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„Ich tue mir gar nichts an“
Personaldebatte in der Südwest-SPD

„Ich tue mir gar nichts an“

Luisa Boos soll Generalsekretärin der Südwest-SPD werden, was zu Unruhe in der Partei geführt hat. Die Südbadenerin schreckt das nicht. Sie wirbt für einen Stilwechsel.

17.10.2016
  • STEFAN HUPKA UND WULF RÜSKAMP

Freiburg. Kaum fiel ihr Name, gab es schon Ärger: Die Südbadenerin Luisa Boos soll neue Generalsekretärin der Südwest-SPD werden, so der Vorschlag der designierten Landeschefin Leni Breymaier für den Parteitag am Samstag. Warum ist die 31-Jährige aus Sexau so umstritten – und was sagt sie selber zu den Querelen?

Frau Boos, Sie wollen Generalsekretärin einer ehemals stolzen Volkspartei werden, die nun bei dreizehn Prozent rangiert. Warum tun Sie sich das an?

Luisa Boos: Ich tue mir gar nichts an. Im Gegenteil: Es ist eine wahnsinnig spannende Aufgabe, für die SPD in den Ring zu steigen. Ich freue mich darauf, mitzuhelfen, dass meine Partei, in der ich seit elf Jahren bin, wieder stärker wird.

Das haben andere auch schon probiert. Wie wollen Sie es anstellen?

Wir sind jetzt in der Opposition. Da geht es erst einmal darum, wahrnehmbar zu bleiben. Aber es ist auch viel innerparteilich zu tun, damit wir weiter in der Fläche präsent sind.

Was macht eine gute Generalsekretärin aus?

Sie muss die Partei gut kennen, in allen Gliederungen. Sie muss schauen, dass diese Gliederungen verzahnt sind. Das war zuletzt nicht überall der Fall. Und sie sollte Räume schaffen zur offenen inhaltlichen Diskussion. Viele wichtige Diskussionen haben wir in den letzten Jahren einfach nicht geführt.

Sie sprechen wohl von den Regierungsjahren. Das Regieren scheint der SPD nicht zu bekommen.

Unsere Ministerinnen und Minister haben einen wahnsinnig guten Job gemacht. Aber sie waren leider oft auch zu leise. Das hatte nachvollziehbare Gründe, doch es hat uns als Partei nicht vorangebracht. Und unsere Kreis- und Ortsvorsitzenden waren zuletzt zu wenig eingebunden. Ich möchte die Meinungsbildungsprozesse von unten nach oben wieder stärken.

Wer war schuld daran, Katja Mast, die amtierende Generalsekretärin, oder der Landesvorsitzende Nils Schmid?

Das lag nicht an Personen, mehr an der Rollenverteilung. Katja Mast ist engagierte Landesgruppenchefin im Bundestag mit begrenztem Zeitbudget, Nils Schmid war Minister und Vize-Ministerpräsident. Wir haben jetzt eine neue Situation: mit Leni Breymaier als designierte Vollzeitvorsitzende vor der Bundestagswahl – und einer hauptamtlichen Generalsekretärin.

Sehen Sie Ihren Part eher nach innen, wie Katja Mast, oder nach außen?

Beides. Es geht schon auch darum, unterschiedliche Lebensrealitäten für die SPD zu repräsentieren. Ich könnte eine Identifikationsfigur für junge Frauen oder auch Alleinerziehende sein. Das ist jedenfalls mein Ziel.

CDU-Urgestein Heiner Geißler hat sinngemäß gesagt, ein Generalsekretär müsse auch mit Dreck werfen und jeden Tag einmal den Gegner beleidigen – ersatzweise die Parteifreunde. Finden Sie sich da wieder?

Das ist inzwischen sehr lange her, meinen Sie nicht? Das eigene Bild positiv nach außen kehren gefällt mir viel besser. Und die Hauptkonflikte auszutragen, die zwischen Parteien notwendig herrschen, das ist Sache der Landesvorsitzenden.

Als Ihr Name neulich ins Spiel kam, gab es gleich Gegenwind. Wie erklären Sie sich den?

Ich bin bei den Jusos groß geworden. Da gab es Konflikte, von denen vielleicht mancher noch etwas im Rucksack trägt. Ich selber habe das abgestreift – und ich hoffe, andere auch. Der Hauptgrund aber ist wohl ein Modellwechsel: Früher kam immer einer der beiden Parteispitzen aus dem Landtag, der andere aus dem Bundestag. Das wird nun nicht mehr so sein, aber es muss uns natürlich gelingen, unsere Landtagsfraktion eng einzubinden. Etwa über einen der vier Vizeposten.

