Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Ganz unten

Hotspots für Topgreise

Stünde ich jetzt vor meinem 105., wäre mir leicht mulmig. Nun ist das Lebensgefühl eines oder einer Hundertjährigen vielleicht nicht so, wie es der aus dem Fenster steigende Hundertjährige im Bestseller suggeriert. Aber man fragt sich mittlerweile schon, wie ein 100.

05.08.2014

Von Ulla Steuernagel

Geburtstag ohne einen solchen Ausstieg zu überleben ist. Der Erwartungsdruck auf die Hundertjährigen hat sich erhöht. Und dieser Druck lastet in Tübingen auf ziemlich wenigen Schultern. 13 Hundertjährige gibt es in der Gesamtstadt und weitere 15 sind Über-Hundertjährige. Der Stadtteil, der ganz oben in den Charts der Langlebigkeit steht, ist Lustnau (fünf Hundertjährige und zwei Über-Hundertjährige, Kernstadt: 8 zu 11).

Sieht gut aus, ist es in Wirklichkeit aber nicht. Es fängt schon damit an, dass es in der Tübinger Statistik so undifferenziert „Über-Hundertjährige“ heißt. Dabei käme es doch auf die Über-105-Jährigkeit an. Vor kurzem berichtete das „Zeit-Magazin“ über die Hochburgen der Hochbetagten mit dem erschütternden Ergebnis, dass im Regierungsbezirk Tübingen unterdurchschnittlich viele 105-Jährige leben, 13 Prozent weniger als im Durchschnitt.

Tröstlich, dass München mit 53 Prozent Abweichung noch weit darunter liegt oder Niederbayern sogar 63 Prozent weniger hat. Vollends sprachlos macht uns aber, was sich da im Nordwesten der Republik abspielt: Regierungsbezirke wie Detmold (49 Prozent mehr), Weser-Ems (46) Schleswig-Holstein (52) haben deutlich mehr 105-Jährige als der Bundesdurchschnitt. Und jetzt kommt?s noch dicker: Hamburg 72, Berlin 59! Dabei ist die Lebenserwartung im Süden doch immer noch die höchste! Dass nun Scharen sehr alter Menschen aus Fenstern steigen, um nach Nordwesten abzuhauen, ist unwahrscheinlich. Das hätte das TAGBLATT schon mitgekriegt, denn dann wäre uns bei Nachfragen, ob wir über einen runden Geburtstag berichten dürfen, sicher häufiger beschieden worden: „Unsere Jubilarin ist in eine nördliche Seniorenresidenz abgewandert.“

Das Gegenteil ist richtig. Max-Planck-Demografen haben herausgefunden, dass die sehr alten Menschen sich durch größtmögliche Bodenständigkeit auszeichnen. Sie bewegen sich in einem stabilen sozialen Netz, in dem sie gut versorgt werden. Andererseits sind gerade die Großstädte die Hotspots für Topgreise. Große Städte stehen nämlich für medizinische Bestversorgung. Aber bitte, gute Versorgung (medizinisch und sozial) gibt es doch auch in Tübingen! Woran, liebe 105-Jährige, liegt es dann? Vielleicht sind euch hier die Radwege nicht gut genug.

Zum Artikel

Erstellt:
5. August 2014, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
5. August 2014, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 5. August 2014, 12:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen