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Buden-Bedarf

Homepage sammelt Leerstände in der Region

Eine Gruppe Studenten machte am Freitag lautstark in der Tübinger Innenstadt auf unbewohnte Häuser und Wohnungen aufmerksam. Solche Immobilien in der Region sammelt nun die Homepage leerstandsmelder.de.

03.12.2012
  • Fabian Ziehe

Tübingen. In Tübingen mangelt es an Buden? Ansichtssache. Auf dem Marktplatz waren Arbeiter am Freitagabend damit beschäftigt, eine Bude nach der anderen hochzuziehen – nicht als Wohnquartier, sondern Pagodenzelte für den Schokoladenmarkt. Kein Trost für das Dutzend Studenten inmitten des Aufbaulärms: Mit Plakat, Banner und Megafon wiesen sie auf die Leerstände in Tübingen, Reutlingen und ringsum hin.

„Das ist gut, es gibt nämlich viele Wohnungen ringsum, die leer stehen“, sagte eine Passantin, die sich neugierig der Versammlung genähert hatte. Angesichts der noch immer großen Wohnungsnot gerade unter den Studenten in Tübingen war die Resonanz auf den Demoaufruf allerdings überschaubar: Es waren etwa genauso viele Polizisten wie Aktivisten vor Ort. „Eins-zu-Eins Betreuung“, merkte ein Demo-Teilnehmer grinsend an. Aber: Die Aktivisten wollen mehr werden und so Aufmerksamkeit wecken.

„Uns geht es um eine Vernetzung“, sagte Joachim Dinkelmann. Der Bewohner des Wohnprojekts „Lu 15“ hatte nicht nur zur Demo zusammengetrommelt. Er ist auch lokaler Betreuer der Netzplattform leerstandsmelder.de, die seit ein paar Tagen unbewohnte Immobilien rings um Tübingen und Reutlingen auflistet. 24 Häuser sind dort innerhalb weniger Tage auf einer Karte markiert worden (siehe Kasten). „Und es sind noch viel mehr“, fügte Dinkelmann hinzu.

Er kam durch eine Nachfrage aus Hamburg auf die Idee, Leerstände publik zu machen: Dort kam für das Gängeviertel zuerst die Idee auf, online unbewohnte Häuser und Wohnungen zu markieren. 661 Einträge sind es in der Hansestadt heuer. Der Leerstandsmelder für Tübingen und Reutlingen ist mittlerweile die zehnte lokale Dépendance der Aktion in Deutschland und Österreich.

Dinkelmann war bereits vorher durch einen Artikel im TAGBLATT auf die Leerstands-Problematik aufmerksam geworden. In dem Bericht ging es um das leerstehende Gebäude in der Gartenstraße 7. Bei diesem hatte die Tübinger Stadtverwaltung schon vergeblich versucht, die Inhaber für das Schaffen neuen Wohnraums zu gewinnen.

Nach kurzer Rede und wärmendem Glühwein zog der kleine Demonstrationszug quer durch die Altstadt, um weitere Leerstände zu besichtigen. Etwa ein mutmaßlich unbewohntes Stockwerk im ersten Stock eines Gebäudes der Langen Gasse. „Warum putzt dort keiner raus, schmeißt die vertrockneten Zimmerpflanzen weg und zieht ein?“ fragte Dinkelmann.

Am Haagtorplatz war im Leerstandsmelder ein ganzes Haus als unbewohnt eingetragen. Es war aber nur ein Stockwerk. „Solche Fehler bei den Einträgen können natürlich passieren“, räumte Dinkelmann ein. Dafür böte die Plattform jedermann Zugang. Wohnraum als Ressource werde so jedem sichtbar gemacht – ob er nun eine Wohnung oder Laden- und Werkstattflächen sucht.

Wie sieht es mit Besetzungen aus? Die Demo fand nicht ohne Grund an dem Tag statt, an dem vor 33 Jahren das Haus Ludwigsstraße 15, die Lu 15, besetzt wurde. Womöglich begleiteten deshalb so erstaunlich viele Polizisten die kleine Demo. „Miete verweigern, Kündigung ins Klo, Häuser besetzen so-wie-so“, rief zudem eine der Demonstrantinnen – allein: Es war ein Scherz.

Für diesen Freitag sei gewiss nichts geplant: Dinkelmann und der Plattform gehe es ohnehin nur darum, Transparenz zu schaffen und so gesellschaftlichen Druck aufzubauen. Das Online-Projekt soll die breite Bevölkerung ansprechen, nicht nur (aber natürlich auch) die linke Subkultur. Wie als Beleg zogen die Demonstranten vors Edith-Stein-Karmel in der Neckarhalde. Das Kloster wurde 2011 aufgelassen, seither stehen viele Zimmer leer. „Dort könnten gut fünf Familien einziehen“, sagte Dinkelmann. Es könnten ja fünf christliche Familien sein.

Homepage sammelt Leerstände in der Region
Ein leerstehendes Stockwerk wollen die lokalen User von leerstandsmelder.de in der Tübinger Langen Gasse ausgemacht haben: Bei einer kleinen Demo gingen Studenten am Freitag mutmaßlich unbewohnte Immobilien in der Innenstadt ab und protestierten dabei gegen ungenutzten Wohnraum in der Region. Bild: Ziehe

Bei der Homepage leerstandsmelder.de reichen eine E-Mail-Adresse und ein Alias-Name, um Immobilien einzutragen. Neben der Anschrift können Bilder vom Gebäude hochgeladen werden. Eigentümer, Nutzungsart, Abrissgerüchte und Geschichte des Hauses können ebenfalls vermerkt werden. Zusätzlich gibt es eine Kommentarfunktion. Die Adressen werden auf einer Karte markiert. Seit zwei Jahren gibt es die Seite als „kollektiver und frei zugänglicher Daten- und Raumpool“, so Joachim Dinkelmann. Sie will jenen Hausbesitzern etwas entgegensetzen, die alte Häuser verfallen lassen, um sie später abreißen zu können. Daneben gebe es auch viele Hausbesitzer, die sich aus verschiedenen Gründen schwertun, einen Mieter zu finden. Dinkelmann widerspricht, dass die Nutzung von Wohnungen eine reine Privatsache sei. „Im Grundgesetz steht, Eigentum verpflichtet. Das muss ja auch für Wohnungen gelten.“

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03.12.2012, 12:00 Uhr

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