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Ich kann bei Olympia alle schlagen

olympia 2016Er ist der schnellste deutsche Marathonläufer aller Zeiten: Arne Gabius hat mit seinem Rekordlauf in Frankfurt Ende 2015 deutsche Sportgeschichte geschrieben. Nun fordert er bei Olympia in Rio die gesamte Weltelite heraus. Im Interview spricht der langjährige Tübinger über den Hype der letzten Monate, die Skandale des Weltverbandes IAAF und das große Geld auf der Straße.

26.02.2016
  • TEXT: ibrahim naber|FOTOs: Ulmer

Herr Gabius, Sie waren im Januar wieder drei Wochen in Kenia.
Zum 17. Mal haben Sie dort Ihr Trainingslager verbracht –
wie müssen wir uns Ihr Leben dort vorstellen?

Arne Gabius:Kenia ist mein Trainingszuhause. Ich kenne die Laufwege, habe gutes Essen und kann dort auf 2400 Meter trainieren. Mein Ort liegt auf einem Hochplateau mit vielen Lehmwegen. Es geht auf und ab, in den Waldgebieten hört man manchmal sogar die Affen schreien, das ist einfach faszinierend.

Wie trainieren Sie dort? Alleine,
mit festen Trainingspartnern,
wie läuft das ab?

Ich bin in Kenia mittlerweile gut vernetzt. Feste Trainingspartner hatte ich dieses Mal nicht. Morgens bin ich zum Teil mit einer Gruppe von 100 Läufern unterwegs gewesen. Du denkst Dir, das ist ja Wahnsinn! Und dann kommt Dir plötzlich eine Laufgruppe entgegen, die noch größer ist. Das ist schon verrückt.

In all den Jahren haben Sie in Kenia viele Freunde gewonnen. Hat sich durch Ihren Erfolg im Marathon das Verhältnis zu den kenianischen Läufern etwas
verändert?

Ja, total. Über Jahre wurde ich in Kenia mit einem Lachen herzlich begrüßt, auch von den guten Läufern. Jetzt sind sie plötzlich nicht mehr alle ganz so offen, verschließen sich mir sogar öfters. Sie sehen mich jetzt eben als Konkurrenten an, der mit ihnen um das Preisgeld läuft. In gewisser Weise ist das auch eine Ehre. Wenn ich in Rennen vorne mitlaufe, blicken sich die Kenianer immer verdutzt an und fragen: „Was macht der Weiße, der ‚Mzungu‘, hier bei uns?“

Vier Monate ist ihr historischer Rekordlauf von Frankfurt nun alt. Was hat sich in Ihrem Leben verändert?

Mein Bekanntheitsgrad ist einfach viel größer. Die Leute halten auf der Straße an, viele wollen mit mir Selfies machen, das kannte ich so nicht. Und wenn mir dann im Zug ein sportlicher Typ Mitte 40 gegenübersitzt und lächelt, dann weiß ich, da hat mich mal wieder ein anderer Marathonläufer erkannt. Ich genieße das alles.

Was ist mit neuen Sponsoren,
profitieren Sie auch finanziell?

Das hält sich in Grenzen. Ich habe mit Nike einen Hauptsponsor, darüber bin ich glücklich. Andere Gespräche laufen gerade, wir werden sehen. Aber tatsächlich kommen die meisten Anfragen von Journalisten. In den nächsten zwei Wochen habe ich fast täglich irgendein Gespräch oder einen Termin.

Tatsache ist aber, dass das Geld im Laufsport eher auf der Straße liegt. Im Vergleich zu Ihrer Zeit als
Bahnläufer vor wenigen Jahren muss Ihr Einkommen deutlich
gestiegen sein.

Das stimmt schon. Auf der Bahn verdient man im besten Fall zwischen 30 000 und 50 000 Euro pro Jahr. Als Marathonläufer kommt man in ganz andere Dimensionen.

Allein für den deutschen Rekord hat der Veranstalter in Frankfurt mit 30000 Euro belohnt.
Hinzu kamen andere Prämien und Sponsorengelder. Nach unseren
Berechnungen haben Sie für ihren Lauf in Frankfurt rund 100000
Euro erhalten.

