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Ausflug in die aktuelle Architektur

Höhepunkt war die Tonnenhalle der Mössinger Pausa

Am Samstag, dem Tag der Architektur, gab es in 41 baden-württembergischen Städten Busfahrten zu gelungenen Bauwerken. Im Kreis Tübingen war so viel interessante Architektur zu betrachten, dass sogar zwei Touren zusammen kamen. Die Ausstellung „Beispielhaftes Bauen“ in der Tonnenhalle der Mössinger Pausa zeigt alle Tagesziele in Wort und Bild.

25.06.2012
  • Susanne Mutschler

Steinlachtal. Das erste Beispiel für optisch und energetisch gelungenes An- und Umbauen, das der Ofterdinger Architekt Wolfgang Neichel, die Landschaftsarchitektin Dagmar Hedder und ein Tross Interessierter ansteuerten, war das grasgrüne Gebäude mit dem Aufzugsturm in der Mössinger Bahnhofstraße. Vor kurzem ist dort die Ceres-Wachkoma-Wohngruppe eingezogen. Der Gomaringer Architekt Ernst Martin Rempfer überzeugte nicht nur von der mutigen Farbe, die als Hoffnungssymbol sowohl zum Wohnkonzept wie zur grünen Vergangenheit eines alten Forsthauses passe, sondern auch von den architektonischen Veränderungen im Inneren. „Gar nicht wie ein Pflegeheim“, raunten sich die Tour-Teilnehmer zu, als sie durch die hellen, freundlichen Räume schritten.

In Gomaringen erlaubten Eva und Marc Rein viele neugierige Blicke in ihr holzummanteltes Eigenheim (wir berichteten). Rempfer erläuterte, wie das 1959 gebaute Haus durch die Dämmung von Dach und Wänden „einen zusätzlichen Kittel und einen Hut“ bekam und wie die Heizung über eine Luftwärmepumpe funktioniert.

Der Gomaringer Architekt hatte auch für den Anbau des Alterswohnsitzes von Gretel und Werner Killgus in Ofterdingen den Plan gemacht. Das 50er-Jahre-Haus sollte vorausschauend im Erdgeschoss um ein Schlafzimmer und ein barrierefreies Bad erweitert werden. „Eine Kiste mit Zäsur“ nannte Rempfer den zweigliedrigen Holzrahmenanbau salopp. Die Busreisenden staunten über die leichte Optik des verglasten Zwischenteils und die Funktionalität der hinzu gewonnenen 40 Quadratmeter in dem neuen Baukörpers. Licht und luftig wirkt das Schlafzimmer zum Garten hin, rollstuhlgerecht das kleine Bad bis ins Detail. „Das Erdgeschoss reicht uns, wenn wir mal nicht mehr können“, sagt Gretel Killgus zufrieden. Das Wohnzimmer setzt sich auf einem terrassengroßen, freistehenden Balkon fort, in eine Wand hat Rempfer für mehr Licht ein schmales und langes Querfenster brechen lassen. „Wenn die Bäume blühen oder rote Äpfel tragen, ist das wie ein Bild“, begeistert sich die Hausfrau. Bloß zum Putzen sei es schlecht, gibt sie den Architektur-Touristen mit auf den Weg.

Die sind schon weiter ins Ofterdinger Rathaus, ein Fachwerkbau von 1580. Vor 13 Jahren bekam es für eine neues Treppenhaus und eine Aufzugsanlage einen modernen Glas- und Stahlanbau, der sich nur in der Kubatur am historischen Vorbild orientiert. Den Entwurf machte Wolfgang Neichel. Von ihm stammt auch der Plan für den jüngst fertiggestellten Innenumbau im Erdgeschoss, der das vorher unsichtbar abgeschottete Bürgerbüro durch Glaselemente und eine raffinierte Beleuchtung in einen transparenten und freundlichen Empfangsraum verwandelt. Neichel liegt viel daran, dass sich seine Ideen in die Proportionen des baugeschichtlichen Raumes einpassen. Die Glastür-Konstruktionen betonen die massiven Wandreste des Ursprungsgebäudes, findet er. Bürgermeister Joseph Reichert freute sich darüber, wie gut sich die bauliche Ästhetik, die Brandschutzanforderungen und die bessere Heizbarkeit im Bürgerbüro miteinander vertragen. Die Mitarbeiterinnen hätten vor dem Umbau immer geklagt, ihnen sei zu kalt.

In der Ofterdinger Zehntscheune fiel es schwer, sich den düsteren Zustand vor der Sanierung ins Gedächtnis zu rufen. Im Treppenhaus dominiert der Kontrast zwischen altem Bruchsteinmauerwerk und dem kühl sachlichen Ausbau. Der Festsaal, der einst – wie Neichel sagte – eine gedrungene Atmosphäre „wie ein Wohnzimmer“ hatte, öffnet sich den Blicken jetzt durch verglaste Seitenwände vom Rathaus bis zum Farrenberg. Der Umbau habe „den Saal befreit“, das Holzgebälk in dem bis zum First offenen Dachstuhl „scheint zu schweben“, sagte Neichel. Am meisten Schweiß kostete ihn die perfekte Akustik. Er führte den überraschten Besuchern schwenkbare Lamellen im Bühnenbereich vor, die Hörgenuss ohne Verstärker erlauben.

Die zweite Tour-Gruppe aus Tübingen hatte unterdessen – geführt von den Architektinnen Andrea Egner und Barbara Winkler – die Alte Aula in der Tübinger Münzgasse und das Kaipfsche Haus in der Langen Straße angeschaut. Sie waren in Hirschau im Kinderhaus St. Martin und in Privathäusern in Immenhausen und Wankheim gewesen. Die letzte Station, bei der alle Architekturausflügler zusammentrafen, war die Pausa Tonnenhalle in Mössingen. Stadtbaudirektor Gebhard Koll und OB Michael Bulander gaben einen Überblick über die Baugeschichte des denkmalgeschützten Gebäudeensembles der ehemaligen Textilfabrik. Wie Architekt Michael Frank vom Stuttgarter Büro Baldauf die Aufgabe meisterte, Licht und Luft vom Obergeschoss des Industriebaus in das finstere Erdgeschoss zu bringen, mache die Tonnenhalle zum Pararadebeispiel für gelungenes Umbauen, fand Koll. Eine 30 Meter lange rote Rampe durchbricht das Gebäude in Längsrichtung. Sie verbindet das Foyer im Erdgeschoss, wo die Diakonie-Sozialstation und der Regionalverband Räume bezogen haben, mit dem lichtdurchfluteten Bereich der Stadtbücherei im Obergeschoss.

Info Für die Ausstellung „Beispielhaftes Bauen“ wurden aus 83 eingereichten Objekten 19 beispielhafte Bauwerke ausgewählt. Sie sind bis zu den Sommerferien zu sehen.

Höhepunkt war die Tonnenhalle der Mössinger Pausa
Beispielhaft: die kürzlich sanierte Mössinger Pausa mit dem markanten Treppenaufgang, der zur Bücherei führt.

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25.06.2012, 12:00 Uhr

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