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Donald Trump

„Ich will ein Präsident für alle sein“

Als Kandidat hat der Republikaner gepoltert und gepöbelt. Als Wahlsieger gibt er sich bei seinem ersten Auftritt bescheiden und versöhnlich. Wie wird er sich als Präsident verhalten?

10.11.2016
  • PETER DETHIER

Washington. Man will es gar nicht glauben, und nach seiner ungewöhnlich bescheidenen Siegesrede gewinnt man den Eindruck, dass auch der neu gewählte Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika sein Glück kaum fassen konnte. Doch es ist real, der 45. Präsident der USA wird Donald John Trump heißen. Nach einem monatelangen, äußerst harten Wahlkampf hat der 70-jährige politische Quereinsteiger die entscheidende Abstimmung gewonnen. Am 20. Januar 2017 wird er die Nachfolge von Barack Obama antreten. Und nun?

Mit dem sensationellen Wahlergebnis stehen die USA am Scheideweg, dem Land stellt sich nun eine Schicksalsfrage: Wird ein populistischer Kandidat, der mit Demagogie die Nation gespalten hat, Amerika vereinen? Oder treibt er einen noch tieferen Keil zwischen die diversen ethnischen, religiösen und anderen Gruppen?

Nicht nur das Wahlergebnis hat viele überrascht, auch der Auftritt des Siegers. Das letzte, was Beobachter von diesem bombastischen Selbstdarsteller nach dem größten und unwahrscheinlichsten Erfolg seiner Karriere erwartet hatten, waren Nachdenklichkeit und Zurückhaltung.

Siegesrede um kurz vor drei Uhr

Doch nach dem stundenlangen Auf und Ab und der zögerlichen Bereitschaft führender Medienanstalten, seinen unausweichlich erscheinenden Sieg auszurufen, traf Donald Trump um zehn vor drei Uhr morgens (Ortszeit) seine erste Entscheidung als „President Elect“ (Gewählter Präsident). Im Festsaal des New York Hilton Hotels marschierte der leise klatschende 70-Jährige gemessenen Schrittes zum Podium und entschloss sich, seinen historischen Sieg selbst zu verkünden.

Flankiert vom seinem zehnjährigen Sohn Barron und dem künftigen Vizepräsidenten Mike Pence, gefolgt von Amerikas künftiger First Lady Melania und dem Rest der Familie, trat Trump ans Podium. Aus dem jubelnden Publikum ertönten rhythmische Rufe „USA! USA! USA!“

Dann ergriff der schwerreiche Immobilienunternehmer das Wort und ließ erstmal eine Prise Humor einfließen: „Sorry, dass ich Euch so lange warten ließ, aber dies ist ein kompliziertes Geschäft“, sagte er stolz. Dann wandte er sich seiner unterlegenen Konkurrentin zu. Er habe soeben einen Anruf von Hillary Clinton erhalten habe. „Sie hat uns gratuliert, nicht mir, sondern uns, denn es geht hier um uns“, sagte Trump und streckte seinen begeisterten Anhängern die Arme entgegen.

Freundlichkeiten für Clinton

Diese Geste habe er erwidert, sagte Trump und betonte, er habe Clinton und ihrer Familie zu einem harten Wahlkampf gratuliert. „Sie hat sehr hart gekämpft“, sagte er. „Hillary hat sehr lange und sehr hart gearbeitet über einen langen Zeitraum, und wir schulden ihr große Dankbarkeit für ihren Dienst an unserem Land. Ich meine das sehr ernst.“

Es waren, nach den harten persönlichen Wahlkampf-Angriffen gegen Trump, regelrecht freundliche Worte. Auch im weiteren Verlauf seiner Rede schlug Trump einen versöhnlichen Ton an – ein deutlicher Kontrast zu seiner Kampagne, die auf Verachtung, Hass und Spaltung beruht hatte. Mit einem Appell an „alle Republikaner, Demokraten und unabhängige Wähler“ forderte Trump seine Landsleute auf „als vereintes Volks uns zu verbünden.“ Er wolle „ein Präsident für alle Amerikaner sein.“ Also auch für Muslime, Latinos und andere Gruppen, denen er während des Wahlkampfs noch die Einreise hatte verweigern wollen oder die er schnellstmöglich des Landes verweisen wollte.

Aufrufe zur Einheit

Selbst mit „jenen, die mich nicht unterstützt haben, und davon soll es ja einige gegeben haben“ wolle er sich vertragen, schmunzelte ausgerechnet jener Trump mit einer gewissen Selbstironie, der als Privat- und Geschäftsmann vielmehr für seine Rachsucht bekannt ist. Alle Amerikaner bitte er um „Rat und Hilfe, um unsere große Nation zu vereinen“.

Auch in seinem ersten Tweet nach der Wahl rief er die Nation zur Einheit auf: „Wir werden alle zusammenkommen wie nie zuvor“, schrieb er am Mittwochmorgen (Ortszeit) auf dem Online-Kurznachrichtendienst. „So ein wunderbarer und wichtiger Abend! Der vergessene Mann und die vergessene Frau werden nie wieder vergessen werden.“ Trumps Twitterprofil trägt mittlerweile zudem den Zusatz „gewählter Präsident der Vereinigten Staaten“.

Plötzlich klang dieser Mann wie ein Staatsmann, und nicht mehr wie ein kratzbürstiger Provokateur. Waren diese ausgesprochen friedlichen, versöhnlichen Töne ein Vorgeschmack darauf, wie der neu gewählte Präsident gedenkt, die Regierungsgeschäfte zu führen?

Von Januar an wird der als scheinbar aussichtsloser Außenseiter ins Rennen gegangene Populist die größte Wirtschafts- und Militärmacht der Welt regieren. Dank des Doppelsiegs seiner Republikaner in beiden Kongresskammern kann er politische Vorhaben womöglich ohne große Gegenwehr durchsetzen.

Nun warten Amerika und die Welt gespannt, ob Trump mit der Rückendeckung von künftig zwei republikanisch beherrschten Kongresskammern seine Ankündigungen umsetzt. Ob er also Muslime und Latinos ausweisen, Abtreibungen verbieten, Waffengesetze lockern und Handelsabkommen auflösen wird.

Oder lässt er auf seine versöhnliche Siegesrede einen versöhnlichen Regierungsstil folgen? „Ich finde es besser, unberechenbar zu sein“ hat er mehrfach gesagt, und bis zum 20. Januar wird Donald Trump seine Landsleute und die Welt sicherlich in Atem halten.

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10.11.2016, 06:00 Uhr

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