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Designer verschafft öden Flächen Gesicht und Raum

Illusionskunst am Garagentor

Garagentore sind normalerweise keine Hingucker; sie verbreiten eher Langeweile im Straßenraum. Den Designer Joachim Beyrowski stiften sie zu verblüffenden Verkleidungen an.

30.05.2012

Von Ulrike Pfeil

Wankheim. An der Wankheimer Ortsdurchfahrt fällt diese überdimensionierte Tresortür ins Auge. Sieht aus, als würden in der Betonbox dahinter mindestens Goldbarren gehortet, ist aber ein Bild, zweidimensional. Nur ein vielfach vergrößertes Foto eines Tresors, auf das Tor einer stinknormalen Garagenkiste montiert.

Hoppla, durch die Garage geht‘s direkt zum Strand! Den Innenraum mit Leiter an der Wand bezog Joachim Beyrowski bei dieser Garagen-Verkleidung in der Tübinger Rappenberghalde in Bildmontage mit ein. In diesem Fall haftet die Verkleidungs-Plane mit Magneten am Metalltor. (Die anderen Garagentore im Block wurden inzwischen frisch gestrichen).

Das Motiv hat durchaus seine Bewandtnis. Denn die Garage gehört der benachbarten Filiale der Volks- und Raiffeisenbank, von der sie jedoch nicht selbst genutzt wird. Sie ist an eine private Autohalterin vermietet. Von seinem künstlerischen Arbeitsplatz im Wankheimer Büro Wexelwirken an der Hauptstraße direkt gegenüber schaute Beyrowski immer auf die reizlose Fläche dieses Garagentors. „Dieser Anblick“, sagt er, „war wirklich sehr hässlich.“ Dann überzeugte er die Volksbank, dass man gegen die Ödnis etwas unternehmen könne: eine Tresor-Illusion als witzige Anspielung auf die Besitzerin, die Bank.

Ein passendes Tresorbild fand Beyrowski bei einer Bildagentur im Internet; dort kaufte er die Lizenz für das große Format. Das Bild ließ er auf eine schwere, wetter- und reißfeste LKW-Plane in der Größe des Garagentors drucken. Dann wurde die Plane auf das hölzerne Tor geschraubt. Jetzt ist die Garage ein Blickfang für Passanten.

Hinter diesem gut gesicherten Garagentor an der Wankheimer Hauptstraße muss ein besonders edles Heilixblechle geschützt werden. Oder werden gar noch ganz andere hochsicherheitsbedürftige Wertgegenstände dort gehortet? Immerhin verschafft der Grafik-Gag der öden Kiste eine witzige und geheimnisvolle Seite.

Und noch dazu handelt es sich bei der Verkleidung um ein echtes Regionalprodukt. Das freut Bey rowski besonders, denn die Stärkung der regionalen Kommunikation und die Vernetzung ortsansässigen Gewerbes ist ein Ziel des Büros Wexelwirken, in dem der 48-Jährige arbeitet. Im Internet suchte er nach Herstellern bedruckter Planen – und stieß auf die Kusterdinger Digitaldruck-Firma von Bernd Kaiser, die unter anderem Werbebanner herstellt.

Ein richtiges Geschäftsfeld ist die Kunst auf dem Garagentor bisher nicht für den kreativen Autodidakten, obwohl ihn die Möglichkeiten künstlerisch reizen. Beyrowski sucht in der Kunst der digitalen Fotomontage das Surreale, die optische Erweiterung des Raums, überhaupt das Schaffen ungewohnter Raum-Eindrücke und Konstellationen: In seinen Bildern, die zur Zeit in der Galerie von Wexelwirken ausgestellt sind, tauchen die seltsamsten Dinge aus einer Schlammpfütze im Asphalt auf, oder eine magische Pinzette greift sich einen durch eine Sporthalle fliegenden Ball.

An einem anderen Garagentor in der Tübinger Rappenberghalde hat er sein Konzept der Verblüffung umgesetzt: Dort hat man den Eindruck, als stünde die Garage offen und als führe der Weg durch die dunkle Betonhöhle geradewegs auf einen hellen, sonnigen Traumstrand. Die bunten Liegestühle für den Urlaub stehen schon bereit. Dieses Trugbild hat Beyrowski aus fünf Einzelfotos montiert: Die reale Garage mit perspektivisch zulaufenden Seitenwänden, Leiter an der Wand und geöffnetem Tor, von dem sogar die Schlaufe mit dem roten Knubbel zum Zuziehen herunterhängt, die Stühle zum Greifen nah für den Betrachter, das Meer hinten in der Distanz, dazwischen aber schon der verbindende Sandboden.

Joachim Beyrowski

Der Markt für individuelle Garagentor-Verkleidungen scheint jedoch begrenzt. „Es ist mehr so ein Spaß-Ding“, sagt Beyrowski, der deutschlandweit nur einen weiteren Anbieter ausfindig gemacht hat. Den meisten Garagenbesitzern seien die 300 Euro, die eine Foto-Plane samt Befestigung für das Tor kostet, dann doch zu teuer.

Beyrowski hat sich alles selbst beigebracht: die Technik der digitalen Bildmontage, das Grafik-Design, die Möglichkeiten der Umsetzung. Er ist ein Tüftler, der nicht locker lässt, bis er alles verstanden hat, bis es passt und stimmt. Seinen Brotberuf als Postbediensteter hat der Jettenburger inzwischen stark reduziert – der nun achtjährigen Tochter und der Kunst zuliebe. Jetzt hat er noch eine 20-Prozent-Stelle, „und seit ich weniger arbeite, kommt die Kreativität erst richtig heraus“, sagt er.

Dabei hilft ihm der Austausch mit anderen Computer-Kreativen im Co-Working Büro von Wexelwirken, das er seit dessen Gründung mitbenutzt – nicht zuletzt, weil in seinem Wohnort Jettenburg die Internetleitung „zu lahm“ ist. „Der Kontakt, das Netzwerk, die Tipps und Ideen, die man bekommt, das ist einfach toll“, sagt Beyrowski.

Info: Digitale Fotomontagen von Joachim Beyrowski sind noch bis 6. Juli bei Wexelwirken in Wankheim, Hauptstraße 16, zu sehen.

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Erstellt:
30. Mai 2012, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
30. Mai 2012, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 30. Mai 2012, 12:00 Uhr

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