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Früh aufstehen lohnt sich: unterwegs mit Kleintier-Preisrichtern in Nehren

Hühnerbewerter sind alte Hasen

Sie sind die unsichtbaren Entscheider, die kaum einer kennt: Kleintier-Bewerter. Am Wochenende waren sie auf der Lokalschau für Tauben, Geflügel und Kaninchen im Nehrener Hasenheim: 210 Tiere – und alle werden bewertet.

07.12.2014
  • Jürgen Jonas

Morgens um acht im Hasenheim, gleich neben dem Obwiesbach. 210 Tiere werden später ausgestellt – doch vor die Lokalschau haben die Kleintierzüchter die rechtzeitige Bewertung gesetzt.

„Hühnerbewerter sind alte Hasen,“ sagt Hartmut Rinn, der Vorsitzende des Vereins. Wilfried Stegmüller aus Gäufelden ist dabei. Seit fünf Jahren ist er, der beim Daimler als Betriebselektriker gearbeitet hat, im Ruhestand. Er hat morgens gegen 7 Uhr seinen Kollegen Uli Baur in Ergenzingen abgeholt.

Stegmüller hat daheim selbst Zwerghühner und etwa 40 Lockentauben, bei denen jede Feder gedreht ist. Seit 50 Jahren ist er Kleintierzüchter, seit 25 Jahren ist er als Preisrichter tätig. Er ist zweiter Vorsitzender der Preisrichtervereinigung, war lange Jahre auch ihr Schriftführer. 92 Mitglieder umfasst sie in Württemberg, Baden ist eigenständig, „wir haben noch alte Strukturen.“ Baur macht den Job erst 22 Jahre. Er ist Züchter von Hühnern, Tiergeflügel, Fasanen, Enten.

Sie machen sich ans Geschäft. Jedes Tier wird einzeln aus dem Käfig geholt und angeschaut, Handbewertung nennt man das. Die Bewertungen sind standardisiert, für alle Tiere liegt ein umfangreiches Regelwerk vor, es gibt 938 Rassen, aber „man sieht sie nicht alle“ bei den Schauen. Stegmüller nimmt eine Taube heraus, zur „Handbewertung“, untersucht den Schnabel, schaut ihr in die Augen, begutachtet das Brustbein, widmet dem Ring Aufmerksamkeit, überträgt die Nummer auf den Bogen, den er ausfüllt. „Der Ring ist der Personalausweis der Tiere“, mit der Information kann das Tier zurückverfolgt werden, wenn es etwa gestohlen wird oder abhanden kommt. Wichtig ist die Drittelung: Hals, Körper und Beine müssen sich in der Länge entsprechen.

Das Tier kommt mit „sehr gut“ weg. Stegmüller trägt auf der Bewertungskarte ein, es sei „überzeugend in Form und Stand“, hat eine „sehr gute Farbe“, die Nackenfedern stehen allerdings etwas zu sehr ab, die Federn auf den Schwingen entsprechen nicht ganz den Anforderungen, sie könnten „aufliegender“ sein. Und die Augenfarbe „etwas satter.“ Aber „das kommt noch, es ist ja noch ein junges Tier.“ Die Noten-Skala reicht von vorzüglich bis ungenügend. „Jede Rasse hat ihre Eigenarten, alle Kriterien müssen zur Geltung kommen“ sagt Baur. Er will einen Zwerg-Orpington-Hahn als „vorzüglich“ bewerten, nachdem er festgestellt hat, dass bei ihm die Axialfedern, diejenigen, die die Verbindung zwischen Hand und Arm des Huhnes bildet, besonders gut ausgeprägt sind. Dazu braucht er die Zustimmung des Kollegen.

Grundsätzlich gilt ihm: „Es muss im Käfig zu sehen sein, was auf den Karten steht“, sonst wird der Richter „angreifbar“ – auch wenn die Begründung von den Züchtern nicht immer akzeptiert wird. Hinterher gibt es oft Diskussionen – „das ist so wie beim Fußball“.

