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Bücher

„Ich liebe fiese Kreaturen“

Harry Potter hat sein Leben umgekrempelt, sagt der Illustrator Jim Kay, der jetzt den vierten Band der Reihe bebildert hat. Ein Gespräch über die Bedeutung von Riesen, Alpträumen und Paul Klee.

05.12.2019

Von GÜNTER KEIL

Albus Dumbledore, wie ihn der Illustrator sieht. Foto: Jim Kay © Bloomsbury Publishing Plc 2019

London. Vor vier Jahren startete Harry Potter noch einmal von vorne: Die erfolgreichste Buchreihe der Welt erscheint seitdem auch in farbig illustrierten Schmuckausgaben im Großformat – jedes Jahr ein neuer Bildband. Für den englischen Illustrator Jim Kay entwickelte sich dieser Auftrag zur größten Herausforderung seiner Karriere. Vor kurzem ist der vierte von ihm illustrierte Band erschienen, „Harry Potter und der Feuerkelch“ (Carlsen, 464 Seiten, 38 Euro).

Welche Figur aus den Harry-Potter-Büchern zeichnen Sie am liebsten?

Jim Kay: Der Halbriese Hagrid ist mein absoluter Favorit. Ich liebe seine wilden Locken und seinen Rauschebart – und wie all das zusammenwächst. J.K. Rowling hat ihn als 3,51 Meter groß beschrieben, das ist für einen Illustrator eine enorme Herausforderung.

Warum? Sie können sich doch so viel Platz nehmen, wie Sie wollen.

Das schon, aber alles um Hagrid herum muss ins richtige Verhältnis gesetzt werden. Auf einem Bild von mir räkelt sich ein enormer Hippogreif auf dem Bett in Hagrids Hütte, und ich fragte mich beim Zeichnen: Wie kann ich diese unglaublichen Ausmaße verdeutlichen? Die Lösung: Ich platzierte zwei ganz normale Hühner ins Bild – diese wirken nun allerdings wie geschrumpft, weil Hagrids Hütte und der Hippogreif gigantisch sind.

In den Verfilmungen wird Hagrid von Robbie Coltrane gespielt. Durften Sie sich beim Illustrieren von ihm und anderen Schauspielern lösen?

Zum Glück ja! Ich sollte und wollte für die Schmuckausgaben ganz eigene, neue Bilder von den Figuren machen. Was nicht leicht war, denn früher, beim Lesen der Bücher und später beim Anschauen der Filme hatte ich ja schon zwei Mal Vorstellungen der Potterwelt entwickelt. J.K. Rowling hat durch ihre Beschreibungen viel vorgegeben, besonders bei Harry; das habe ich selbstverständlich übernommen. Aber bei einigen Figuren blieb ein kreativer Spielraum, und den habe ich voller Freude genutzt.

Um wen ging es, und wie sind Sie dabei vorgegangen?

Der Zauberer Severus Snape basiert in meinen Illustrationen auf meinem guten Freund David. Ich fand, dass er optisch perfekt zur Figur Snapes passt, vor allem wegen seiner tieftraurigen Augen. Nun sehe ich immer David, wenn ich Snape sehe, und nicht Alan Rickman, der ihn in den Verfilmungen spielt.

Ihre Hermine Granger unterscheidet sich ebenfalls. Emma Watson erkennt man bei Ihnen kaum.

Stimmt. Bei ihr habe ich mich an meiner Nichte orientiert. Noch lustiger wird es bei Familie Weasley: Molly, die Mutter, basiert auf einer Bekannten. Und zwei von Mollys sieben Kindern sehen aus wie die beiden realen Kinder dieser Frau. Für mich hat das Illustrieren nach echten Vorbildern zwei entscheidende Vorteile: Ich habe ein reales Modell, und ich kann das Altern der Figuren in der Wirklichkeit beobachten. Das ist wichtig, denn die sieben Potter-Bände umfassen ja eine große Zeitspanne. Drei habe ich noch vor mir.

Womit und worauf zeichnen Sie Ihre Originale?

Meistens mit einfachen Bleistiften auf großen Papierbögen. Die ersten Entwürfe sind fast alle schwarz-weiß, oft 20, 30 Stück, bevor ich mir sicher bin. Erst später verwende ich Farben, und dabei bevorzuge ich einfache Wand- und Fassadenfarben. Obwohl ich auch mit dem Pinsel arbeite, bin ich eigentlich der Skizzentyp, der pausenlos Ideen aufs Papier kritzelt und sie immer wieder verwirft und verbessert. Das geht oft stundenlang so, bis in die Nacht und manchmal auch bis zum Morgen. Ich bin sehr selbstkritisch und so gut wie nie mit den ersten Versuchen zufrieden.

