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Stets adrett mit Anzug und Krawatte: Lionel Baier.Bild: Sommer




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08.11.2016

Von Philipp Schmidt

In 13 Jahren hat Lionel Baier 13 Filme geschaffen. Ein erstaunlicher Output, vor allem, wenn man bedenkt, dass der smarte Schweizer alle seine Drehbücher selbst verfasst. Dem 1975 in Lausanne geborenen, stets adrett in Anzug und Krawatte gekleideten Regisseur ist die Werkschau der Französischen Filmtage gewidmet. Besonders Baiers jüngste Filme, die heute und morgen nochmals gezeigt werden, zeigen sein breites Talent und Können.

„Les Grandes Ondes“ („Große Wellen“) von 2013 handelt von einem dreiköpfigen Reporterteam, das 1974 vom Schweizerischen Rundfunk nach Portugal geschickt wird, um über soziale Projekte zu berichten, die von der Schweiz gefördert werden. Stattdessen gerät das Trio mitten hinein in die Nelkenrevolution gegen die Estado Novo-Diktatur, deren Gelingen die Reporter mitbefördern.

Für diesen Film, erzählt der Regisseur, habe er einen internationalen Humor angestrebt und sich an amerikanischen Produktionen orientiert. Das ist deutlich zu sehen. Der freie Umgang mit Historie, die Vermischung von tatsächlicher Geschichte mit fiktionalen Elementen, erinnert mitunter an „Forrest Gump“. Ebenso, dass die historischen Ereignisse eher Kulisse sind und der Fokus auf den Charakteren und ihren Entwicklungen liegt.

Der Zuschauer ist ganz nah bei den Figuren, er leidet mit ihnen, wünscht ihnen einen glücklichen Ausgang und teilt ihre Euphorie in Anbetracht des gelungenen Aufstandes, die sich auch in einer sexuellen Befreiung widerspiegelt.

Ganz anders und doch verwandt zeigt sich „La Vanité“ („Die Eitelkeit“), Baiers jüngstes Werk. David Miller, ein älterer Mann mit kahlem Schädel, checkt in ein Motel ein. Die Stimmung ist düster, beklemmend, beinahe klaustrophobisch. Es dauert, bis man begreift, weshalb Esperanza, eine Frau im selben Alter, ihn besucht. Sie ist gekommen, um Sterbehilfe zu leisten. David leidet an Krebs, und da er den Tod für keine natürliche Angelegenheit hält, will er nicht auf natürliche Weise sterben. Dass der rechtlich benötigte Zeuge in letzter Sekunde abspringt, bringt den Zimmernachbarn Tréplev ins Spiel. Der als Stricher Arbeitende willigt ein, die Rolle zu übernehmen, und es entwickelt sich ein tragisch-komisches Kammerspiel.

Die Hauptfigur sei, so Baier, ein typischer Schweizer seiner Generation: arrogant und autoritär. Er hält es für normal, dass es Leute gibt, die bedienen und andere, sich sich bedienen lassen. Auch hier geht es im Kern also um Klassenkonflikte. Die tiefere Verwandtschaft beider Filme – und aller Filme Baiers – liegt jedoch in der Vielschichtigkeit der Figuren.

Der Stricher Tréplev überrascht zum Beispiel die beiden anderen und auch die Zuschauer damit, dass er auch ein fürsorglicher Familienvater und glücklicher Ehemann ist. Wie beim Pellen einer Zwiebel wird eine Schicht nach der anderen abgeschält, bis die Figuren nackt, in ihrer schieren Menschlichkeit, vor einem stehen.

Der Witz, mit dem diese ernsten Themen und Psychogramme gewürzt werden, ist für Baier kein Mittel zur Distanzierung. Humor sei vielmehr Respekt vor dem Zuschauer, da er ihn dazu zwinge, selbst aktiv zu werden. Humor versteht Lionel Baier also als eine Zwischenemotion, gewissermaßen eine Lücke, von der aus man sich für eine bestimmte Stimmung entscheiden kann. Dafür dürfe die Komik nicht schrill sein, sie müsse sanft daherkommen.

„Alle meine Filme sind persönlich und erzählen fast schon aus der Ich-Form“, sagt der Regisseur, der sich im Gespräch nicht scheut, über persönliche Schwächen zu reden. Wie ein naiver Anfänger habe er sich gefühlt, als er nach Madrid reiste, um Altstar Carmen Maura für die Rolle der Esperanza zu gewinnen. Die Anekdote wie der Grundton seiner Filme – mit einem Augenzwinkern und einem sanften Lächeln.

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Erstellt:
8. November 2016, 10:22 Uhr
Aktualisiert:
8. November 2016, 10:22 Uhr
zuletzt aktualisiert: 8. November 2016, 10:22 Uhr

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