Wer Preisrichter werden will, muss erst einmal selber „Erfolge in der Zucht“ vorweisen können. Schon in der Praxis sammeln sie viel Erfahrung, aber sie genießen natürlich auch eine Ausbildung. Mit theoretischen Schulungen. Zwei Jahre erledigt man für die schon bestellten Bewerter Schreibarbeiten, beobachtet ihr Tun, im dritten darf man dann anfangen, selber zu bewerten. Wie ist er selber dazugekommen? „Wie die meisten, durch Eltern und Großeltern“, nur wenige Mitglieder kommen aus eigenem Antrieb.

Die Preisrichter bekommen eine Aufwandsentschädigung, die sich in bescheidenem Rahmen hält. Im Herbst und Winter, zwischen Oktober und Januar, in der Saison sind wir fast an jedem Wochenende unterwegs. Wobei die Jungtierausstellungen immer weniger werden. Die Vereine, sagt Stegmüller, schaffen das nicht. Überalterung. Auch bei den Preisrichtern übrigens.

Die Richter haben einen Koffer, in dem sich umfangreiche Fachliteratur findet, einen Preisrichterstab zum Inspizieren der Tauben und ihr Schreibbrett, das, sinnreich konstruiert, in die Käfige eingehängt werden kann. Bei Roland Renz, dem Ausstellungsleiter, laufen derweil die Informationen zusammen: Er gibt alle Daten und Bewertungen in den Computer ein. Der Landesverband verlangt nach den Schauberichten.

Für die Kaninchen sind drei Richter anwesend. Hier harren die Marburger Feh von Horst Wagner, die Perlfeh von Markus Rath, die Lohkaninchen von Joachim Dürr und die Weißen Wiener von Paul Klett (10) und Walter Wagner (77) der Bewertung. Die Tiere werden gewogen, Wagner und Heinz Keinath sind „Zuträger“, sie holen die Tiere aus den Käfigen, tragen sie zu den Richtern, setzen sie in die Waage.

Michael Mack, 38 und im fünften Jahr Preisrichter, kommt aus Bernhausen. Er hat Hasenkaninchen zu untersuchen, langgestreckt sind sie. Von „sehr schlanker Körperform“ mit „schnittig hoher Stellung“, „leuchtend rotbraun“ sollen sie sein, „die Fellhaarstruktur knapp mittellang.“ So steht es im „Standardbuch“ vom „Zentralverband deutscher Kaninchenzüchter.“ Ist die Blume auch nicht versteift, sind die Zehen gut geschnitten? Wie die Läufe gebaut sind, ob das Tier sie schön im „Katzentritt“ halten kann. Die Unterfarbe soll blau sein. Die Löffel ragen schön auf, wie beim Feldhasen. Bei diesem Exemplar ist allerdings die Unterfarbe „etwas blass.“ Der „Deutsche Kleinwidder“, den er sich vorknöpft, hat am Kopf regelwidrig ein „weißes Büschel“, das gehört dort nicht hin. Mindert die Punkte. Dafür ist das Geschlechtsteil samt der Hoden „in Ordnung“. Macks Opa hat Kaninchen gehalten, aber eher zum Essen. Erst als eine Freundin das Züchten begann, hat auch er Geschmack gefunden.

Jürgen Grandl und sein Sohn Tobias (27), noch Preisrichter-“Stift“, kommen aus Bad Wurzach, sind um fünf aufgestanden, zwei Stunden unterwegs gewesen, um der „Verpflichtung“ nachzukommen. Sie züchten Havanna-Hasen, die es in Nehren gar nicht gibt. Ein deftiges Vesper ist inbegriffen: Bei Zungen-, Leber- und Schinkenwurst sitzen sie beisammen, erzählen Geschichten von legendären Züchtern. Vor der Öffnung für das Publikum, um zwei, muss die Bewertung abgeschlossen sein. Von acht Uhr bis mindestens 12 sind die Preisrichter zugange. „Wir tun es mit Freude“, sagen sie.

Hühnerbewerter sind alte Hasen
Die Bewertungsrichter genau im Blick: Jürgen Grandl, Tobias Grandl und Michael Mack (von links) vor einem weißen Prachtexemplar.Bilder: Rippmann

Hühnerbewerter sind alte Hasen
Sag mir, wie steht es eigentlich mit deinen Axialfedern? Preisrichter Uli Baur (links) und Winfried Stegmüller begutachten den Zwerg Orpington von Züchterin Helene Bader.

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07.12.2014, 12:00 Uhr

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