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Kulturphänomene (100)

Hundert (Das Jubiläum)

Am 12. Juni geht die 100. Vorstellung von „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“ über die Bühne des Zimmertheaters. Herzlichen Glückwunsch Endre Holéczy!

02.06.2015
  • Peter Ertle

Herzlichen Glückwunsch Zimmertheater!

Der Beginn des ersten Weltkriegs war letztes Jahr 100 Jahre her und wurde mit großem Getöse gefeiert. Pardon. Kann man so nicht sagen. Es wurde seiner gedacht, erinnert.

Wir aber wollen uns im Folgenden lieber mit der Bedeutung von Hundertwasser für die Kunst des 21. Jahrhunderts mit besonderer Berücksichtigung des skandinavischen Raums befassen.

Oder mit der besonderen Herausforderung des 100-Meter-Laufs, seinen Auswirkungen auf Geist und Psyche, Muskeln und Knochen.

Außerdem wollen wir auflisten, auf welchen Straßen in Baden-Württemberg eine Geschwindigkeitsthöchstgrenze von 100 km/h gilt.

Und was Tausendundeine Nacht von Hundertundeiner Nacht unterscheidet. Die gibt es nämlich auch, die meisten halten den Titel aber für einen Scherz.

Desweiteren fragen wir uns, warum nach 100 Tagen eines neu gewählten Regierungsvertreters eine Bilanz gemacht wird, aber nicht nach 1000.

Und wir beantworten diese Frage ausnahmsweise auch. Es ist einfach so, dass uns Hundert noch überschaubar erscheint, mit Hundert haben wir in unserem Alltag noch oft zu tun, mit Tausend viel seltener. Deswegen sagen wir auch viel eher „Ich habe tausenderlei Fragen“, um Überforderung auszudrücken, nicht: „Ich habe hunderterlei Fragen.“

Bob Dylan – ja der, Herrschaftszeiten schon wieder, muss der denn überall auftauchen – sagte nach einer Auszeichnung einmal „A thousand of thank yous“. Und eben nicht „A hundred of thank yous“, er wollte einfach ganz ganz gaaanz viel Dankeschön sagen. Und das ist tausend und nicht hundert.

Wir zahlen ja auch öfters mit einem Hunni. Mit einem Tausender nicht.

Wir wohnen ja auch eher auf 100 Quadratmetern, auf 1000 eher nicht.

Udo Jürgens sang ja auch: „Hundert Jahr, graues Haar“ und nicht „Tausend Jahr, graues Haar.“ 1000 wird doch keiner!

In Peter Turrinis Theaterstück „Endlich Schluss“ kündigt ein Mann an, von 1 bis 1000 zu zählen, und sich dann zu erschießen.

Ob er es auch tut? Das verraten wir nicht, sonst ist doch die ganze Spannung hin!

Aber wie sind wir jetzt bloß auf 1000 gekommen? Leicht kommt man eben vom Hundertsten ins Tausendste.

Warum eigentlich einmal die Zahl 100 und dann wieder hundert ausgeschrieben? Was soll das?

Bei uns in der Redaktion rufen manchmal Leute an, die uns mitteilen, ihre Institution sei jetzt 15 oder 40 oder 20 Jahre alt, ob wir da nicht was bringen. Liebe Leute! 15! 40! 20! Das ist gar nichts! Oder 5! 5 ist absolut lächerlich. Zum Beispiel feiert das Übrigens „Jubiläum Jubiläum“ aus dem Jahre 2010 dieses Jahr die ersten 5 Jahre. Das berechtigt zu gar nichts. Schon gar nicht zum wiederholten Abdruck in unserer Zeitung. Hier ist es nochmal, am Ende leicht aktualisiert:

Neulich in einer überregionalen Zeitung: Ein Interview mit einem Filmemacher. Man liest. Und fragt sich: Hat er einen neuen Film? Hat er einen Preis bekommen? Ist er Mitglied einer Jury, Gast eines Podiums? Hat er ein Anliegen („Esst keine Tiere“, „Stoppt S 21“, „Ich trete mit sofortiger Wirkung von meinem Beruf als Filmemacher zurück“, „Ja, ich habe gedopt“) und daher eine Pressekonferenz gegeben? Nichts. Nichts. War es denkbar, dass ein Journalist einfach deshalb ein Interview mit ihm führt, weil er diesen Filmemacher interessant findet? Durfte das sein?

Spät, aber eben dann doch erwähnt in jenem Artikel: Der Filmemacher wird 70. Ein Jubiläum! Das war beruhigend. Mit Jubiläen kennen wir uns aus. Entweder es ist 20 Jahre deutsche Einheit oder der internationale Tag der Butter, dessen erstmalige Ausrufung sich gerade zum zehnten Mal jährt. Entweder ist 65 Jahre Kriegsende oder 40 Jahre Woodstock. Wir können uns noch gut an 25 und 30 und 35 Jahre Woodstock erinnern. Bang sehen wir den 11.9. 2011 auf uns zukommen, wenn auf allen Sendern die beiden Flugzeuge in die Twin Towers rasen.

Wir schlagen das TAGBLATT auf: 50 Jahre Camus, eine Podiumsdiskussion im Institut Culturel. Fünf Jahre Buchhandlung Rosa Lux. Ein Stehempfang. 30 Jahre Puppenbühne. 5 Jahre Museum Ritter. 25 Jahre Stadtbücherei. 65 Jahre Motette. Demnächst 40 Jahre Kunsthalle. Bald zehn Jahre Café de Paris. Irgendjemand hat immer Geburtstag. Und zwar manchmal richtig lange. 2010 ist zum Beispiel das ganze Jahr Silcherjahr. Auch Vereine feiern mittlerweile das ganze Jahr, zu sieben verschiedenen Terminen, die alle das Präfix Jubiläums- aufweisen.

Jubiläen liefern erhöhte Aufmerksamkeit. Erhöhte Aufmerksamkeit haben wir alle nötig. Der Verlag für sein Buch. Der Journalist für den Artikel. Die Fernsehanstalt für ihren Beitrag. Der Fachmann für seinen Kommentar. Der Idealist für sein Anliegen. Die Firma für ihr Produkt. Die Gedenkkultur für ihr Gedenken. Da kommen Jubiläen wie gerufen. Und wir rufen immer lauter. Und werden immer öfter erhört.

Herzlichen Glückwunsch Mario Götze zum 23. Geburtstag!

Herzlichen Glückwunsch Josephine Baker zum 109. Geburtstag!

Herzliches Beileid Arno Schmidt zum 36. Todestag!

Herzlichen Glückwunsch Franz Kafka zum 91. Todestag!

Herzlichen Glückwunsch Rolf Vollmann zum 81. Geburtstag!

Herzlichen Glückwunsch Wilhelm Triebold, auwei, der ist im Urlaub und hat uns gar nicht bevollmächtigt, das auszurufen, gemein, gemein!

Herzlichen Glückwunsch! Herzlichen Glückwunsch! Herzlichen Glückwunsch! Herzlichen Glückwunsch! Herzlichen Glückwunsch! Herzlichen Glückwunsch! Herzlichen Glückwunsch!

Danke! Danke! Danke! Danke! Danke! Danke! Danke!

B-i-t-t-e!

So Na ja. Irgendwie muss man Jubiläen hinter sich bringen, sich ihrer entledigen. Du kannst doch zum 100. nicht irgendwas bringen. Genau. So. Und weg damit. Und weiter. Immer weiter. Nach vorn. Nach vorn.

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02.06.2015, 12:00 Uhr

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