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Sie horchte in die Welt hinaus

Im Alter von 99 Jahren starb Irmela von Hoyningen-Huene

Tübingen. Längst ist ihr die nötige künstlerische Anerkennung zuteil geworden. Die Stuttgarter Staatsgalerie hat vor Jahren viele ihrer Zeichnungen gekauft und wird dies nun, nach ihrem Tod, wohl wieder tun. Vor zwölf Jahren wurde ihr der Heckel-Preis des Künstlerbunds Baden-Württemberg zugesprochen, und einige Ausstellungen haben das stupende Oeuvre der hochbetagten Zeichnerin gewürdigt, in Tübingen zuletzt im Landratsamt und in der Bonhoeffer-Gemeinde.

01.06.2012

Die späten Ehrbezeugungen hat Irmela von Hoyningen-Huene gewiss mit Genugtuung, aber auch mit Gelassenheit entgegen genommen. Die praktische Kunstausübung war ihr nicht in großbürgerliche Wiege gelegt worden, als einer von fünf Töchtern, die in der Villa Baltica am Österberg aufwuchs. Der Vater: Tübingens „Saurierpapst“, der Paläontologe Friedrich von Hoyningen-Huene, die Mutter aus gutem britischen Adelshause. Weil künstlerische Ambitionen, zumindest bei höheren Töchtern, damals als „unschicklich“ galten, verbrannte die Dreizehnjährige die frühen Zeichnungen und die Malerei.

Auch später war an Kunst kaum zu denken. Ihr Mann, der Tübinger Stadtbeamte Fritz Röck, fiel bei Stalingrad, und Irmela von Hoyningen- Huene zog die drei Kinder unter schwierigen Bedingungen allein auf. Immerhin, ihrer Leidenschaft Tennis frönte die sportive Witwe weiterhin so schlagkräftig, dass sie es auf den Fildern zu regionalen Meisterehren brachte.

Zurück im Tübinger Elternhaus, brachte sie sie der Lebenspartner der späteren Jahre, der Bildhauer und „Ellipsen“-Mitbegründer Wilhelm von Rechenberg, zur Kunst. Erst im Pensionsalter begann Irmela von Hoyningen-Huene zu zeichnen, Blatt für Blatt und in der Regel auf kleinformatigen 16,4 x 25 Zentimetern.

So ist im letzten Lebensdrittel ein erstaunliches synästhetisches Gesamtwerk gereift und entstanden. Rund 850 Arbeiten wird das Werkverzeichnis umfassen, das die ebenfalls künstlerisch tätige Tochter Irmela Röck gemeinsam mit ihrem Mann Dieter Göltenboth derzeit vorbereitet.

Irmela von Hoyningen-Huene ließ sich am heimischen Arbeitsplatz in der Wohnung auf Waldhäuser-Ost zumeist vom Hören inspirieren. Ein musischer Prozess auf das Sehen und Erkennen hin, aber nach innerem Gehör. Eine Zeichnung, hat sie einmal gesagt, sei erst dann fertig, „wenn sie klingt“. Und wenn sie, aus der Stille heraus oder auch anders, Musik hörte, dann „sehe ich sie“.

Das erinnert sinneseindrücklich an Wassily Kandinsky, ein nicht allzu abwegiges Vorbild für die doch originär gebliebene Künstlerin. Auch der verehrte Paul Klee ist ihr nah geblieben, und der Weltmusik-Propagandist Joachim Ernst Berendt ebenfalls. Dazu, am selben Wohnort, ein Vordenker wie Hans Küng, dem sie sich gleich fünf Mal künstlerisch angenähert hat. „Ihre Einstellung“, meint Tochter Irmela Röck, „war Weltethos“.

Viele der Bilder lassen sich schon vom Titel her deuten oder verstehen. Und bemerkenswert oft, bei gut einem Viertel der Zeichnungen, galt das Augenmerk der Künstlerin dem Jüdischen, obwohl Irmela von Hoyningen-Huene Israel geografisch immer nur aus der Distanz wahrgenommen hat. Doch sei, so ist von ihr überliefert, das „kleine Israel“ auf der Erdkugel „wie der Nabel der Welt“.

Neben der musikalischen Grundierung und dem Faible fürs Judentum ist auch eine gewisse lokale Ausrichtung aufgefallen. Die rüstige Seniorin folgte aufmerksam den TAGBLATT-Gutenachtgeschichten und brachte dazu manches zu Papier. Über den Tellerrand hinaus richtete sie Interesse und Zeichenstift auf Leitfiguren der politisch-religiösen Weltgemeinschaft wie Mandela oder Havel, Rabin oder Johannes Paul II, auch auf den Dalai Lama, dem sie 2003 die Hand drücken durfte. Aber selbst der Weltfrauentag 1995 in Peking wurde nicht vergessen.

Im vergangenen Jahr besuchten Rainer Radtke, der Leiter des Tübinger Brasilien-Zentrums, und der Brasilianer Claudia Einloft die Künstlerin. Der Grund: Einloft wollte als Enkel des Fazendabesitzers, auf dessen Grund der Paläontologe von Huene das spektakuläre Skelett des Riesensauriers „Stahleckeria potens“ ausgegraben hatte, unbedingt persönlich treffen. Aufgewühlt verfertigte Irmela von Hoyningen-Huene danach Zeichnungen „In Gedenken an die Grabungen meines Vaters in Brasilien 1928/29“, die im vergangenen Januar als Kopien an das Museum von Sao Pedro do Sul gingen , wie Radtke gestern mitteilte.

Die „Virtuosin mit dem Bleistift“ horchte „in die Welt hinaus und machte sich ihre Gedankenstriche“, hat vor einiger Zeit sehr bildhaft ein Laudator formuliert. Bis zuletzt hat sie gezeichnet, zumeist direkt nach der nachmittäglichen Teestunde. Auf schwarz-weiß stellte sie sich schließlich endgültig um, weil das Malen mit Farbstiften ihr zusehends beschwerlich wurde.

Am vergangenen Pfingstsamstag ist Irmela von Hoyningen-Huene gestorben, zehneinhalb Monate vor dem 100. Geburtstag. Zu diesem Termin war eine weitere Tübinger Ausstellung vorgesehen, und Irmela Röck geht auch davon aus, dass vom 21. April nächsten Jahres an in der Kulturhalle das Werk ihrer Mutter präsentiert werden kann.

Wilhelm Triebold

Info: Die Trauerfeier ist am Mittwoch, 6. Juni um 14 Uhr in der Bonhoeffer-Kirche, beigesetzt wird Irmela von Hoyningen-Huene im Familiengrab auf dem Tübinger Stadtfriedhof.

Im Alter von 99 Jahren starb Irmela von Hoyningen-Huene
Irmela von Hoyningen-Huene im vergangenen Jahr in ihrer Wohnung auf Waldhäuser Ost.Bild: Tilmann Rösch

Im Alter von 99 Jahren starb Irmela von Hoyningen-Huene
„Giora Feidmann, Klarinette“, heißt diese Zeichnung von 1991, die beides miteinander verbindet: Jüdische Anklänge und die ewige Liebe zur Musik.

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01.06.2012, 12:00 Uhr

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