American Football im Selbstversuch

Huh!

Der amerikanische Nationalsport schwappt nach Deutschland. Jetzt gibt es auch eine Mannschaft in Dietersweiler. 40 Kerle, 80 Schulterpolster und eine SÜDWEST-PRESSE-Redakteurin – ein Selbstversuch beim Football.

08.07.2017

Von Kathrin Löffler

Die Coaches Michael Mayer und Philip Henrych versuchen, SWP-Redakteurin Kathrin Löffler schreien und tacklen beizubringen. Klappt beides so halb. Bilder: Eggebrecht/privat

Ich werde ihn töten, ganz sicher. Vermutlich falle ich auf ihn, ramme ihm dabei mein Knie ins Gesicht, breche ihm das Genick, der arme Junge. Im Zweierteam sollen wir tacklen üben, also uns gegenseitig zu Boden bringen. Mein Gegenüber hockt vor mir, packt mich an den Kniekehlen, ich lande irgendwie auf dem Rasen, wir überleben beide, ich bin erleichtert. Als wir die Rollen tauschen, habe ich weitaus weniger Skrupel.

Ein Abend im Juli, ich stehe auf einem Kunstrasenplatz im Schwarzwald. Nebenan brüllen Kühe. Grillen zirpen, der Wind riecht nach frisch gemähtem Gras, es ist ein Idyll und ich bin geistesgestört. Um mich herum verwandeln sich gut 40 Kerle in gut 40 Schränke mit Helmen und Schulterpolstern. Mit denen absolviere ich jetzt ein American-Football-Training. Hätte eigentlich der Sportredakteurskollege machen sollen, der klagt allerdings zirka 187 Mal täglich über seine bestimmt unfassbar fürchterliche Arthrose. „Dann mach’s halt ich“, hörte ich ein Großmaul mit meiner Stimme sagen. Die Sache mit dem Tacklen habe ich dabei allerdings nicht bedacht.

Eigentlich habe ich auch sonst nichts bedacht. Football, das war für mich bisher durchkommerzialisiertes Ami-Zeug, mehr Show als Sport, mehr Hollywood als Gras fressen. In meinem ganzen vorurteilsbehafteten Leben habe ich noch kein Spiel gesehen. Kurz vor dem Termin musste dann doch das Internet als Informationsquelle für Halbwissen herhalten. Scheiß-Idee. „Wissenschaftliche Untersuchungen haben einen Zusammenhang zwischen den immer wieder sehr harten Kopfstößen im American Football und Krankheiten wie Alzheimer, Depressionen und Demenz gefunden“, sagt Wikipedia. Stehe ich also in diesem Schwarzwaldidyll und hole mir Alzheimer, Depressionen und Demenz, hurra.

Vor dem Spielen wollen Headcoach Michael Mayer, Typ Hühne, und Philip Henrych, Typ Drill Instructor, dass wir unsere Fitness verbessern. Sofort in Komplettmontur, wer ohne Helm aufs Feld latscht, vergnügt sich an Strafliegestützen. Wurste ich mich also in gepolsterte Hosen, Schulterpads, Helm. Mayer muss helfen, in diese Ausrüstung zu kommen ist eine komplizierte Angelegenheit. Aber ich gestehe: Nachdem ich erstmal drin stecke, fühle ich mich gleich um zehn My cooler als zuvor. Los geht’s, einlaufen. Die 40 Schränke und ich joggen in Gänsemarschaufstellung um den Sportplatz. Ganz vorne fängt einer zu singen an, der komplette Männerchor stimmt ein: „I‘m a Barbie girl in a Barbie world, Life in plastic, it’s fantastic.“ Allein für diesen Moment liebe ich den Erfinder des Footballs, wer immer das war.

