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Das Rückkehrer-Problem

Hunderte Dschihadisten aus Deutschland in Syrien - Etliche wieder da

Mehrere Attantäter von Paris sollen vom IS ausgebildetet worden sein. Das nährt auch in Deutschland Ängste. Denn theoretisch sind Rückkehrer die perfekten Attentäter. Wie soll man mit ihnen umgehen?

18.11.2015
  • AXEL HABERMEHL

Ein unscheinbares Haus an der Hauptstraße im nordsyrischen Ort Hraytan. Nebenan leuchtet die blaue Kuppel einer Moschee. Hier, im zweiten Stock, wohnt im Sommer 2013 eine Gruppe Männer aus Deutschland. Sie sind alle zwischen 20 und 30 Jahre alt, sie kommen aus Bielefeld, Frankfurt/Oder, Mönchengladbach oder Stuttgart, und sie heißen Sebastian, Ismail, Mustafa, Marko oder Dela Yannis.

In Hraytan aber heißen sie Abu Bilal, Uthman abu aicha al-Libnani oder Issa al-Almani. Sie essen zusammen, einer kauft ein und kocht, sie warten und fummeln auf ihren Smartphones herum. Einer fällt durch sein breites Sächsisch auf, einer führt Selbstgespräche, einer wird oft grundlos aggressiv. Vor dem Nachtgebet müssen immer alle vor Konrad antreten, ihrem "Emir". Und ab und zu packen sie ihre Waffen und fahren ins Gefecht.

So beschrieb der inzwischen - nicht rechtskräftig - zu viereinhalb Jahren Haft verurteilte Stuttgarter Dschihadist Ismail I. in stundenlangen Verhören das Leben der deutschen Dschihadisten in Hraytan. All das steht in Ermittlungsakten, die diese Zeitung einsehen konnte.

Die Männer waren, oder sind, dschihadistische Auslandskämpfer. Sie gehörten zum deutschen Zug der Islamistengruppe "Muhajrun Halab", die der Miliz "Jaish al-Muhajireen wal-Ansar" unterstehen soll. Manche von ihnen sind heute tot, andere sitzen in Deutschland im Gefängnis oder stehen vor Gericht, wieder andere sollen noch in Syrien sein. Genau weiß das niemand.

Wovon man aber ausgehen muss, ist, dass die, die noch leben, gefährlich sind. Laut Ismail I. kam man erst nach Hraytan, wenn man mindestens vier Wochen trainiert hatte. Es ist dieses Training, das Sicherheitsbehörden seit Jahren nervös macht - und seit den Anschlägen von Paris auch die Öffentlichkeit.

Mehrere tausend Dschihadisten aus Europa sind nach Syrien gereist, davon hunderte Deutsche. Und mehrere der Attentäter von Paris lernten dort wohl das Töten. "Wenn Sie sich die Anschläge jetzt in Paris anschauen, sehen Sie militärisches Können", sagt ein Verfassungsschützer, der anonym bleiben will. "In der Form kann das kein Laie, so etwas muss man üben." Tatsächlich berichteten Augenzeugen, wie ruhig und effektiv etwa die Attentäter im Bataclan agierten. Einzelne Salven in die Menge, kein unkontrolliertes Dauerfeuer, routiniertes Nachladen, keine Hektik. Zum Schluss dann die Sprengstoffweste.

Von Rückkehrern weiß man, wie das Training läuft. Ismail I. wurde im Lager Atma ausgebildet, das als Flüchtlingscamp getarnt war. Er lernte dort alles, was er für einen Anschlag wie in Paris gebraucht hätte. Seine Ausbilder waren Araber, Tschetschenen und andere Kaukasier. Männer, in deren Ländern seit Jahren Krieg herrscht. Profi-Krieger als Ausbilder für im Westen aufgewachsene Spätpubertierende. Jungs, die andere Sachen können. Die wissen, wie man sich in der Disco bewegt, in der Fußgängerzone und in der Straßenbahn.

Was tun, wenn so jemand wieder im Flugzeug nach Deutschland sitzt. Deutschen Bürgern kann man die Einreise nicht verwehren. Und wer weiß, ob es "Schläfer" oder Aussteiger sind. Manche wollen irgendwann weg vom Krieg, haben Heimweh, setzen sich ab. Viele Rückkehrer werden gleich am Flughafen verhaftet, andere, denen man keine Straftaten nachweisen kann, müssen sich sogenannte "Gefährderansprachen" anhören und dürfen gehen. Wieder andere finden Wege zu Beratungsstellen, wo man versucht, sie zu "deradikalisieren".

In der Regel müssen sie lückenlos observiert werden. "Besonders wachsam sind wir, wenn sie Kampferfahrung haben", sagt ein erfahrener Polizist, der mit solchen Fällen zu tun hat. "Manchmal haben wir einfach nichts Belastbares, dann werden die überwacht." Aber das sei aufwendig und personalzehrend. Laut einem Insider braucht man bis zu 30 Fahnder für einen Überwachten. Ein Polizist erklärt als Vergleich: "Als vor einiger Zeit nach dem Verfassungsgerichts-Urteil die Sicherungsverwahrte freikamen, die Sexualtäter, wurden die offen überwacht. Die Kollegen sind neben ihnen her gelaufen, wenn die das Haus verließen." Bei Syrien-Rückkehrern finde das verdeckt statt - noch mehr Aufwand.

Das alles ist fehleranfällig. Man muss mitbekommen, wer ausreist, muss dessen Kommunikation überwachen, gerichtsfeste Beweise über sein Tun in Syrien sammeln, mitkriegen, wenn er wieder einreist, dann 24-Stunden-Überwachung und, falls die Beweise reichen, anklagen.

Wie nun wieder zwei Männer aus Hraytan, die derzeit in Düsseldorf vor Gericht stehen: Sebastian B., Kampfname Umar, kam im November 2013 aus Syrien zurück. Mustafa C., alias Abu Katata im September 2014 - nachdem er mehrfach unbehelligt zwischen Syrien und Deutschland gependelt war. Beide wurden monatelang überwacht und im Januar 2014 verhaftet. Mit "Deradikalisierung" sollen beide eher nichts zu tun gehabt haben. Sebastian B. bewegte sich laut Medienberichten in Salafistenkreisen und in einer berüchtigten Moschee im westfälischen Herford. Dort führten angeblich Tschetschenen das Wort.

Hunderte Dschihadisten aus Deutschland in Syrien - Etliche wieder da
3 Jahre und 9 Monate Jugendstrafe: Kreshnik B. (rechts) war vergangenes Jahr der erste deutsche IS-Kämpfer, dem hier der Prozess gemacht wurde. Foto: afp

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18.11.2015, 12:00 Uhr

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