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Todesstoß von der Gaufilmstelle

Horber Lichtspielverein wird von den Nazis aufgelöst

Die Horber Kinogeschichte ist reich an Aufs und Abs. Just jetzt, da das Horber „Olympia-Kino“ von den Betreibern des Lahrer Kinocenters übernommen wird, jährt sich zum sechszigsten Mal der Tag, an dem der „Lichtspielverein Horb“ von den (hiesigen) Nazis aufgelöst wurde.

28.04.2011
  • Werner Rees

Horb. Mit der Schließung des Olympia-Filmtheaters in der Mühlener Straße – eröffnet am 12. Dezember 1958 von Erwin Waldner senior und weitergeführt von Kurt Waldner – endete am 1. April vorläufig ein Stück Horber Kinogeschichte, nachdem auch das alte Kino am Schillerplatz schon seit längerem seine Pforten geschlossen hat.

Dessen Geschichte ist eng verknüpft mit dem Lichtspielverein Horb, der am 13. Februar 1930 gegründet worden war. Den Vorstand bildeten Postinspektor Matthäus Winzenried, Postinspektor Clemens Albus und Kaufmann Siegfried Stern. 1941 beendeten dann die Nationalsozialisten das Engagement dieser Horber Bürger in Sachen Kino. So ganz freiwillig und mit Freude scheint die Auflösung des Lichtspielvereins nicht über die Bühne gegangen zu sein. In der Ortschronik von Paul Knoll, aufbewahrt im Stadtarchiv, findet sich unter dem 16. April 1941 nämlich folgender Eintrag:

„Auflösung des Lichtspielvereins Horb. Gestern Abend fand im Rathaussaal eine Hauptausschußsitzung und eine außerordentliche Hauptversammlung statt. Der Vorstand des Lichtspielvereins, Winzenried, verläßt am 1. Mai Horb. Es hätte eigentlich ein Nachfolger für ihn bestellt werden sollen. Aber die Sache kam anders. Der Kreisleiter von Horb, Handwerkskammerpräsident und Landeshandwerksmeister Bätzner in Stuttgart, der hier einen ständigen Vertreter hat und äußerst selten und nur bei besonderen wichtigen Begebenheiten hierher kommt, war zu dieser Sitzung gekommen, um die Erklärung abzugeben, daß die Gaufilmstelle Stuttgart dem Lichtspielverein jetzt keine Filme mehr liefern werde! Damit war dem Verein der Todesstoß versetzt!

Der Kaufmann Ruhland, Inhaber der Lebensmittelgroßhandlung August Haueisen und Ratsherr hier, hat sich daraufhin bereit erklärt, den Betrieb des Lichtspielhauses (das Gebäude ist Eigentum der Stadtgemeinde Horb. In demselben befindet sich auch die städtische Haushaltungsschule mit großer Küche) ab 1. Mai 1941 zu erwerben und wie bisher weiter zu führen. Er hat sich verpflichtet, auf dem von ihm im vorigen Jahr erworbenen Anwesen des ehemaligen Güterbeförderers Fischer, gelegen in der Neckarstraße gegenüber dem großen Konfektionshaus J. Haipt, ein großes Lichtspielhaus mit mindestens 450 Sitzplätzen zu erbauen. Dasselbe soll dann auch bei größeren Parteiveranstaltungen benützt werden.

Nach dieser Sachlage blieb dem Verein nichts anderes übrig, als der Auflösung des Vereins und dem Übergang des Lichtspielbetriebes in eine Privathand zuzustimmen. Der Beschluß wurde zwar einstimmig, aber nur sehr ungern und notgedrungen gefaßt. Das ansehnliche Vereinsvermögen wird, nach Rückzahlung der 100 RM betragenden Anteilscheine ohne jeden Aufschlag an die Mitglieder, von den bestellten Liquidatoren verwaltet und im Sinne der Vereinssatzung für gemeinnützige Zwecke verwendet werden.

Es muß hier noch angefügt werden, daß der Verein immer nur gute, erstklassige Filme zur Aufführung gebracht hat.

Zu Liquidatoren des aufgelösten Lichtspielvereins wurden ernannt: Kreisleiter Bätzner und Postinspektor Winzenried.“

In der Ortschronik findet sich dann unter dem 10. Mai 1941 zum Tagesordnungspunkt 4 der Ratsherrensitzung noch folgender Eintrag:

„Mit dem neuen Besitzer des Lichtspielbetriebes, Kaufmann Ruhland, muß ein neuer Mietvertrag über die Überlassung des städtischen Lichtspielgebäudes ab 1. Mai 1941 abgeschlossen werden. Der monatliche Mietpreis wurde auf 130 RM festgesetzt. An baulichen Veränderungen sind vorgesehen: eine Verbreiterung des Einganges; eine Vergrößerung des Vorraumes an der Kasse, dafür eine Verkürzung der Bühne; die Bestuhlung wird einheitlich durchgeführt und bis zu 370 neue Stühle, zum Teil mit Polstern bezogen, werden aufgestellt. Die Kosten dieser Änderungen, die recht beträchtlich sind, muß der Mieter tragen und sie werden ihm auch später nicht ersetzt. Die Stadt läßt auf ihre Kosten den am Haus angebrachten Balkon beseitigen und später auf dem noch guten Verputz des Hauses eine andere Farbe auftragen, ferner den Platz vor dem Lichtspielhaus frisch bekiesen. Sind alle diese Arbeiten durchgeführt, so wird Horb wenigstens interimistisch (bis Ruhland sein großes Lichtspielhaus gebaut haben wird) ein Lichtspielhaus besitzen, das einigermaßen den Ansprüchen genügen wird, die man an eine neuzeitliche Kulturstätte stellen muß.“

Mit dem geplanten großen Lichtspielhaus wurde es bekanntlich nichts. Am 2. Dezember 1949 wurde der Lichtspielverein mit Landrat Hugo Schneider als Vorstand neu errichtet. Ziel war wohl, mittels einer Klage beim Restitutionsgericht das ansehnliche Vereinsvermögen zurück zu bekommen. Doch dies hatte keinen Erfolg.

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28.04.2011, 12:00 Uhr

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