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"Santo subito" verhallt im verlegenen Schweigen

Hürde für die Seligsprechung von Papst Johannes Paul II.

Die rasche Seligsprechung von Papst Johannes Paul II. war erwartet worden. Doch daraus wird nichts. Die enge Beziehung zum Gründer der Legionäre Christi wird Karol Wojtyla zum Verhängnis.

20.10.2010
  • HANSPETER OSCHWALD

Aus einem Heiligen Vater wird mit seinem Ableben keineswegs automatisch ein Heiliger der katholischen Kirche. Das gilt auch, wenn viele seiner Anhänger, vor allem die in frommen Erneuerungsbewegungen, Papst Johannes Paul II. unmittelbar nach seinem Tod im April 2005 heiliggesprochen sehen wollten. Am vergangenen Wochenende jährte sich nun der Jahrestag der Papstwahl von 1978. Dieses Jubiläum hätte sich wunderbar für die Seligsprechung geeignet. Daraus wurde nichts. Der Schaden für die Gesamtkirche wäre unabsehbar, wenn Papst Benedikt seinen Vorgänger zur Ehre der Altäre erheben würde. Es könnte sich schnell herumsprechen, welche Altlast Medien-Star Wojtyla hinterlassen hat. Es geht um Kindesmissbrauch.

Benedikt XVI. scheint dies zu wissen und auf Zeit zu spielen. Wer in Kurienkreisen nach dem Stand des Prozesses fragt, bekommt neuerdings die Antwort "sospeso", "suspendiert", frei übersetzt: Dieses Verfahren ruht und niemand weiß, wann es wieder aufgenommen wird. Joseph Ratzinger hat aus seiner Zeit als Präfekt der römischen Glaubenskongregation wichtige Gründe ins Papstamt mitgebracht, um seinen Vorgänger nicht "zur Ehre der Altäre" zu erhöhen.

Die wahren Motive für das massive Zögern Benedikts nennt ein Kurienmitarbeiter aus dem Umfeld eines mittelamerikanischen Kardinals, der namentlich nicht genannt werden will. Im Jahr 2000 hat jener Kardinal, getrieben vom Gewissen und dem Versprechen, das er einem Opfer des sexuellen Missbrauchs gegeben hatte, den damaligen Präfekten Ratzinger über den seit Jahrzehnten anhaltenden Missbrauch von Jugendlichen und Abhängigen durch Pater Marcial Maciel Degollado, den Gründer der Legionäre Christi, informiert und den Vatikan um Gegenmaßnahmen gebeten. Rom müsse endlich das, wie Papst Benedikt es heute formuliert, "unsägliche Verbrechen" beenden, das sich der nach außen hin gottgefällige und dem polnischen Papst besonders teure Ordensgründer Maciel zuschulden kommen lasse.

Kardinal Ratzinger kannte den Verdacht. Er trug die Anklage gegen Maciel Kardinalstaatssekretär Angelo Sodano vor. Der warnte davor, den Papst zu informieren. Ratzinger unterrichtete den Papst dennoch, jedoch vergeblich. Johannes Paul lehnte jede Maßnahme gegen den klerikalen Sextäter ab. Inzwischen ist nachgewiesen, dass Maciel mit mindestens zwei Frauen mindestens zwei Kinder zeugte und schon in frühen Jahren sich von etlichen seiner jungen Anhänger sexuell befriedigen ließ. Anschließend nahm Pater Maciel den Opfern auch gleich die Beichte ab, was einem maximalen Missbrauch des Bußsakraments gleichkommt.

Der Prozess gegen Maciel ruhte nach der Blockade beim Papst. Ratzinger hoffte auf bessere Aussichten. Diese eröffneten sich ihm kurz vor dem Tod des polnischen Papstes. Der begrüßte noch am 13. März 2005 von seinem Fenster aus ausdrücklich die Legionäre Christi auf dem Petersplatz. Da hatte Ratzinger bereits eine Untersuchung eingeleitet. Johannes Paul II. konnte nichts mehr beeinflussen, als der heutige Chefankläger der Glaubenskongregation, Charles Scicluna, nach Mexiko reiste, um 20 Personen zu befragen, darunter Maciels Opfer.

Schon am 26. Mai, also bereits fünf Wochen nach seiner Wahl, befahl Benedikt XVI. Maciel, sich aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen. Genau ein Jahr später verzichtete die Glaubenskongregation nur aus gesundheitlichen Gründen auf ein kirchenrechtliches Verfahren gegen den Ober-Legionär. Maciel musste sich aber aus seinem Orden entfernen. Der "schlechteste Legionär Gottes", wie er jetzt bezeichnet wurde, starb zwei Jahre später.

Inzwischen waren seine kriminellen Taten bekannt geworden. Schon 1997 hatten neun ehemalige Seminaristen erklärt, von Maciel in den 1940ern, 1950ern und 1960ern sexuell missbraucht worden zu sein, als sie zwischen 10 und 16 Jahre alt waren. Alle Opfer wurden durch Schweigegelübde von Maciel zur Geheimhaltung verpflichtet.

Unter dem Druck der kirchlichen Ermittlung kam die Wahrheit ans Licht. Im Auftrag von Papst Benedikt führten fünf Bischöfe eine weltweite apostolische Visitation des Ordens durch. Ihren Abschlussbericht übergaben sie am 30. April 2010 Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone. Daraufhin wurden die Legionäre zwangsweise unter eine neue Leitung gestellt. Ihre Seilschaften in der Kurie zerbröckelten. Heute bekennt sich in Rom kaum einer mehr zu den einst mächtigen und reichen Legionären Christi, die Vatikanintern treffend auch als "Millionäre Christi" charakterisiert wurden.

Jetzt wurde zudem klar, warum Karol Wojtyla die erste Auslandsreise Anfang 1979, ein Vierteljahr nach seiner Papstwahl, nach Mexiko unternahm - vier weitere Mexiko-Reisen folgten. Der Mexikaner Maciel hat einen Gutteil der Kosten übernommen und in dem offiziell kirchenfeindlichen Land ein Jubelprogramm zu Ehren des Pontifex organisiert. Die rustikal kämpferischen Legionäre Christi stiegen neben dem elitären Opus Dei zu einer der mächtigsten Seilschaften im Kurienapparat auf. Beide sind reich und halfen dem Pontifex gerne. Johannes Paul II. wurde nie müde, sie und ihresgleichen als "Hoffnung der Kirche" zu rühmen - obwohl er um den konkreten sexuellen Kindesmissbrauch durch Maciel wusste.

Hürde für die Seligsprechung von Papst Johannes Paul II.
2004: Papst Johannes Paul II. segnet Pater Marcial Maciel Degollado. Ermittlungen gegen den Pater wegen Kindesmissbrauchs blockierte der Papst. Archivfoto

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20.10.2010, 12:00 Uhr

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