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Im Tunnel hat’s sich ausgerockt

Holger Kesten wünscht sich von der Stadt mehr Einsatz für junge Leute

Äußerlich hat sich Holger Kesten sehr verändert. Die zeitweise hüftlangen Dreadlocks sind seit Mai ab. Obwohl der 33-Jährige mit den praktischen kurzen Haaren jetzt aussieht wie viele aus seiner Altersgruppe, ist er sich treu geblieben. Er macht weiter als DJ AGE in Clubs Radau und Rabatz und geißelt, dass in einer so jungen Stadt wie Tübingen Ausgehmöglichkeiten fehlen.

20.10.2012
  • Ute Kaiser

Tübingen. Erst traf es das Mancuso an der Blauen Brücke. Dann machte der „Zoo“ in der Weststadt dicht. Wer in Tübingen die Nacht zum Tag machen möchte, findet immer weniger Orte zum Partymachen. Dass es dafür unter den rund 27 000 Studierenden und den jungen Tübinger Auszubildenden und Berufstätigen durchaus ein Publikum gibt, zeigte die dritte Tübinger Partynacht am Samstag vor einer Woche. Die haben im wesentlichen Holger Kesten und sein Kompagnon Stephan Eissler organisiert. Sie betreiben zusammen auch das Tübinger-Reutlinger Veranstaltungsportal partykel.info.

Mit dem Musikauflegen hat Kesten schon als 16-jähriger Schüler bei der Faschingsfete eines Vereins in Untersteinbach angefangen. Die schlug ein. Deshalb machte der Hohenloher aus dem 50-Einwohner-Weiler Mittelsteinbach weiter. Auch als Student in Tübinger Wohnheimen oder im Clubhaus. „Es war die Zeit, als jeder einen Brenner hatte.“ Deshalb wuchs seine Sammlung an Musiktiteln ständig. Alle Einnahmen investierte er in CDs. Zu seinen Auftritten brachte er bis zu sechs Koffer voller Silberscheiben mit. Sein Künstlername sollte die englische Lautschrift vom „H“ seines Vornamens sein. Doch weil der „Radaumeister“, wie er sich seit Neuestem nennt, die nirgends fand, wurde AGE daraus – was schließlich genauso klingt.

Bei der jüngsten Tübinger Partynacht legte AGE im neuen Club der „Tangente Night“ auf. Im Souterrain an der Mühlstraße wird nun nicht mehr gezockt, sondern getanzt. „Besser kann man es in Tübingen nicht haben“, sagt Kesten, der mit den kurzen Haaren und der schwarzen Kapuzenjacke so gar nichts mehr von einem Bürgerschreck an sich hat.

Trotz der neuen Location, wie es in der Szene heißt, ist der Musikfan nicht zufrieden. Was die Ausgehmöglichkeiten für junge Leute angeht, sieht es aus seiner Sicht „düsterer“ aus als vor sechs Jahren, als er die Bürgerinitiative „Kultur & Nightlife“ gegründet hat. Er wollte und will in der Kulturpolitik mitmischen.

Von der aktiven Politik dagegen hat sich der ehemalige Landesvorsitzende der Grünen Jugend ganz verabschiedet. Vor zehn Jahren, nachdem er diverse Wahlkämpfe gemanagt hatte, war er „ein bisschen ausgebrannt“. 2004 ist er bei den Grünen ausgetreten. Seit einem durchs Erasmus-Programm der EU finanzierten Studienaufenthalt in England interessierte sich der spätere Ract!-Aktivist immer mehr für Kapitalismus- und Globalisierungskritik sowie für Widerstandsbewegungen. Seither verortet er sich „deutlich weiter links“ als die Grünen.

Als Vertreter der Jugendkultur findet er es schlimm, dass in einer so jungen Stadt wie Tübingen Clubs und Diskotheken sterben. Der 33-Jährige erwartet von der Stadt, dass sie sich „auf höchster Ebene“ dieses Problems annimmt und intensiv nach leerstehenden Objekten sucht. Kesten fällt dabei etwa der Schlachthof ein. Aber selbst wenn dort etwas entstehen würde, wäre das „nur ein Tropfen auf den heißen Stein“.

