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Ein Juwel mit drei PS

Hunderte von Oldtimer-Liebhabern beim Treffen der Maico-Fans in Pfäffingen

Sie reden über alte Zeiten und liegen dennoch voll im Trend: Hunderte von Maico-Freunden trafen sich am Sonntag in Pfäffingen. Die Motorräder „made in Ammerbuch“ sind noch immer in.

06.09.2010
  • Eike Freese

Pfäffingen. Wo man auch hinblickt, sieht man echte Veteranen: Eine silberne Maicoletta mit Beiwagen aus den Fünfzigern. Eine schwarze MP 120 „Juwel“, Baujahr 1939. Und daneben Hans Hinn – „ebenfalls Baujahr 1939“, wie er sagt. „Das ist kein Zufall, dass ich mich so darüber gerfreut habe, als ich die ‚Juwel‘ im vergangenen Herbst gefunden habe“, sagt der ehemalige Maico-Mitarbeiter. „Ich habe so lange bei Maico gearbeitet, da bleibt man dem Betrieb einfach verbunden, auch wenn es ihn längst nicht mehr gibt.“

„Taifun“, „Juwel“ und die Maicoletta

Am Wochenende war Straßenfest in Pfäffingen. Rund fünfzig Maico-Freunde aus der ganzen Region präsentierten an der Dorfstraße ihre Schmuckstücke. „Um unser traditionelles Straßenfest noch ein wenig aufzuwerten“, wie das Fritz Haas vom Vorstand des Allgemeinen Sportvereins nannte. Haas hat selber eine Maico-Vergangenheit: Vater Gottlieb Haas arbeitete und fuhr persönlich für die schwäbische Motorradschmiede, die von Poltringen, Pfäffingen und Herrenberg aus in alle Welt lieferte.

Hunderte von Oldtimer-Liebhabern beim Treffen der Maico-Fans in Pfäffingen
Veteranen im legendären „Maicomobil“: Die ehemaligen Maico-Mitarbeiter Hans Hinn (Versuchsabteilung, links) und Patrick Richter (Verkauf, Mitte) mit dem Maico-Fan Alois Strohmeier (rechts). Bild: Sommer

Die Maico-Motorräder und ihre Besitzer werteten das Straßenfest tatsächlich auf: das legendär schwergewichtige Maicomobil, die schnittige Maico-„Taifun“ und zahlreiche hochdekorierte Motocross-Maschinen lockten am Sonntag Hunderte in die Pfäffinger Ortsmitte. Maico-Experten wie Hans Hinn hatten einiges wissenswertes zu berichten. Der Unterjesinger Hinn hatte für Maico in der Montage gearbeitet, später in der Versuchsabteilung. Seine Maico „Juwel“ mit 3,3 PS war allein schon aufgrund ihres Alters eine große Attraktion. „Die MP 120 habe ich in Altingen über Bekannte auftreiben können“, erzählt er. „Ich habe sie in Teilen erwerben können und danach wieder zusammengebaut.“ Die Pflege eines über siebzig Jahre alten Motorrads sei oft gar nicht so mühselig, sagt Hinn. So werden etwa Reifen, die man früher aufwändig suchen oder importieren musste, bisweilen wieder hier in großer Stückzahl hergestellt.

Außerdem ist die Szene inzwischen bestens vernetzt. Das liegt an Leuten wie Patrick Richter, 57. Auch Richter war bei Maico angestellt, bis zum endgültigen Konkurs der Firma Mitte der Achtziger Jahre. „Ich habe im kaufmännischen Bereich gearbeitet und damals schon einige Kontakte zu Oldtimer-Freunden gehabt. Dieses Netzwerk habe ich nach dem zweiten und letzten Konkurs aufrecht erhalten und ausgebaut.“

Nach wie vor sind die Heißen Öfen „made in Ammerbuch“ Kult bei zahlreichen Motorradfreunden. Maico steht für internationale Motorsport-Erfolge – und für seine Herkunft aus bescheidenen schwäbischen Verhältnissen. Ammerbuch war Produktionsort legendärer Karossen wie des Maicomobils und des eigenen Autos „Maico 500“ – aber auch Schauplatz eines der größten Wirtschaftsprozesse der deutschen Nachkriegsgeschichte.

Der Konkurs als doppelter Schmerz

„Unter dem Konkurs des Unternehmens haben die Ammerbucher natürlich besonders gelitten“, sagt Patrick Richter und fügt hinzu: „Aber nicht nur aufgrund der folgenden Arbeitslosigkeit. Maico war ein Unternehmen, mit dem sich die Angestellten ganz besonders identifizierten.“ Über ihren Arbeitgeber im beschaulichen Ammertal waren die Mitarbeiter ganz nah am internationalen Motorradmarkt und Motorsport.

So wie Egbert Haas. Der heute 67-Jährige war einer der prestigeträchtigen Maico-Sportbiker – und gleichzeitig im Unternehmen beschäftigt. Beim Maico-Treffen am Sonntag plauderte auch er kenntnisreich aus der bewegten Geschichte der Ammerbucher Motorradschmiede. Haas hatte für Maico zahlreiche Motorsporterfolge eingefahren – und so etwa 1979 mit einer 760-Kubik-Zweitakt-Eigenentwicklung die europäische Viertakt-Konkurrenz geschlagen. „Maico war für uns alle eine Familie – und eine Faszination auch für Leute, die nicht aus der Gegend kamen“, berichtet Haas. „Auch ich komme ja ursprünglich nicht von hier, sondern aus Mengen bei Sigmaringen.“ Haas und zahlreiche andere Maico-Freunde können nicht verhehlen, dass sie das Ende der Ammerbucher Kult-Werke noch immer sehr bedauern.

Um so wichtiger ist für sie und den Fan-Nachwuchs, dass regelmäßige Treffen den Kontakt aufrecht halten. Am Sonntag in Pfäffingen wurden nicht nur Pflege-Tipps und Ersatzteil-Kontakte ausgetauscht. Es gab auch den einen oder anderen Ratschlag mit existenziellem Nutzwert: „Wie? Maico hatte eine Betriebsrente für uns eingerichtet?!“ fragte etwa ein Ex-Mitarbeiter erstaunt. Und sein älterer Kollege antwortete: „Ja sicher! Ich bekomme 60 Euro im Monat – du musst einfach endlich mal in deine alten Akten schauen!“

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06.09.2010, 12:00 Uhr

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