Film

Hollywood sucht Selbstdarsteller

Bei Amazon-Produktionen sollen Schauspieler künftig etwa in sexueller Orientierung und Nationalität mit ihren Figuren übereinstimmen. Das schafft keine Diversität, sondern schadet der Kunst.

16.08.2021

Von MARCUS GOLLING

Phoebe Dynevor (rechts) und Rege-Jean Page in einer Szene aus „Bridgerton“. Netflix setzte für die Serie auf „farbenblindes Casting“. Die Amazon Studios wollen einen anderen Weg gehen. Foto: Liam Daniel

Ulm. Dumme Frage, aber: Was machen Schauspielerinnen und Schauspieler eigentlich beruflich? Es sind Menschen, die auf der Bühne, im Film oder im Fernsehen eine Rolle verkörpern, sich also im Dienst der Kunst und/oder der Unterhaltung temporär in einen anderen Menschen verwandeln. Man kann sich dafür knochig hungern und fett fressen wie Christian Bale für „The Machinist“ beziehungsweise „American Hustle“, man kann nachts Taxischichten schieben wie Robert de Niro vor dem Dreh von „Taxi Driver“ oder selbst in Drehpausen krumm und unbeweglich im Rollstuhl bleiben wie Daniel Day-Lewis am Set von „Mein linker Fuß“. In dem Film schlüpfte er in die Rolle des schwerbehinderten irischen Malers und Schriftstellers Christy Brown. Er bekam dafür seinen ersten Oscar.

Man kann von dieser seltsam männlichen Lust an der Extremverwandlung, am Schinden des eigenen Körpers halten, was man will, in der Vergangenheit waren es aber eben jene Radikalmetamorphosen, die von Publikum, Kritik und der Oscar-Academy gewürdigt wurden. Je krasser die Verwandlung, desto bemerkenswerter die Leistung: Dieser Logik gehorchte die Schauspielerei. Die Amazon Studios, längst international einer der wichtigsten Fernseh- und Filmproduzenten, setzen dieser Idee im eigenen Haus ein Ende: Seit Juni gilt dort ein „Inclusion Playbook“, also ein Regelkatalog, der Diversität fördern soll. Und darin steht, dass die Schauspielerinnen und Schauspieler in mehreren Kategorien mit den Figuren übereinstimmen sollen, die sie spielen: hinsichtlich Geschlecht, geschlechtlicher Identität, ethnischer Zugehörigkeit, sexueller Orientierung, Behinderung und auch Nationalität.

Das ist sicher gut gemeint, die Branche hat sich in solchen Fragen in der Vergangenheit nicht unbedingt sensibel gezeigt, zu sehr war sie auf Gewinnmaximierung fixiert. Als Superstar Scarlett Johansson für die Hauptrolle der Real-Neuverfilmung des japanischen Anime „Ghost in the Shell“ (2017) ausgewählt wurde, wurde die Diskussion über „Whitewashing“ im Film laut. Die Praxis hat in Hollywood eine lange Tradition: So wurde der radebrechende indische Nerd im Roboter-Familienfilm „Nummer 5 lebt!“ von einem Weißen gespielt. Als ob es keine indischen Schauspieler gegeben hätte.

Doch die Richtlinien der Amazon Studios geben eine falsche Antwort auf die Frage, wie die Filmwelt diverser und inklusiver werden kann. Wie die „Zeit“ bereits spitzfindig feststellte, hätte Ang Lees Drama „Brokeback Mountain“ so nie gedreht werden dürfen: Heath Ledger und Jake Gyllenhaal sind heterosexuell. Daniel Day-Lewis ist zwar Ire wie die Figur in „Mein linker Fuß“, hat aber keine Behinderung. Überhaupt ist die Aufnahme der „Nationalität“ und der „sexuellen Orientierung“ in den Katalog absurd. Müssen die Briten Kate Winslet oder Benedict Cumberbatch jetzt um die US-Staatsbürgerschaft betteln? Soll Elliot Page etwa nur noch transsexuelle Kanadier spielen?

