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„Ich will auf keinen Fall Vorbild sein“
Irvine Welsh beim Frühstück in einem Café in seiner Heimatstadt Edinburgh. Foto: Justyn Keeley
Literatur

„Ich will auf keinen Fall Vorbild sein“

Irvine Welsh lebt in den USA, kehrt aber regelmäßig nach Schottland zurück. Vor 25 Jahren schrieb er „Trainspotting“. Jetzt kommt die Fortsetzung des 90er-Kultfilms ins Kino.

26.01.2017
  • LUCY CHEUNG UND CLAUDIA REICHERTER

Edinburgh. Der Mann mit Glatze und stechendem Blick aus stahlblauen Augen ist im Edinburgher Hafenviertel Leith geboren. Auch wenn Irvine Welsh lange in Dublin lebte und 2012 mit seiner Frau nach Chicago zog, bleibt er Fan des Fußballclubs Hibernian. Und unterstützt jetzt eine Kampagne, die das vor 30 Jahren geschlossene Art-Deco-Stadtteiltheater wiederbeleben soll. Deshalb kehrt der Autor, Regisseur und DJ regelmäßig zurück in die Heimat.

Beim Frühstück in einem italienischen Café in der Elm Row wirkt der 58-Jährige hinter einer Zeitung erst wie eine in die Jahre gekommene Mischung aus Renton und Begbie. Wenn er lächelt, tritt etwas Kindliches in sein rotwangiges Gesicht, das an Spud denken lässt, den er vor 25 Jahren mit den anderen Helden des Kultfilms „Trainspotting“ ersonnen hat. Als er sich Porridge mit Joghurt und Himbeeren bestellt, scheint das von Heroin und anderen selbstzerstörerischen Obsessionen geprägte „Trainspotting“, das demnächst im Kino fortgesetzt wird, aber weit weg.

Sie sind viel herumgekommen. Warum leben Sie jetzt in Chicago?

Irvine Welsh: Ich mag das Umherziehen. Verschiedene Städte und Menschen, mit denen man sich einlässt, geben einem die Möglichkeit, viel auszuprobieren. Lebte ich in New York, wär' mein Leben ähnlich wie in London von literarischen Kreisen bestimmt. In Los Angeles würde ich wohl mit Filmleuten abhängen. In Chicago ist keiner meiner Freunde Autor oder Filmemacher, das finde ich gut. Ich komme problemlos nach LA und New York, es gibt Direktflüge nach Europa, sehr angenehm. Das Klima hingegen ist dramatisch, im Winter sehr kalt und im Sommer sehr heiß. Zwischen Januar und März kann man kaum rausgehen. Das ist toll, da lässt sich eine Menge erledigen.

Wie sieht Ihr Tagesablauf aus?

An einem normalen Tag steh' ich auf, schreib' ein paar Stunden. Dann geh' ich zum Boxen oder ins Fitnessstudio. Wieder daheim, schau' ich, was ich morgens geschrieben hab', druck's aus und nehm's mit in ein Café. Wenn mir danach ist, nehm' ich mir nachmittags frei und geh ins Kino.

Ende der 70er gingen Sie als Punk nach London. Folgten Sie der Mode oder machten Sie auch Musik?

Nein, ich konnte kein Instrument spielen, das war ein spektakulärer Reinfall. Aber ich habe dort eine Menge guter Leute von überall her im Vereinigten Königreich getroffen, die zu langjährigen Freunden geworden sind. Es half mir, als ich zu schreiben begann, dass viele echt coole Leute wussten, wer ich bin, weil ich Teil der Punk- und House-Szene war. Die mochten mein erstes Buch und das brachte vieles ins Rollen.

Das war „Trainspotting“. Wie finden Sie es selbst nach fast 25 Jahren?

Das Komische bei einem Schriftsteller ist, dass er weiß, er lebt während des Schreibens total in der Welt, über die er schreibt, aber wenn die Geschichte fertig ist, besteht keinerlei emotionale Verbindung mehr dazu. Sobald man sein Werk aus der Hand gibt, ist es an anderen, es zu bewerten.

Sind Charaktere und Themen, die in Ihrem literarischen Werk immer wieder auftauchen, autobiografisch?

Ähm, so richtig autobiografisch ist das nicht. Man versucht, das Unbekannte zu beschreiben, findet raus, was man alles nicht weiß, und saugt das irgendwie in sich auf. Ich glaube, alle Schriftsteller fangen autobiografisch an, aber stellen bald fest, wenn sie nur über sich schreiben, langweilen sie alle Welt zu Tode. Man muss als Romancier einerseits narzisstisch genug sein, um zu glauben, dass das, was man zu sagen hat, wichtig ist. Andererseits muss man sein Ego komplett beiseite schieben können im Bewusstsein: Meine Geschichte ist nicht wichtig, aber jene, die ich aus Material um mich herum konstruieren kann, könnte es sein.

In Ihrem neuen Roman „The Blade Artist“ geht's um Kunsttherapie. Glauben Sie, dass die wirkt?

