Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Literatur

„Ich huste, also bin ich“

Martin Walser kann es nicht lassen. Warum auch! Zwei Monate vor seinem 90.?Geburtstag bringt er einen neuen Roman heraus.

05.01.2017

Von VON PETER MOHR

Horcht in sich rein und teilt sich darüber mit: Martin Walser. Foto: dpa

Überlingen. Elf Wochen vor dem 90. Geburtstag des Grandseigneurs der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur erscheint nun der neue Roman „Statt etwas oder Der letzte Rank“. Als Rank wird im alemannischen Sprachraum eine Wendung und eine Wegkrümmung bezeichnet. Nun also eine letzte erzählerische Schleife von Martin Walser, kein Roman im klassischen Sinn, sondern eine Fortschreibung seiner beiden Meßmer-Bücher von 1985 und 2003.

Walser hat keine lineare Erzählung mit einer konventionellen Handlung, sondern ein assoziatives, bisweilen stark autobiografisch unterfüttertes Gedankenkonvolut als Lebensbilanz vorgelegt. „Hoffentlich sterbe ich weg, bevor ich mir sage, was ich von mir denke“, hieß es schon 1985 in „Meßmers Gedanken“. Selbstzerfleischende Sätze dieses Kalibers prägen auch das neue Walser-Werk, das von der ersten bis zur letzten Seite um den Satz „Mir geht es ein bisschen zu gut“ kreist.

„Zu gut“ für das hohe Alter? Immer noch sind Walsers Aktivitäten ungebrochen. Mit Erscheinen des Buches beginnt eine Lesetournee.

Lebensfreude und wiederkehrende Beschreibungen von handfesten Schmerzen marschieren gedanklich im Gleichschritt. Immer wieder begegnet man den Selbstvergewisserungen eines betagten Zeitgenossen: „Ich huste, also bin ich“ oder „Ich suche, also bin ich.“ Unabhängig davon, wie stark diese Notizen autobiografisch fundiert sind, gelingen Walser (möglicherweise auch als Rollenspiel) großartige selbstanalytische Passagen, bei deren Lektüre man beinahe körperliche Schmerzen empfindet. Selbstzweifel mischen sich mit Minderwertigkeitsgefühlen: „Auch ich wäre gerne gut gewesen.“

Und doch beharrt der Ich-Erzähler auf seine Andersartigkeit, auf seine nonkonformistische Grundeinstellung als Schwimmer gegen den Strom des Zeitgeistes: „Ich bin ein Apfelbaum, der Birnen trägt.“ Und „meine Gedanken haben ein Eigenleben“. Walser schert sich nicht um literarische Konventionen, schreibt drauflos, wie es ihm in den Sinn kommt und gerade aus der Tastatur fließt.

„Der letzte Rank“ ist eine Aneinanderreihung von Notaten, Aphorismen, Kurzprosa unterschiedlichster Couleur und herrlich skurriler Traumbilder mit Kafkas Schwester und Agamemnon. „Wie unbedeutend ist die Tageswirklichkeit, verglichen mit dem, was ich geträumt habe.“

Trotz des Wohlfühl-Modus, der sich wie ein roter Faden durch das Buch schlängelt, klingt häufig auch eine Form der inneren Unruhe an, ein Gefühl der Getriebenheit, des Noch-Erledigenmüssens. „Eine Peitsche wünschte ich mir, mit der man hätte Gedanken antreiben können, schneller zu gehen.“

Viele dieser oft kurzen Textfragmente verbindet der bilanzierende Charakter, wir lesen eine Art Schlussstrich-Prosa von ungeheurer Intensität. Nicht der erhobene, moralisierende Zeigefinger, sondern die subjektiven Erkenntnisse führten hier die Feder. Walser spielt mit Neurosen, mit Verfolgungswahn und mit erotischen Obsessionen, als das Haus des Ich-Erzählers von einer Meute von Witwen belagert wird. Komik und Tragik klopfen einander hier gegenseitig auf die Schulter.

Dem Schmerz des Älterwerdens begegnet Walser humorvoll in einem Spiel mit Gegensätzen. „Den Schrei kultivieren, dass er sich anhört wie Gelächter“, man begegnet dem „Paradies der Qual“ und empfindet „Schmerz als Daseinssteigerung“. Aber nur dann, wenn man wirklich bereit ist, sich auf Walsers gedankliche Kapriolen einzulassen.

„Der letzte Rank“ liest sich wie eine Wanderung zum eigenen Ich, eine Selbsterkundung als Rollenspiel, ein Buch voller Lebensweisheiten und philosophischer Sentenzen. Alles wird hinterfragt, auf den Prüfstand gestellt. Um es mit einem Walser-Titel auszudrücken: intensive „Seelenarbeit“.

In jüngster Vergangenheit lief Walser noch einmal zur literarischen Höchstform auf – vom „Muttersohn“ (2011) bis zum „sterbenden Mann“ (2015). Die Spätwerke sind viel besinnlicher, nachdenklicher und weiser geworden als die konventionell erzählten „Handlungs-Romane“ – Bücher, die radikal an die Wurzeln der menschlichen Existenz gehen und Liebe und Tod als zentrale Themen geradezu philosophisch umkreisen.

„Mir geht es ein bisschen zu gut. Seit dieser Satz mich heimsuchte, interessierte ich mich nicht mehr für Theorien.“ Grau, so wissen wir von Goethe, ist bekanntlich alle Theorie – wünschen wir also Martin Walser ganz praktisch, dass ihm noch lange beste Gesundheit und das „grün des Lebens goldner Baum“ beschieden ist und er uns noch das ein oder andere in Ruhe gereifte Büchlein aus seinem Gedanken-Barrique hervorzaubert.

Zum Artikel

Erstellt:
5. Januar 2017, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
5. Januar 2017, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 5. Januar 2017, 06:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Aus diesem Ressort