Das LGBT-Manifest #ActOut von 185 deutschen Schauspielerinnen und Schauspielern wandte sich erst vor wenigen Monaten genau gegen solche Festlegungen. Denn sie bedeuten – zumindest theoretisch – eigentlich auch: Homosexuelle dürfen keine Heterosexuellen spielen, das Repertoire wird durch Identitätsmerkmale zusätzlich beschränkt. Prominente wie „Tatort“-Kommissarin Karin Hanczewski beklagten im „SZ Magazin“, dass sie ihre sexuelle Orientierung geheim halten müssten, weil sie sonst keine Mainstream-Rollen bekämen. Nach der neuen Amazon-Logik – wenn sie denn mehr als eine vage Zielvorgabe ist – wäre es jetzt erst recht so.

Die Fixierung auf die Identität führt im Kulturleben schon seit Jahren zu seltsamen Verwerfungen. Die studentisch-aufgeregten Debatten vor allem an US-Universitäten schreiben sich längst in die Denkweisen des Mainstreams ein, lassen Entscheidungsträger Internet-Shitstorms oder Boykottaufrufe fürchten. Jeanine Cummins, nur zu einem Viertel Puertoricanerin, wurde beim Erscheinen ihres Romans „American Dirt“ das Recht abgesprochen, über das Leid lateinamerikanischer Migranten zu schreiben. Auch in Ausstellungen rückt das Thema Identität, fast immer aus der Ich-Perspektive, ständig ins Zentrum: Kunst darüber, wie es ist, abseits sexueller Normen zu leben oder irgendwie gehandicapt zu sein; in weltläufigen Häusern (oder der Documenta) auch über die Lebensweisen fremder Kulturen, gerne ausgeführt in für diese typischen Techniken. Das Universelle verschwindet, die Nabelschau wird zum Normalfall. Was für ein Verlust!

Der neue Dogmatismus öffnet keine Türen, er reduziert den Menschen auf das, was ihm bei seiner Geburt mitgegeben wurde. Kunst bedeutet aber – und für die Schauspielkunst gilt das ganz besonders –, sich in den Anderen einzufühlen, das Fremde zu erforschen, nicht nur sich selbst in Schaufenster zu stellen. Das „-spiel“ in Schauspiel steht da nicht ohne Grund. Aus der Distanz kann Nähe entstehen – oder Komik: Die Performance von Neil Patrick Harris als smarter Superaufreißer Barney Stinson in der Comedy „How I Met Your Mother“ ist auch deshalb ein Riesenspaß, weil der Schauspieler aus seiner Homosexualität schon lange kein Geheimnis machte.

Niemand braucht einen weißen Schauspieler, der sich für eine „Othello“-Rolle Schuhcreme ins Gesicht schmiert, niemand Filme, die rassistische oder sexistische Klischees reproduzieren. Mehr Diversität tut dem Kino, dem Fernsehen und jeder Kunst gut. Und es gibt Mittel, die zum Ziel führen. Dass Amazon im „Inclusion Playbook“ jedem Filmteam einen Mindestanteil von 30 Prozent Frauen und Menschen aus einer unterrepräsentierten ethnischen Minderheit vorschreibt, ist in einer Branche, die lange von sexgeilen, weißen Egomanen wie Harvey Weinstein bestimmt wurde, so ein Mittel.

Seit „Bridgerton“ hat das Publikum gelernt, mit „farbenblindem Casting“ umzugehen. In der Netflix-Historien-Serie sind manche Mitglieder des britischen Hochadels People of Color, selbst die Königin. Den Erfolg hat das nicht geschmälert. Auch der britische Schauspieler Dev Patel („Slumdog Millionaire“), Sohn indischer Eltern, bekam für die Titelrolle in der Dickens-Verfilmung „David Copperfield – Einmal Reichtum und zurück“ (2019) positive Resonanz. „Colorblind Casting“ richtet den Blick auf die Qualität der Story und die schauspielerische Leistung und bringt eben kein Proporz-Kino hervor.

Aber auch hier gibt es Kritik: Weiße Geschichten mit diversem Cast zu verfilmen, ändere nichts am strukturellen Rassismus. Es ist derzeit kompliziert, das Richtige zu tun.

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Erstellt:
16. August 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
16. August 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 16. August 2021, 06:00 Uhr

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