Schon. Menschen sind oft gewalttätig, verrückt oder selbstzerstörerisch, weil sie keine Möglichkeit haben, diese Seiten in sich zu erforschen. Die ganze Energie fließt in Ängste. Da fast alle Kreativität in sich tragen, lässt sich das aber wohl auch anders lösen.

Hat Sie der Erfolg verändert?

In mancherlei Hinsicht. Ich hab' das Leben schon ganz gut ausgekostet, bevor ich berühmt wurde. Dann bin ich in die Erfolgsspur geschlittert. Klar würde ich auch jetzt gern manchmal noch auf Partys gehen, konzentriere mich aber eher drauf, was ich erreichen will. Ich wollte mich nicht mehr in Drogen verlieren. Stattdessen finde ich es jetzt super, dass ich ein Künstlerleben führe mit selbstgesetzten Arbeitszeiten.

Soll „Trainspotting“ Teenager dran erinnern, keinen Mist zu bauen?

Nein. Ich will auf keinen Fall ein Vorbild sein und fühle mich nicht auf einer moralischen Mission. Aber wie alles im Leben bietet jedes Buch eine Art Lektion.

Haben Filme Ihren Stil beeinflusst?

Ich bin von allem möglichen beeinflusst, von Hochkultur ebenso wie von Trash. Wer sich einer Sache verweigert, schränkt sich ein. Klar haben Drehbuchautor John Hodge und Regisseur Danny Boyle meine Figuren über die Jahre mitgeprägt. Und die sind genau wie ich von Filmen beeinflusst. Das hat mir neue Wege eröffnet.

Wie ist die Arbeit mit Danny Boyle?

Jeder Regisseur hat seinen eigenen Stil, aber Jon S. Baird, der aus meinem Buch „Filth“ den Film „Drecksau“ gemacht hat, und Danny Boyle, der Regisseur von „Trainspotting“ und „T 2: Trainspotting“, sind einander ähnlich. Beide sind leidenschaftlich und stellen den Menschen in den Mittelpunkt. Davon abgesehen erscheinen beide am Set sehr locker und gelassen. Sie suchen nach Möglichkeiten, aus dem Üblichen auszubrechen, und nutzen dazu die Improvisation. Andere Regisseure, mit denen ich schon gearbeitet habe, sind viel mehr auf das Skript fixiert. Ich selber würde die Schauspieler am liebsten alles improvisieren lassen.

Ist Schreiben wie Schauspielern?

Die Vorgehensweise der Schauspieler, mit denen ich zusammengearbeitet habe, hat viel mit dem Schreiben gemein. Bei beidem geht es im Prinzip ums Spielen im Sinne von So-tun-als-ob. Ein guter Schauspieler versteht nicht nur seine Rolle, sondern alles, das ganze Stück. Deshalb habe ich mir immer wirklich gute Schauspieler ausgesucht: James McAvoy, Robert Carlyle, Ewan McGregor. Sowohl Ewan als auch Bobby haben jüngst auch als Regisseure auf sich aufmerksam gemacht. Ich bin mir sicher, James macht das irgendwann auch noch.

All diese Schauspieler sind Schotten. Vermissen Sie Schottland?

Ich liebe Haggis, Black Pudding und all das. Zum Glück ist Chicago ebenfalls eine Fleisch-Stadt. Auch wenn es dort nicht so ausgezeichnete Meeresfrüchte wie in Edinburgh gibt. Ich vermisse natürlich die Familie, Freunde. Und den Humor: irgendwie brutal, irgendwie düster.

Sehen Sie Ihre Heimat anders, nun, da Sie sie aus der Ferne anschauen?

Der eigene Wohnort scheint alltäglich, profan. Erst wenn man weggeht und zurückkehrt, erkennt man die Exotik. Von Amerika aus betrachtet, sagt man vielleicht: „Herrje, die Briten haben noch die Queen! Das ist verrückt, das soll eine moderne Demokratie im 21. Jahrhundert sein?“

Worüber sorgen Sie sich derzeit?

Über den Wirtschafts- und Technologie-Kollaps. Wir erleben das Ende von Kapitalismus und Sozialismus, den Ideologien der Industrialisierung. Wir haben nichts, um sie zu ersetzen, außer einem Neoliberalismus, der alle Ressourcen der Mittelschicht auf die oberen ein Prozent transferiert – keine gute Strategie.

Wie sehen Sie die Zukunft Großbritanniens nach dem Brexit?

Es hat keine Zukunft. Dies ist der Anfang von seinem Ende. Seit dem Unabhängigkeits-Referendum fragen sich die Schotten: Wer sind wir? So wird nach den ganzen Dezentralisierungsversprechen auf den Brexit ihre Ablösung folgen. Und England wird sich die nächsten 10 bis 20 Jahre der Frage widmen, ob es für alten imperialistischen, auf Rassismus und Chauvinismus basierenden Nationalismus oder einen modernen inklusiven, multikulturellen, multiethnischen Staat stehen will.

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26.01.2017, 06:00 Uhr

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