Und es hat riesig Spaß gemacht.“

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11.06.2015, 12:00 Uhr

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