Froschsprünge für die Fitness

Die Schränke heißen eigentlich Black Forest Foxes. Bis vor einem halben Jahr waren die meisten von ihnen noch schlicht: Fans. Sie begannen, Kontakte zu knüpfen, sich zu treffen, Trainer zu suchen. Mit dem SV Dietersweiler fanden sie einen Verein, dem sie sich anschließen konnten. Jetzt rennen und schwitzen sie zwei Mal wöchentlich gemeinsam auf dem Sportgelände „Birre“. Aus Fans wurden Spieler. Inzwischen sind die Foxes das erste offizielle American-Football-Team im Kreis Freudenstadt. 2018 wollen sie in den Ligabetrieb einsteigen.

Jetzt Krafttraining. Natürlich auch in Reih’ und Glied, hier wird nicht wird lustig durcheinander geturnt. Wir machen Jumpings Jacks, Kniebeugen, Liegestützen. Kenn’ ich, mag ich. Dachte ich. Normalerweise stecke ich dabei nämlich nicht in einer Michelin-Männchen-Montur. Bei den Sit-ups habe ich das Gefühl, dass mir gleichzeitig das Gewicht des Helms den Kopf abreißt und ich mich am Trikot erwürge.

Trainer Philip Henrych hat uns vorgewarnt: „Wer ein Sauerstoffzelt braucht, meldet sich.“ Wir patschen auf den Händen und in Schubkarrenhaltung übers Spielfeld. Schleifen uns huckepack über den Platz. Machen Kniehebeläufe. Sprünge in Froschhaltung. Krabbelgänge auf allen Vieren. Zirkeltraining. Wir hüpfen über halbe Baumstämme und von Autoreifen in Autoreifen und trippeln durch Koordinationsleitern. Unter meiner Michelin-Männchenmontur suppt ein Schweißbach an mir herunter. Aber es geht. Auch ohne Sauerstoffzelt. Nur das Schreien. Das Schreien geht gar nicht.

Schreien sollen wir aber. Bei jedem Ausfallschritt, den wir um eine Pylonenreihe herumchoreografieren, will Coach Henrych ein „Huh!“ hören. Hört er auch. Von den anderen. Die Jungs klingen dabei wie Löwen, die gleich eine kleinstadtgroße Antilopenherde reißen. Also ziemlich furchteinflößend. Ich klinge bestenfalls wie eine Meersau mit Bronchitis. Also ziemlich peinlich. Was ungeschickt ist, weil die Foxes dieses „Huh!“ als Universalformel nutzen: Der Trainer hält seine Begrüßungsansprache – alle schreien „Huh!“ Der Trainer erklärt den nächsten Spielzug – und die Mannschaft signalisiert mit ein „Huh!“, dass sie verstanden hat. Der Trainer checkt die aktuelle Stimmungslage – „Huh!“. Huh, Huh, Huh. Jeder Sprung in Froschhaltung kostet mich weniger Überwindung als der Versuch eines irgendwie ernstzunehmenden Schreis, ich schwöre. Nun besteht aber ein American- Football-Training nicht nur aus Sprüngen in Froschhaltung und Cardio-Einheiten und Muskeloptimierungsaufgaben. Sondern eben auch: aus Spielen. Und Spielen geht bei mir leider auch: gar nicht.

Wir üben Pässe. Geht im Idealfall so: losrennen, einen 90-Grad Haken schlagen und im Idealfall den Ball fangen, den einem der Quarterback zuwirft. Bei mir tritt der Idealfall genau einmal ein. Meine anderen Versuche ringen Markus Pryk, der unsere Angriffsbemühungen begutachtet, ein mitleidiges „Schade!“ ab. „Mach’ die Merkel-Raute zum Fangen“, rät er mir. Ich überlege, inwiefern mir eine Merkel-Raute helfen könnte, wenn mir ein kanonenkugelgleicher Lederklotz am rechten Ohr vorbeizischt, finde aber keine Lösung.