Auch gibt es, liest man, noch Verletzte aus einem rüden Umgangston vor Jahren in Ihrer Facebook-Gruppe. Haben Sie mit denen mal gesprochen?

Ja, natürlich. Es gab in der Tat Verletzungen. Und ich sehe heute manches mit anderen Augen. Aber wir haben lange daran gearbeitet, das hinter uns zu lassen.

Sind das Töne, die man in der Politik aushalten muss?

Nein, wir müssen gerade in den sozialen Netzwerken mehr Respekt aufbringen. Denn da wird meist nur im Affekt geschrieben – in einem vermeintlich geschützten Raum, wo man glaubt, seinen Kropf leeren zu können. Aber das bleibt halt für immer da stehen – und wird dann womöglich aus dem Kontext gerissen.

Von Leuten, die Sie als Generalsekretärin verhindern wollen?

Ich finde es absolut in Ordnung, dass die Partei im Vorfeld heftig darüber diskutiert, ob ich die Richtige bin. Das sollten wir ruhig öfter tun – mehr als das in der Vergangenheit immer über den Stimmzettel der Fall war, mit Ergebnissen knapp über 50 Prozent. Das ist doch nicht ehrlich!

Apropos: Haben Sie eine Schmerzgrenze bei Ihrer Wahl am Samstag?

Ich möchte natürlich eine Mehrheit. Und ich erwarte ein ehrliches Ergebnis. Das kann ja auch Ansporn sein, in zwei Jahren ein noch besseres Ergebnis zu bekommen.

Kommt der Widerstand nicht auch daher, dass das Gespann Breymaier-Boos ein linkes Gespann ist – in einem mehrheitlich eher bürgerlichen Landesverband?

Wenn man sich das Gesamttableau der Vorstandskandidaten anschaut, scheint mir doch alles recht ausgewogen zu sein. Und Leni Breymaier kann völlig zurecht beanspruchen, eine Generalsekretärin als Vertrauensperson zur Seite zu haben, mit der sie sich auch inhaltlich versteht.

Kann die SPD in Baden-Württemberg wirklich nach links wieder größer werden?

Es geht gar nicht um einen Linksruck, sondern darum, das Profil der SPD als Partei der sozialen Gerechtigkeit zu stärken. Die Menschen erwarten von uns, dass wir hier klare Positionen haben und da auch nicht wackeln – bis hin etwa zu einer beitragsfreien Kinderbetreuung.

Das konnte die SPD in der Grün-Rot-Ära nicht klarmachen?

Wenn man koaliert, muss man immer Kompromisse machen. Doch der Kompromiss wird gerne mit unserer Programmatik verwechselt – zumal dann, wenn der Minister, der den Kompromiss vertritt, zugleich Parteivorsitzender ist.

Also wie Noch-Landeschef Nils Schmid und der Bundesvorsitzende Sigmar Gabriel.

Das hat von der Personalisierung her ja durchaus Vorteile. Aber das Gesicht der Partei wird oft als reine Programmatik wahrgenommen. Das alles besser hinzubekommen – das ist unsere Aufgabe.

Die Zukunft der Südwest-SPD ist weiblich, wie man sieht. Gibt es Eigenschaften der männlichen Genossen, die dem politischen Erfolg entgegenstehen?

Nein, überhaupt nicht. Aber es kann sicher nicht schaden, dass eine Partei, die von außen oft als Partei der älteren Männer wahrgenommen wird, sich etwas breiter aufstellt.

Frau Breymaier hat ihre Amtszeit, die noch gar nicht begonnen hat, Ihretwegen mit einem Machtkampf eröffnet. Sind Sie darauf auch ein bisschen stolz?

Ich bedaure, dass diese Diskussion so öffentlich geführt wurde. Aber Machtkampf wäre übertrieben. Wir können ihn uns auch gar nicht erlauben.

Die neue Vorsitzende braucht ein gutes Startergebnis. Kann es sein, dass die Personalie Boos ihr dieses verhagelt?

Leni Breymaier bekommt sicher ein super Ergebnis. Die Delegierten werden wie immer weise entscheiden – und im Zweifel ihr Mütchen eher an der Generalsekretärin kühlen.

Alleinerziehende Mutter mit Parteierfahrung

Bäckerstochter Luisa Boos (31) lebt mit ihrem Sohn (6), den sie alleine erzieht, im heimatlichen Sexau (Kreis Emmendingen). Ihre Eltern hatten dort eine Bäckerei. Sie ist seit 2005 in der SPD, hatte Führungsämter bei den Jusos inne und ist heute Vizevorsitzende der SPD-Frauen (ASF). ⇥bz

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17.10.2016, 06:00 Uhr

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