Wenn ich alles zusammenrechne, sind wir ungefähr in dem Bereich. Frankfurt war für mich natürlich der ‚Pay-Day“, auf diesen einen Tag lief alles hinaus.

Dieses Jahr läuft bei Ihnen alles
auf den 21. August hinaus.
Olympischer Marathon in Rio,
und Sie werden dabei sein. Was löst dieser Gedanke in Ihnen aus?

Unglaubliche Vorfreude! Der olympische Marathon ist das größte für jeden Läufer. Das wird mein absolutes Karrierehighlight. Nach dem Lauf von Frankfurt ist in Rio alles möglich. Auch eine Medaille. Dieser Gedanke, dass ich da ganz vorne mitrennen kann, motiviert mich ungemein. Ich kann da was ganz Großes erreichen.

Weniger gut läuft es derzeit auf
Verbandsebene. Der Weltverband IAAF steckt in der vielleicht größten Krise seiner Geschichte.
Funktionäre haben Athleten
erpresst, es flossen Geldzahlungen für die Vertuschung von positiven Dopingtests. Wie nehmen Sie das ganze Theater wahr?

Ehrlich gesagt bin ich derzeit froh, dass ich Marathon laufe. Denn die sechs größten Marathon-Veranstalter der Welt haben sich zusammengeschlossen und ein eigenes Kon-trollsystem entwickelt. Ich gehöre zu diesem neuen Testpool. Zusätzlich zu den Kontrollen der nationalen und internationalen Verbände wird jeder Athlet in fünf ‚out of competition‘-Kontrollen pro Jahr getestet. Mit Rita Cheptoo wurde 2014 ja schon ein großer Athlet bei genau so einem Test in Kenia erwischt.

Beim letzten Großereignis, der Weltmeisterschaft im August 2015 in Peking, hatten Sie für Schlagzeilen gesorgt, als Sie die Doping-Enthüllungen von ARD-Journalist Hajo Seppelt („Geheimsache Doping“) vor laufender Kamera in einer emotionalen Rede kritisierten. Dass Seppelt Missbrauch aufgedeckt hat, müsste doch eigentlich auch in Ihrem Interesse sein.

Klar sind Enthüllungen in meinem Interesse. Und die Bilder aus Kenia haben auch mich schockiert. Aber ganz ehrlich: Seppelt erzählt in der Doku, er habe aus Kenia gefälschte Ausweise und geheime Dokumente. Klar hat er das, es ist Kenia, ein hoch korruptes Land! Wenn Du in Kenia – und ich war dort 17 Mal – mit Geld wedelst, erzählen Dir die Leute sogar, dass sie drei tanzende Einhörner auf einem Elefanten gesehen haben – und unterschreiben dir das noch notariell.

Glauben Sie, dass Ihre Konkurrenten aus Kenia alle sauber sind?

Ja, ich bin überzeugt, dass der Großteil von ihnen sauber ist. Wir Läufer reden untereinander viel über das Thema. Bei einigen Läufern ist man sich aber fast schon sicher, dass die was nehmen. Die haben Leistungssteigerungen, die wir uns nicht erklären können. Andere haben Manager, die sehr zweifelhaft sind.

Sie setzen beim Thema Doping
auf Transparenz. Sie stellen Ihre Trainingspläne und Blutwerte seit einiger Zeit freiwillig ins Netz. Gleichzeitig fordern Sie umfassende Reformen im Kontrollsystem. Was muss sich ändern?

Es muss sich strukturell und institutionell einiges ändern. Die WADA muss die Dopingkontrollen in Kenia an sich reißen. Die dort genommenen Proben müssen dann unabhängig in anderen Ländern geprüft werden. Viel halte ich von dem Blutpass, der als Epo-Nachweis dient. Das ist so einfach umzusetzen. Man sollte ihn weltweit auf der Langstrecke einführen. Und Veranstalter sollten auch endlich wirtschaftlich Druck machen und sagen, dass nur Sportler Prämien erhalten, die getestet wurden – und Sportler, die einmal gedopt haben, sollten ausgeschlossen werden. Dazu muss jeder Augen und Ohren offenhalten. Wenn man etwas Verdächtiges sieht, sollte man es sofort melden. Das klingt nach denunzieren, aber es rettet den Sport.

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26.02.2016, 01:00 Uhr

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