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Interview

„Ich vertraue dem Instinkt“

„Monk“ und „House of Cards“: Komponist Jeff Beal hat Musik für 350 TV-Episoden geschrieben. Bleibt da Zeit für Anspruch und Kreativität?

23.11.2016
  • MAGDI ABOUL-KHEIR

Ulm. Gerade hat Jeff Beal (53) beim Filmfestival in Gent den World Soundtrack Award als bester TV-Komponist des Jahres gewonnen, für seine Soundtracks zu „House of Cards“. Eine schöne Anerkennung für einen Musiker, der meist im Hintergrund steht – obwohl er doch als Jazz-Interpret auf der Bühne angefangen hat. Dafür kann er von seinen TV-Jobs in Hollywood heute ziemlich gut leben, wie er freimütig erzählt.

Mr. Beal, wenn Sie mit der Musik zu einer Serie beginnen, wie finden Sie den richtigen Ansatz: den passenden Tonfall, Rhythmen, die Themen?

Jeff Beal: Über die Charaktere. Eine gute Filmmusik ist ein Teil des Storytellings, man hilft den Zuschauern, in die Geschichte hineinzufinden, eben eine Verbindung zu den Figuren aufzubauen. Was bewegt uns denn in Dramen? Meist sind es außergewöhnliche menschliche Charakterzüge. Eine meiner ersten TV-Serien war „Monk“ mit einer Hauptfigur, die an Angst- und Zwangsstörungen leidet. Die Musik für ihn war eine Mischung aus Humor, Pathos und etwas Traurigkeit – aber es ging nicht darum, sich darüber lustig zu machen, sondern mitfühlend zu sein.

Und wie funktioniert das beim Polit-Thriller „House of Cards“?

Es ist natürlich leicht, Empathie zu haben für jemanden wie Monk. Bei einer Person wie Frank Underwood in „House of Cards“ sieht das anders aus – er zeigt Verhaltensweisen, die wir sozial inakzeptabel finden. Und doch repräsentiert er Dinge, die wir kennen. Rachsucht, Gewinnsucht – wir können solch einen machiavellinischen Charakter durchaus verstehen. Die Musik für Frank Underwood drückt ein fast erotisches Machtstreben aus, auch eine Art Anziehungskraft.

Wenn Sie solche Gedanken in Musik verwandeln, ist das ein intellektueller oder ein emotionaler Prozess?

Musik funktioniert nonverbal. Ich vertraue meinem Instinkt, auch weil ich als Jazz-Trompeter von der Improvisation herkomme. Im Nachhinein kann ich das analysieren, aber die besten Ideen entstehen intuitiv. Natürlich, wenn man sich lange mit Filmmusik beschäftigt, weiß man auch, welcher Sound welche Art von emotionaler Reaktion hervorruft. Viele unserer Reaktionen auf Klang stammen sogar aus der Urzeit: Tiefe Frequenzen ängstigen uns eher, ein schnelles Tempo regt uns auf, ein langsames beruhigt uns; ein dissonanter Klang setzt uns zu, Wohlklang lässt uns Frieden oder Entspannung spüren. Wir erfinden da nichts Neues – aber wir erzählen ja auch seit Jahrtausenden die gleichen Geschichten. Wir erzählen sie nur in neuen Medien und auf andere Art. Viele Elemente der Filmmusik kommen übrigens aus der europäischen, besonders der deutschen Programmusik- und Operntradition.

Was muss eine gute Titelmusik für eine Serie leisten?

Sie sollte ein Destillat sein. Im Idealfall ist sie wie ein Mikrokosmos der ganzen Serie. Die Titelmusik von „House of Cards“ ist eineinhalb Minuten lang, das ist viel nach heutigem Maßstab, da kann man die ganzen Ideen verdichten. Bei einer anderen Show hatte ich mal nur 15 Sekunden.

Sie haben zehn Tage, um die Musik für eine Folge „House of Cards“ zu schreiben und aufzunehmen. Keine Zeit, um auf Inspiration zu warten. . .

. . . und deswegen legt man am besten los, damit man den Job schafft. Allerdings lese ich vor jeder Staffel das Konzept, die „Story-Bibel“ mit den Handlungsbögen – auf der Basis entwickle ich Themen und musikalische Skizzen. Dann hab ich später schon Material. Die Sache ist: Man kann das Arbeiten beschleunigen, aber nicht das Denken. Also ist es gut, wenn ich mich schon früh mit der Story beschäftigen kann.

TV-Musik ist funktional. Wie wichtig ist es für Sie als Komponist, dass auch diese Gebrauchsmusik eine gewisse Qualität oder Integrität hat?

Für mich ist es wichtig. Klar, wenn man TV-Musik schreibt, dient man einer Geschichte. Man schreibt nicht etwas Kompliziertes, nur weil man es kann. Manchmal ist etwas sehr Einfaches wirkungsvoll, es geht nicht um mein Ego als Komponist. Aber auch da ist „House of Cards“ etwas Besonderes, denn ich habe die Möglichkeit, meine persönliche musikalische Stimme zu zeigen. Aber natürlich mag ich es, Konzertwerke oder Ballettmusik zu schreiben. Ich sehe mich nicht als Film-Komponist, sondern als Komponist.

Sie sind vielseitig, versiert in Jazz und klassischer Komposition. Wie ist das, wenn Sie doch einmal in einem Idiom schreiben müssen, das Sie nicht so gut beherrschen?

Ich liebe das! Man lernt nie aus, und ich mag es, herausgefordert zu werden. Das ist das Gute an der Filmmusik, man kann sich nicht nur wiederholen. Ich suche auch extra nach Projekten, die anders sind.

Sie haben Musik für mehr als 350 Fernseh-Episoden komponiert. Haben Sie nie Angst davor, sich zu wiederholen?

Ja und nein. Wie Charles Ives gesagt hat: Jeder Komponist schreibt das gleiche Stück Musik immer und immer wieder, sein ganzes Leben lang. Und Igor Strawinsky: Unser Job ist nicht, neue Schiffe zu bauen, sondern alte zu beladen. Man ist der, der man ist. Als Künstler hat man die wunderbare Aufgabe, unendlich viele Variationen des gleichen Materials zu schaffen. Das tun wir alle. Aber deswegen liebe ich es auch, Konzert- und Chormusik zu schreiben, ich möchte mich anstrengen müssen, lernen und wachsen.

Hat die digitale Revolution viel in Ihrem Beruf verändert?

Ich bin 53 Jahre alt und habe noch gelernt, mit Papier und Bleistift zu komponieren. Aber ich liebe Technik, war Neuerungen gegenüber immer aufgeschlossen. Man muss sich heute damit einfach auskennen. Ohne diese erstaunlichen Hilfsmittel könnte ich nicht so produktiv sein. Im Zusammenspiel mit Kunst ist Technologie enorm machtvoll – aber, es geht dabei nicht um die Technik als Selbstzweck, sie ist nur ein Werkzeug. Man muss aufpassen, dass die Musik menschlich, persönlich bleibt.

Sie haben Komponisten-Kollegen, die Musik für sechs Serien schreiben. Wie geht das?

Die haben viel Hilfe. Ich nehme nur Jobs an, die ich auch allein bewältige – wer mich engagiert, weiß, dass er meine Musik bekommt. Deswegen sage ich auch manchmal Nein. Ich habe gutes Geld verdient, mir geht es jetzt eher um Kunst, um Qualität.

Wie groß ist Ihr Team?

Ich, meine Frau und der Hund.

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23.11.2016, 06:00 Uhr

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