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„Ich knallte gegen eine Wand“
Seinen neuen Hunter-Roman hat er ums Wasser herum aufgebaut: Der britische Bestseller-Autor Simon Beckett legt einen neuen Teil seiner Serie vor. Foto: dpa
Simon Becketts „Totenfang“

„Ich knallte gegen eine Wand“

Simon Beckett über seinen Roman „Totenfang“, seine Beziehung zum Helden David Hunter – und die Schwierigkeit des Schreibens.

19.10.2016
  • GÜNTER KEIL

Ulm. Darauf haben Millionen Leser gewartet: Nach fünf Jahren Pause veröffentlicht Simon Beckett wieder einen Roman mit seiner berühmtesten Figur, David Hunter. In „Totenfang“ (Wunderlich) ermittelt der Forensiker in den Backwaters, einer Sumpflandschaft im Südosten Englands. Mit „Die Chemie des Todes“ startete Beckett 2006 seine Hunter-Serie, deren bisherige vier Titel alle auf Platz 1 der Bestsellerlisten standen. Die Romane des 56-Jährigen erreichen eine Gesamtauflage von 9,5 Millionen und werden in 30 Ländern veröffentlicht. Beckett, der früher als Journalist, Englisch- und Spanischlehrer sowie als Schlagzeuger arbeitete, lebt mit seiner Frau Hilary in Sheffield.

Mr. Beckett, wie weit haben Sie es von zu Hause bis zum Meer?

Simon Beckett: Sheffield liegt ziemlich genau in der Mitte Großbritanniens, weswegen es von mir aus immer am weitesten zur Küste ist, egal, in welche Richtung ich fahre. Zum Glück sind wir jedoch eine ziemlich kleine Insel, so dass die nächste Küste nur eine zweistündige Fahrt entfernt ist. Ich bin oft am Meer, am liebsten in Whitby, einer kleinen Stadt im Nordosten Yorkshires.

Ist das nicht die Stadt, in der Bram Stoker Dracula geschrieben hat?

Genau! Stoker lebte um 1890 in Whitby, und sein Graf Dracula kommt mit seinem Schiff in Whitby an. Sie sehen also, diese Stadt hat eine große Vergangenheit von Geschichtenerzählern, und selbstverständlich gibt es dort auch ein Dracula-Museum.

Der Schauplatz Ihres neuen Romans liegt auch am Meer, aber viel weiter im Süden. Warum dort?

Die Backwaters bestehen aus einem Labyrinth von Kanälen und Bächen, die das Marschland durchziehen, bei Ebbe leerlaufen und dann nassen Schlick, Schlamm und Gräben freilegen. Dieses spezielle Wattenmeer schien mir optimal zum neuen Hunter-Fall zu passen, aber es ist fiktional. Die realen Walton Backwaters in Essex haben mich zwar ein bisschen dazu inspiriert, aber sie unterscheiden sich doch von der Gegend im Buch. In gewisser Weise ist das so wie bei meinen Figuren: Obwohl sie nicht real sind, möchte ich, dass sie sich so anfühlen. Die kleine, ums Überleben kämpfende Küstenstadt Cruckhaven, die Hunter besucht, existiert auch nicht wirklich. Aber ich habe viele ähnliche Orte gesehen.

Auch eine Wasserleiche ähnlich jener, die Hunter untersucht?

Als Junge war ich einmal mit meinen Eltern am Meer, als am Geländer der Strandpromenade hunderte Leute standen. Sie starrten zum Wasser, und dann sahen auch wir, wie die Polizei einen Ertrunkenen abtransportierte. Später fanden wir heraus, dass er wohl schon eine Woche lang als vermisst galt. Jahrelang dachte ich nicht mehr an diese Situation, aber jetzt erinnere ich mich wieder genau daran, wie der Mann aussah.

Inwiefern eignet sich das Element Wasser für einen Thriller?

Einerseits empfinde ich Wasser als sehr erholsam und atmosphärisch, vor allem, wenn ich selbst schwimme oder in der Nähe des Meeres bin. Andererseits umgibt es auch immer ein Gefühl von etwas Geheimnisvollem und einer Bedrohung. Diese Aura hat mich gereizt, und ich wollte schon lange einmal einen Hunter-Roman ums Wasser herum aufbauen – es ging nur noch darum, die richtige Story dafür zu finden.

Das hat offenbar ziemlich lange gedauert: Der letzte Hunter-Fall, der Roman „Verwesung“, erschien vor knapp fünf Jahren.

Es scheint tatsächlich so, als ob ich für jeden neuen Band dieser Serie immer noch länger brauche. Das war auch schon vor „Verwesung“ so. Und glauben Sie mir: Das ist ein Muster, das ich sehr gerne durchbrechen würde.

Woran liegt das?

Dafür gibt es verschiedene Gründe – oder vielleicht sind es auch Ausreden, wer weiß. Einer ist, dass ich mich natürlich bemühe, jedes Buch anders und besser zu machen als das vorherige. Im Falle von Hunter bedeutet das, dass ich jedes Mal einen völlig neuen Schauplatz und eine andere Besetzung brauche. Und, noch wichtiger: Die Story muss ich so drehen und wenden können, dass sie zwar unvorhersehbar, aber doch auch ganz normal und authentisch wirkt. Das alles führt dazu, dass ich mich beim Schreiben unter enormen Druck setze, was nicht immer eine gute Sache ist. „Totenfang“ habe ich mehrmals neu begonnen, immer mit anderen Schauplätzen, und jedes Mal knallte ich nach etwa 20 000 bis 30 000 Wörtern gegen eine Wand. Also hörte ich auf und startete wieder von vorne.

Wie gelang Ihnen schließlich der Durchbruch?

Alles veränderte sich, als ich begann, darüber nachzudenken, was ich nach diesem Roman schreiben könnte. Mir wurde klar, dass es nicht ein weiterer Hunter sein müsste, sondern irgendein Roman, so wie mein letztes Buch „Der Hof“. Diese Aussicht hat mich gerettet, denn ich glaube, ich hatte mich so auf Hunter fokussiert und in dieses neue Buch verbissen, dass ich aus dem Blick verloren hatte, warum ich ursprünglich anfing zu schreiben: weil ich Spaß daran hatte. Mit dieser Erkenntnis wurde das Buch plötzlich lebendig, ich begann noch einmal von ganz vorne, und schrieb es sehr schnell, einfach nur für mich. Ironischerweise machte mir das dann mehr Spaß als alle anderen Bücher seit „Die Chemie des Todes“. Nach fast fünf Jahren voller vergeblicher Versuche ist das natürlich ein gutes Gefühl.

Konnten Sie in dieser Zeit einmal richtig auf Abstand zu Ihrer berühmtesten Figur gehen?

Nein. Hunter ist mir immer nah, und ich denke immer an ihn. Sogar als ich die Serie 2014 mit meinem Roman „Der Hof“ bewusst unterbrach, stellte ich fest, dass ich an ihn dachte. Ich schrieb über eine völlig andere Figur, und doch kehrten meine Gedanken zu Hunter zurück, ich suchte nach Ideen oder versetzte mich in Situationen, in denen er sich wiederfinden würde. So ist es im Grunde genommen immer, auch jetzt.

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19.10.2016, 06:00 Uhr

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