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Hotspot der Taschendiebe
Einmal kräftig ziehen und die Tasche ist weg: Diebstahl ist am Kottbusser Tor in Berlin zur Plage geworden. Foto: dpa
40 000 Anzeigen jährlich in Berlin - Schwerpunkt Kottbusser Tor

Hotspot der Taschendiebe

40 000 Taschendiebstähle im Jahr 2015 in Berlin. Und die Diebe sind nicht zu fassen, weil die Opfer den Diebstahl zu spät bemerken. Eine der Hochburgen des kriminellen Geschehens: das Kottbusser Tor.

02.04.2016
  • PETER GÄRTNER

Berlin. Das Kottbusser Tor ist kein Ort zum Verweilen. Am Treppenaufgang der U-Bahnlinie 8 stehen drei traurige Gestalten - tiefe Schatten unter den Augen, fahrige Blicke, ausgemergelte Körper. Sie fragen mit brüchiger Stimme nach Geld, "können auch ein paar Cent sein".

Sie warten hier an der Treppe, deren Stufen die meisten Passanten so schnell wie möglich nehmen. In der Rinne daneben liegt Erbrochenes, überall Verpackungsmüll, Scherben und Essensreste. Auch oben stehen in Grüppchen Menschen zwischen 20 und 40 Jahren, denen man ansieht, dass sie schon lange harte Drogen oder viel zu viel Alkohol zu sich nehmen.

"Die sind harmlos", sagt Ahmed, der in einem der Kioske an dem Kreuzberger Knotenpunkt arbeitet. "Vor denen muss sich niemand fürchten." Durch die Scheibe zeigt er auf junge Männer, die scheinbar desinteressiert herumstehen. Sie tragen Kapuzenpullis, Jeans und Markenturnschuhe. "Die sind schnell, vor allem schnell weg."

Der Imbiss-Mitarbeiter sagt, es sei hier am "Kotti", wie viele den verwahrlosten Platz beinahe liebevoll nennen, "richtig schlimm" geworden, vor allem mit Dieben.

Tagsüber sind es die Kiez-Touristen, abends die Kneipenbesucher und Partygänger, die aus U-Bahnen und Bussen auf dem Weg zur Vergnügungsmeile Oranienstraße arglos aussteigen. Ahmed: "Es sind dankbare Opfer, die es den Tätern oft leicht machen."

Der stark frequentierte Kreuzungsbahnhof ist mit seinen vielen Treppen ein ideales Umfeld für den Treppentrick. Ist jemand mit Rucksack oder Umhängetasche ausgespäht, wird er oder sie von vorn angesprochen und abgelenkt. Dann greift ein Komplize flink zu, dreht sich um und verschwindet im Gedränge der Treppe.

Je später der Abend, um so häufiger wird auch der Umarmungstrick versucht: in scheinbarer Feierlaune auf das Opfer spontan zugehen, es ausgelassen umarmen und dabei Jacke und Gesäßtasche nach Portemonnaie und Wertvollem abtasten.

Auch Berliner werden am Kotti nicht verschont. Manche Taschendiebe geben sich als Touristen aus, zücken einen Stadtplan und sind scheinbar orientierungslos. Während der Einheimische vorgebeugt die gesuchte Straße sucht, kommt der Komplize von hinten.

Einige Banden wenden den Teppichmessertrick an. Während das Opfer sein Fahrrad anschließt, werden Rucksack oder Umhängetasche seitlich blitzschnell aufgeschlitzt. Was auf den Boden fällt, ist weg.

Die Polizei kennt alle diese Kniffe, doch zumeist kann sie wenig ausrichten. Denn viele Opfer merken viel zu spät, dass ihre Geldbörse weg ist.

Das Kottbusser Tor ist im Lauf der letzten Monate neben dem Alexanderplatz, der für Schlägereien und Betrügereien berüchtigt ist, zu einem Kriminalitätsbrennpunkt der Hauptstadt avanciert. Drogenhandel und Einbrüche, Raub und Diebstahl gab es hier schon lange, doch noch nie in solchen Ausmaßen. Die Zahl der Anzeigen wegen Diebstahls haben sich 2015 im Vergleich zu 2014 mehr als verdoppelt. Auch Drogen- und Raubdelikte und Körperverletzung werden häufiger.

Berlin ist die Hauptstadt der Taschendiebstähle mit über 40 000 Fällen im Jahr 2015 (rund 32 000 waren es 2014). Nur vier Prozent werden aufgeklärt. Etliche Geschäftsinhaber und Anwohner haben sich gerade zu einer Bürgerinitiative zusammengeschlossen, Hilferufe an Politiker geschrieben.

Die Polizei hat ihre Präsenz verstärkt. Sie bestätigt, dass unter den Tätern jetzt auch häufiger Nordafrikaner sind. Doch die Entwicklung mit dem Flüchtlingsstrom zu erklären, dem widerspricht die Statistik: 2015 wurden 1023 Delikte am Kotti von Deutschen begangen, aber nur 44 von Tunesiern.

Die Gefahr, Opfer von Taschendieben zu werden, endet nicht, wenn der Platz überquert ist. In den Cafés, Kneipen und Bars der Umgebung bevorzugen Gauner den Jackentrick: Eine über den Stuhl gehängte Jacke ausgucken, sich Rücken an Rücken zum Opfer setzen und mit dem eigenen Stuhl dicht heranrücken. Dann durchsucht der Täter durch die eigene Jacke die des Opfers - oft mit Erfolg.

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02.04.2016, 06:00 Uhr

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