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Brandenburger Tortrümmer

Hoffen.tlich gebäudeversichert: Tübingens neue Shedhallen-Schau

Hoffen.tlich. So lautet das Motto der Ausstellung. Nichts wird ja so sehr bemüht wie die Worthülse 2.0 und jede Webadresse hat irgendwo diesen Punkt. „tlich“ ist ersichtlich ein Anagramm von Licht. Und am Ende des Worts leuchtet einem das Ich genauso entgegen wie am Anfang das Hoffen. Aber um zu wissen, was wirklich gemeint ist, muss man den Punkt schon mitsprechen und mit zwei Tüpfelchen drüber versehen: „Hoffentlich pünktlich.“ Ein Wink an die Künstler, ihre jurierten Werke rechtzeitig zu liefern. Oder?

06.07.2012
  • Peter Ertle

Oder ist dieses Thema vielleicht doch etwas verhirnzwirbelt?

Da die aktuelle Ausstellung nicht mehr wie bisher im Multiplikator Kunstforumszeitschrift ausgeschrieben wurde, bewarben sich diesmal nur an die vierzig Künstler. Aus Barcelona, Vilnius oder London ist keiner dabei. Dafür aus Lenningen, Nürtingen und Lörrach. Sechzehn wurden auserwählt, darunter etliche, die schon in früheren Shedhallenausstellungen vertreten waren. Früher schmorte das hier geschlachtete Schwein bald im eigenen Saft. Heute die Kunst.

Die ausgewählten Werke, wo sie überhaupt ersichtlich den Umgang mit dem Thema suchen, legen den Akzent eher auf die gescheiterte Hoffnung. Das war erwartbar, die negative Utopie, die ironische Spielerei liegt der modernen Kunst, zumal im immer etwas dunkel sinnierenden Deutschland, näher. So kommt es, dass der Nürtinger Andreas Mayer-Brennenstuhl in der raumfüllendsten Installation das Brandenburger Tor im Maßstab 1:1 in Blöcke haut – auf Quader aufgeklebte Photodrucke – und zu einem Berg à la Caspar David Friedrich aufschichtet: Der Crash. Wir rechnen heute ja stärker mit ihm als sagen wir noch vor zehn Jahren.

Einen ähnlichen Zugang sucht Mayers Nürtinger Kollegin Josephine Bonnet. Und auch Gerhard Feuchter zerhaut eine rotweiße Messlatte zu Trümmern, während er im Hintergrund, wenn auch sehr abstrakt, drei Särge mit Körpern füllt, man kommt zu dieser Interpretation des typischen Feuchter-Werks allerdings nur über den Titel: „Spektakuläres Ende von drei Bauspekulanten am Ende aller Hoffnungen.“

Und sonst? Also es war schon mal mehr los in Shedhallenausstellungen, so fürs Auge. Die Schau scheint auch nicht optimal gestellt. Es gibt Sichtachsen, da fällt der Blick auf ein paar Eierkisten und dann ist Leere, Leere, Weite. Oder sollen wir sagen: Hoffnungslosigkeit? Im Hintergrund des hoffnungslosen Blicks durfte der Rottweiler Tom Grimm eine vergleichsweise horrende Anzahl von Objektkästen installieren. Warum so viele?

Wieso wurde J.H. Correias’ (Lenningen) Christusbild mit im Herzen eingebautem Ventilator ausgewählt? Vielleicht wollte man beim Thema Hoffnung wenigstens einmal konkret auch das Christentum dabei haben. Und wieso Wlodzimierz Szweds (Schorndorf ) schwarz-weiß- Triptychon, das weder künstlerisch aufregend noch erkennbar Thema-gebunden ist? Oder waren die Einsendungen insgesamt nicht gut genug?

Wenn Frenzy Höhne zwei rote Vorhänge mit nichts dahinter als „Darstellung erfüllten Glücks“ und „Darstellung vollkommener Liebe“ betitelt, hat das zwar mit dem Thema zu tun und man könnte über die treffliche Dialektik von Erfüllung/Nichts beziehungsweise Verhüllung/Offenbarung oder die falsche Vorstellung von Außen/Inhalt philosophieren, allein, es ist billig. Wen will man mit so was hinterm Ofen hervorlocken? Alle ihr jemals zurückgeschickten Bewerbungsfotos vergrößert als Kunst auszustellen, ist zumindest mal eine charmante Idee.

Gerd Paulinde lässt einen Totenkopf in einer Fotoserie mittels zunehmender Unschärfe verschwinden und killt so sukzessive den Tod. Hat man es begriffen, interessiert es nicht mehr.

Judith Wenzelmann (Kirchheim) nimmt das Hoffnungssymbol Luftballon, füllt ihn mit ein wenig Gips, der sich durch stetiges Herumkugeln innen als schmale, zweite Haut anlegt. Nach der Ballonschlachtung entstehen so Dino-große Eier, die in aufeinander gestapeltete Kisten verbracht werden und zerbrechen. Gescheiterte Anfänge? Zumindest haben wir diese Technik noch nicht gesehen. Genauso wenig wie Helmut Werres’ (Frankfurt am Main) seismographische Zeichnungen, bei denen ein Stift die leisesten Erschütterungen auf Autofahrten auf Papier überträgt. Oder Birgit Schübelins (Owen) Diagramme ihrer Herzfrequenz zu unterschiedlichen Tageszeiten, kreisförmig angeordnet, an florale Strukturen erinnernd. Das sind beides schöne Arbeiten und falls Schübelin eine Herzkrankheit haben oder Werres durch das Stift- halten gefährliche Verkehrssituationen heraufbeschwören sollte, haben sie sicher auch etwas mit hoffen.tlich zu tun.

Info: hoffen.tlich eröffnet heute um 19 Uhr in der Shedhalle. Michael Gompf hält die Einführungsrede. Judith Wenzelmann zeigt in einer Performance ihre Luftballon-Gipsblasenstapelung. Die Ausstellung ist bis zum 29. Juli Do 18-20 Uhr, Fr, Sa, So 14-17 Uhr zu sehen.

Hoffen.tlich gebäudeversichert: Tübingens neue Shedhallen-Schau
Nur ein Systemfehler. Und rückgängig gemacht werden kann er in solcher Kunst-Simulation auch, der schaurig-romantische Crash im Herzen Europas: Andreas Mayer-Brennenstuhls Blöcke des Brandenburger Tors. Caspar David Friedrich? Die eingestürzten Twin-Towers?Bild: Metz

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06.07.2012, 12:00 Uhr

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