Setzen Sie beim Illustrieren auch digitale Technik ein?

Zur Sicherheit, ja. Viele Varianten meiner Bilder speichere ich ab, um zu vorherigen Stadien zurückkehren zu können, wenn mir eine spätere Version nicht mehr gefällt. Selbstverständlich illustriere ich auch digital, aber das sind eher Ausnahmen. Manchmal erzielt man damit großartige Effekte: Den Hirsch namens Krone, Harrys verwandelten Vater, malte ich erst auf Papier, digitalisierte ihn anschließend und reproduzierte ihn als Negativ. Das ergab einen geisterhaften, unheimlichen Ausdruck. Genau so silbern und schimmernd, wie J.K. Rowling ihn beschreibt.

In welcher Verbindung stehen Sie zu J.K. Rowling?

Wir schreiben uns ab und zu Briefe oder Mails, um Details zu klären, aber ansonsten kommuniziere ich mit ihrem Verlag. Es ist überwältigend, dass J.K. Rowling mich für diese Aufgabe ausgewählt hat. Ihr Briefkopf wird übrigens tatsächlich von einer goldenen Eule geschmückt.

Stimmt es, dass Sie beim Start des Projektes niemandem davon erzählen durften?

Ja. Es war ein großes Geheimnis. Und ich hatte monatelang Alpträume, ob ich dieser großen Aufgabe überhaupt gewachsen sein würde. Harry Potter hat mein Leben komplett umgekrempelt! Für mich als Freiberufler ist die Illustration der sieben Bände eine tolle Sicherheit, aber auch eine immense Verantwortung. Ich möchte immer mein Bestes geben, und das raubt mir manchmal den Schlaf.

Im vierten Band „Harry Potter und der Feuerkelch“ tauchen viele furchterregende Drachen auf und einige Szenen spielen auf einem düsteren Friedhof. Bekommen Sie selbst manchmal Angst beim Zeichnen?

Im Gegenteil: Ich liebe Drachen und Friedhöfe! Auch Spinnen und andere fiese Kreaturen mag ich – wie gut für mich, dass J.K. Rowling viele von ihnen in ihre Bücher eingebaut hat. Vielleicht liegen mir die dunklen Orte und Wesen sogar im Blut: Schon als etwa 10-jähriger Junge saß ich stundenlang allein auf Friedhöfen und zeichnete Gräber.

Sehr ungewöhnlich für ein Kind.

Stimmt. Aber ich hatte auch eine andere Seite, eine, die dem Schönen zugewandt war. Die farbenprächtigen Bilder der Mitglieder des Blauen Reiters begeisterten mich schon früh. Ich sammelte Postkarten von Franz Marc, Wassily Kandinsky und August Macke. Auch Paul Klees Werke faszinierten mich. Bei meiner Arbeit an den Harry-Potter-Bildbänden merke ich, wie mich die großen Meister der Malerei geprägt und inspiriert haben. Eine Figur in „Harry Potter und der Feuerkelch“, die Journalistin Rita Kimmkorn, erinnerte mich an ein Bild von Otto Dix, auf dem er die Journalistin Sylvia von Harden porträtiert. Wenn Sie beide Bilder vergleichen, werden Sie gewisse Ähnlichkeiten erkennen. So etwas bereitet mir eine besondere Freude.

Hatten Sie auch Vorbilder für die berühmten Hauselfen?

Die habe ich selbst aus Knetmasse modelliert, bevor ich mit dem Zeichnen begann.

Dobby, Winky und ihre Kollegen lebten also bei Ihnen im Atelier?

Ja. Sie saßen über meinem Schreibtisch und sahen mir bei der Arbeit zu. Was glauben Sie, wie viel Spaß wir zusammen hatten! Dahinter steckt ein Prinzip: Für die Bildbände fertige ich immer erst Modelle an – das erleichtert mir später die Arbeit. Schritt für Schritt habe ich mir so die komplette Hogwarts-Welt ins Atelier geholt. Landschaften, Gebäude, Figuren . . . alles. Natürlich nur im Miniaturformat, aber ich fühle mich, als wäre ich selbst ein Teil davon. Und das Illustrieren fällt mir so viel leichter.

Jim Kay signiert einen Bildband. Foto: Bloomsbury Publishing

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Erstellt:
5. Dezember 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
5. Dezember 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 5. Dezember 2019, 06:00 Uhr

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