Wie es anders geht, zeigt die Landeshauptstadt. Stuttgart, so der Insider, „mausert sich gerade zur Clubhauptstadt Deutschlands“. Vergnügungswillige seien bereit, ziemlich weit zu fahren. Die würde der DJ und Event-Veranstalter gern in der Unistadt halten. Doch Brachen, die sich für eine Zwischennutzung als Veranstaltungsort eignen, gebe es immer weniger. Und hier werde die Debatte meist unter dem Motto „zu viel, zu laut, zu chaotisch“ geführt.

Die Anwohner – beispielsweise am Marktplatz – sieht er nicht als Hauptproblem. „Zu plus-minus 90 Prozent“ hat Kesten sie als „verständnisvoll und kooperativ“ erlebt. Es lag am Wetter, dass er zwei Mal mit seinem leisen „Tübingen lauscht“-Festival Pech hatte und Miese machte. Sollte das je ein Revival erleben, sagt Kesten, „dann nur mit einem finanzkräftigen Partner“.

Im Tunnel unterm Schlossberg hat es sich dagegen generell ausgerockt – eine Spätfolge der Loveparade in Duisburg vor zwei Jahren mit 21 Toten und weit über 500 Verletzten. Die Fluchtwege im Tübinger Tunnel sind schlicht zu lang. Die Rock-Party scheitert an der Versammlungsstättenverordnung des Landes.

Doch von Fehlschlägen und Rückschritten lässt sich der aus privaten Gründen nach Belsen umgezogene Nachtarbeiter nicht aufhalten. Sein nächstes Projekt, angepeilt fürs kommende Jahr, könnte eine leise Disko sein. Dort bekommt jeder Gast einen Kopfhörer auf, der schnurlos vom DJ-Pult mit Musik versorgt wird. Keine wummernden Bässe lassen den Boden beben. Nur das Geräusch von Gesprächen dringt nach außen. Weshalb Kesten das Schloss, Unigebäude, der Marktplatz, aber auch das Kloster Bebenhausen durchaus als Veranstaltungsorte geeignet erscheinen.

Womöglich verhindert die leise Disko auch, was der „Radaumeister“ als „Unkultur des Rumgrölens“ beschreibt. Das Verhalten, inklusive Vorglühen bis zur Volltrunkenheit, „hat sich deutlich verschlechtert“. Filme wie die Komödie „Project X“, in dem eine Fete völlig außer Kontrolle gerät, förderten „zerstörendes Partyverhalten“. Hier, sagt er, „erweist sich das Partyvolk einen Bärendienst“. Die Schuld daran den Clubs und Kneipen zu geben, hält Kesten aber für den falschen Ansatz: „Sie sind mit ihren Angeboten die erste Verteidigungslinie gegen noch mehr Privatfeiern auf Plätzen und Straßen.“

Derartiges Verhalten hat gar nichts mehr mit der positiven Stimmung zu tun, die er als DJ bei „42°FIEBER“ oder im „DAS DING Radau & Rabatz Klub“ erzeugen will. Für den legt der 33-Jährige durchschnittlich sieben Mal im Monat in Clubs von Ravensburg bis Mainz auf. Mit diesen Auftritten und mit seiner halben Stelle als Öffentlichkeitsarbeiter im Reutlinger franz.K finanziert sich der „Ein-Mann-Betrieb“ Kesten den Lebensunterhalt.

Holger Kesten wünscht sich von der Stadt mehr Einsatz für junge Leute
„Mit jedem Projekt ging ein Semester flöten“, sagt Holger Kesten. Er hat 23 Semester studiert, bis er den Magister in Politikwissenschaft, Öffentlichem Recht und Rhetorik hatte. Musik auflegen, Politik machen und Events organisieren kostet Zeit. Bild: Metz

Holger Kesten wünscht sich von der Stadt mehr Einsatz für junge Leute

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20.10.2012, 12:00 Uhr

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