In den USA ist Football nicht nur Nationalsport, sondern gesellschaftlicher Mainstream. Die eigene Mannschaft macht das Renommee einer jeden High School und eines jeden Colleges. Der „Superbowl“, das Finale der amerikanischen Profi-Liga NFL, ist die Magnumflasche im globalen Sportevent-Zirkus. Weltweit zieht er Massen vor die Glotze. Die Pausenshows fahren mehr Flitter auf als jede Olympia-Eröffnung, Die Sahnekategorie der Popstars reißt sich um einen Auftritt, Janet Jacksons sogenannter Busenblitzer aus dem Jahr 2004 gehört längst zum Legendenschatz des Boulevards. Seit zwei Jahren überträgt auch der deutsche Privatsender „ProSieben Maxx“ Spiele der NFL – und heizt damit einen Football-Boom jenseits des Mutterlands an. Die Foxes gucken auch. Bei fast jedem Training stehen Neue am Spielfeldrand, die mitmachen wollen.

Der Ball ist weit weg – von mir

Zum Abschluss machen wir ein Spiel. Bei der Spielzugsbesprechung allerdings verstehe ich nur englischen Kauderwelsch. Pryk erklärt mir mit Engelsgeduld, was ich tun soll („Fünf Schritte geradeaus, dann nach außen ziehen.“). Ich bin in der „Offence“, im Angriff, und „Reciever“, ein Fänger. Zumindest formal. Tatsächlich habe ich mit dem Ball so viel zu tun wie Martin Schulz mit dem Bundeskanzleramt, aber hey. Ich habe American Football gespielt! Also ein bisschen. Also ein sehr kleines Bisschen. Bin schwer euphorisiert. Lasse mich dann trotzdem ohne Murren auswechseln und schaue zu. Körper krachen im Affenzahn aneinander und auf den Boden, schmeißen sich ineinander und fliegen durch die Luft, Extremitäten umkrallen sich, es knallt und klatscht und fetzt, Schalke gegen Dortmund sieht dagegen aus wie Gruppenkuscheln in Zeitlupe. In den USA gilt, nun ja, normaler Fußball als Mädchenhobby. Aus Gender-Studies-geschulter Perspektive kann man so eine Geschlechterzuschreibung freilich fragwürdig finden, aber ich beginne zu verstehen, warum das so ist.

Ende, Spiel aus, Training rum, Kreis bilden. Die Neuen dürfen in die Mitte und durchlaufen das Ritual einer Schweißdusche. Ich auch. Ein Fox hält eine, naja, Abschlussrede: „Gebt mir ein Huh für Kathrin!“ Und alle so: „Huh!“. Doch, ich mag American Football. Und während der Heimfahrt übe ich, mein Lenkrad anzuschreien.

Die Coaches Michael Mayer und Philip Henrych versuchen, SWP-Redakteurin Kathrin Löffler schreien und tacklen beizubringen. Klappt beides so halb. Bilder: Eggebrecht/privat

Die Coaches Michael Mayer und Philip Henrych versuchen, SWP-Redakteurin Kathrin Löffler schreien und tacklen beizubringen. Klappt beides so halb. Bilder: Eggebrecht/privat

Die Coaches Michael Mayer und Philip Henrych versuchen, SWP-Redakteurin Kathrin Löffler schreien und tacklen beizubringen. Klappt beides so halb. Bilder: Eggebrecht/privat

American Football in Schwaben

Der organisierte American Football begann in Deutschland 1978. Die German Football League ist die höchste deutsche Spielklasse. Aus Baden-Württemberg sind die Stuttgart Scorpions dabei. Die Ligenstruktur geht hinunter bis in die Kreisliga Baden-Württemberg. Die besteht aktuell aus sechs Teams: den Schwäbisch Hall Unicorns, den Rhein-Neckar bandits aus Mannheim, den Pattonville Generals aus Kornwestheim, den Ravensburg Razorbacks, den Kuchen Mamuts und den Heidelberg Jaguars. Wer bei den Black Forest Foxes mitspielen möchte, kann sich unter public@blackforestfoxes.de melden.

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Erstellt:
8. Juli 2017, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
8. Juli 2017, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 8. Juli 2017, 01:00 Uhr

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