Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Gründer der deutschen IPPNW gestorben

Horst-Eberhard Richter war ein Vordenkern der Friedensbewegung

Er mischte sich ein, engagierte sich für Frieden und die Psychoanalyse-Forschung. Nun ist Horst-Eberhard Richter nach kurzer Krankheit gestorben. Seine eigene Lebensgeschichte machte ihn zum Pazifisten.

21.12.2011

Von WOLFGANG PLISCHKE, EPD

Er protestierte gegen den Irak-Krieg, gegen Männlichkeitswahn und Massenarbeitslosigkeit - als Therapeut in die "spannenden Dramen von Menschen" verwickelt zu sein, war Horst-Eberhard Richter zu wenig. Der Psychoanalytiker mischte sich ein, mahnte und stellte unbequeme Fragen. Am Montag ist der Arzt und Pazifist nach kurzer Krankheit in Gießen gestorben. Er wurde 88 Jahre alt.

Der Vordenker der Friedensbewegung in Deutschland war immer wieder für zivile Formen der Konfliktlösung eingetreten. Er plädierte für soziale Gerechtigkeit und rief Politiker und Bürger zu verantwortlichem Handeln auf. Ärztliches Verhalten habe er immer auch politisch gesehen, schreibt die Organisation IPPNW (Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs) auf ihrer Internet-Seite.

Ärzte hatten Richter zufolge die Verpflichtung, das Leben zu schützen und sich nicht durch die Politik instrumentalisieren zu lassen.

Richter, geboren 1923 in Berlin, gilt als ein Pionier der psychoanalytischen Familienforschung und Familientherapie in Deutschland. Im Jahr 1962 übernahm er einen Lehrstuhl für Psychosomatik an der Universität Gießen. Sein Buch "Eltern, Kind und Neurose" (derzeit 33. Auflage) wurde zum Standardwerk der Kinderpsychologie und Erziehungswissenschaft.

Von 1992 bis 2002 leitete er das Frankfurter Sigmund-Freud-Institut. Richter ordnete Neurosen familiären und sozialen Zusammenhängen zu, warb für das "Lernziel Solidarität" (1974) und kritisierte im "Gotteskomplex" (1979) den "Allmachtswahn der westlichen Fortschrittsgesellschaft".

Willy Brandts Ost- und Friedenspolitik fand in Richter einen großen Anhänger. Als Brandts Begleiter im Wahlkampfzug 1972 blieb ihm die "Menschlichkeit" des SPD-Politikers im Gegensatz zu "gepanzerten Machtpolitikern" in Erinnerung. In den 80er Jahren nahm der Psychoanalytiker an Demonstrationen der Friedensbewegung gegen die Nachrüstung teil. "Atomarer Wahnsinn", befand er und forderte eine Politik der Verständigung.

Zusammen mit Gleichgesinnten gründete Richter 1982 die deutsche Sektion der Ärzteorganisation IPPNW. "Mein Talent liegt darin, Menschen, die schon beunruhigt sind, zu helfen, wie sie ihre Unruhe gemeinsam mit anderen in Aktivitäten umsetzen können", erläuterte er einmal. Sein Engagement rief oft Kritiker auf den Plan. Sie hängten ihm das Etikett des "Gutmenschen" und "Moralisten" an, nannten ihn "Jünger des Zeitgeistes". Doch Richter ließ sich nicht beirren.

Wissenschaftliches Erkenntnisinteresse und gesellschaftspolitisches Engagement erklären sich aus seiner Biografie. Als junger Soldat an der Ostfront, so schilderte Richter seine Erlebnisse im Zweiten Weltkrieg, sah er viele ermordete, zerfetzte Frauen und Kinder. "Natürlich" habe auch er getötet, sagte er einst. Zugleich war Richter fasziniert von der menschlichen Wärme einer russischen Familie, die er in einer Holzhütte kennenlernte.

Schamgefühle kamen auf, den Krieg empfand er als "schlimmste Erniedrigung und Barbarei". Seine Eltern wurden kurz nach Kriegsende bei Berlin von betrunkenen russischen Soldaten getötet.

Richter initiierte Kongresse, bei denen die Rolle der Mediziner in der NS-Zeit aufgearbeitet wurde. Ärzte dürften keine "abgestumpften Datenauswerter" oder "technischen Macher" sein, sondern sollten an der Seite hilfebedürftiger Menschen stehen, appellierte er an seine Berufskollegen. Angesichts rasanter Fortschritte in der Biomedizin und Gentechnik rief er zu Ehrfurcht vor dem Leben auf.

Freunde nannten ihn einen "Workaholic" und "Familienmenschen". Kräfte sammelte er in den Schweizer Bergen. Zudem betätigte sich Richter, der seit 1947 verheiratet war und drei erwachsene Kinder hat, als Mineraliensammler.

Der Wissenschaftler unterstützte auch die Globalisierungskritiker von "Attac". 2006 veröffentlichte Richter das Buch "Die Krise der Männlichkeit in der unerwachsenen Gesellschaft". Da vielen Gott abhandengekommen sei, "glauben wir, ihn ersetzen zu müssen, indem wir selbst zu Gott werden, zu einem männlichen Allmachtsgott".

Die 1985 mit dem Friedens-Nobelpreis gewürdigte Ärzteorganisation IPPNW würdigte Richter als "großen Humanisten" und eine der führenden Persönlichkeiten der Republik. Spitzenpolitiker der Grünen hoben Richters maßgebliche Rolle für die Friedensbewegung hervor. Er sei ein Mensch gewesen, der sich mit "den gesellschaftlichen Zuständen nicht abgefunden hat".

Er ist immer für zivile Formen der Konfliktlösung eingetreten: Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter. Nun starb er im Alter von 88 Jahren. Foto: dpa

Zum Artikel

Erstellt:
21. Dezember 2011, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
21. Dezember 2011, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 21. Dezember 2011, 12:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen