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Asyl im ehemaligen „Adler“ in Belsen

Im Gasthaus sollen von Juli an neun Flüchtlinge leben

Der Landkreis sucht händeringend Unterkünfte für Menschen, die aus ihrer Heimat geflohen sind. Ab Juli sollen Flüchtlinge auch im alten Belsener „Adler“ unterkommen.

23.06.2015
  • amancay kappeller

Belsen. Am Montagnachmittag informierten lud das Landratsamt Tübingen Mieter und Eigentümer, die rund um die seit Jahrzehnten nicht mehr betriebene Wirtschaft „Adler“ wohnen, um sie über die Pläne zur Belegung des Gebäudes mit Flüchtlingen zu informieren. Neun Menschen sollen noch im Juli in der Bernhard-Schlegel-Straße 10 einquartiert werden. Im ersten Obergeschoss des ehemaligen Gasthauses, zur Straße hin, gibt es eine Fünf-Zimmer-Wohnung mit 80 Quadratmetern. Diese wird der Landkreis vom jetzigen Besitzer anmieten. „Wir sind gottfroh, wenn wir Wohnungen bekommen“, sagte Karlheinz Neuscheler, Leiter des Geschäftsbereichs Gesundheit, Ordnung und Forst beim Landratsamt Tübingen.

„Es ist keine Riesenkomfortwohnung, aber ordentlich, wie es das Gesetz vorsieht“, so Neuscheler. Zur Zeit wohnt dort eine Familie, die dann ins Dachgeschoss umzieht. Aufwändig renoviert wird die Wohnung bis zum Einzug der Flüchtlinge nicht – mit Ausnahme der Heizung. Sie wird komplett neu installiert. Ab Januar 2016 dürfen Behörden den vorgeschriebenen Raumbedarf von sieben Quadratmetern pro Person nicht mehr unterschreiten. „Das wollen wir nach Möglichkeit jetzt schon einhalten“, erklärte Neuscheler.

Gut gefüllt war das Gottlieb-Schwarz-Gemeindehaus am Montagnachmittag. Anwohner äußerten nur vereinzelt Bedenken wegen der geplanten Unterbringung der Flüchtlinge. Diese bezogen sich vorwiegend auf den schlechten baulichen Zustand des alten „Adlers“. Anwohner Dieter Maaz berichtete von Hochwasser- und Frostschäden am Gebäude. Es handele sich schon seit Jahrzehnten um „ein marodes Abbruchobjekt“. Das Haus gehört seiner Meinung nach unter Umständen sogar baupolizeilich geschlossen. Die Nutzung sei mit der Baurechtsbehörde abgestimmt, erwiderte Neuscheler. „Es ist keine Luxusunterbringung, aber bewohnbar.“ Klaus Preisendanz, Sachgebietsleiter Ordnung bei der Stadt Mössingen, bestätigte: „ Die Wohnung ist baurechtlich zum Wohnen geeignet“. „Was hier in Belsen passiert, hat nichts mit einem Flüchtlingsheim zu tun“, ging Neuscheler auf geäußerte Bedenken ein. Man verfolge ein dezentrales Konzept, die Leute sollen nicht in abseitiger Lage untergebracht. Man wolle versuchen, die Wohnung mit Familien zu belegen. „Aber wir können uns unsere Flüchtlinge auch nicht aussuchen.“

Im Zeitraum von Januar bis Mai diesen Jahres kamen Menschen aus den verschiedensten Herkunftsländern im Kreis Tübingen unter. Knapp 22 Prozent der Flüchtlinge kamen aus dem Kosovo, rund 20 Prozent aus Syrien und fast 13 Prozent aus Albanien. Laut Neuscheler herrscht noch ein erheblicher Zuzug aus dem Balkan. „Die Anerkennungsquote geht da aber gegen null.“

Derzeit sind Flüchtlinge im Kreis an 49 Standorten untergebracht. Sechs Sozialarbeiter betreuen die Menschen, die ihre Heimat aus unterschiedlichen Gründen hinter sich gelassen haben, außerdem Hausmeister und ehrenamtliche Helfer. Für die Flüchtlinge im Steinlachtal ist Stephan Ude zuständig. In Bodelshausen gebe es eine Unterbringung vergleichbarer Größe, berichtete der Sozialarbeiter. Nach einer Eingewöhnungszeit habe die Nachbarschaft hier gute Erfahrungen gemacht.

Am Anfang erfolgt die Betreuung der Flüchtlinge vor Ort engmaschiger. Auch Anwohner können sich bei Problemen an Ude wenden. Von Montag bis Donnerstag hat erSprechstunde im Mössinger Flüchtlingswohnheim „Kurze Hirschen“. Karl-Heinz Meier ist als Leiter der Abteilung Ordnung beim Landratsamt für Flüchtlinge zuständig. Neuscheler berichtete aus seiner bisherigen Erfahrung. „Warum bei mir, muss das sein?“ So reagierten viele Anwohner zunächst. „In der Regel gibt es aber keine großen Schwierigkeiten. Dramatische Dinge passieren da nicht. Das sind keine Verbrecher, sondern Leute wie Du und ich. Sie fliehen vor Bürgerkrieg oder Armut.“ Wenn die Flüchtlinge freundlich empfangen würden, fügten sie sich ein „wie andere Nachbarn auch“.

Im Gasthaus sollen von Juli an neun Flüchtlinge leben
Luxus ist anders: In die ehemalige Gaststätte „Adler“ ziehen Flüchtlinge ein. Bild: Kappeller

Baden-Württemberg ist gesetzlich verpflichtet, 12,9 Prozent aller Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen, aufzunehmen. Zuerst werden die Menschen in Erstaufnahmeeinrichtungen untergebracht und von dort auf die verschiedenen Landkreise verteilt. Der Landkreis muss die Flüchtlinge in den Gemeinden unterzubringen – solange, bis deren Asylverfahren abgeschlossen ist, in der Regel maximal 24 Monate. Der Landkreis Tübingen muss nach einem Verteilungsschlüssel 2,3 Prozent aller Flüchtlinge, die nach Baden-Württemberg kommen, aufnehmen. 440 000 Flüchtlinge kamen nach dem Balkankrieg 1992 nach Deutschland. Seitdem gingen die Zahlen konstant zurück. 2009 musste der Kreis Tübingen 72 Flüchtlinge pro Jahr aufnehmen; derzeit sind es 70 Flüchtlinge pro Monat. 2014 waren es fast 600 Menschen pro Jahr, die eine Unterkunft benötigten – für 2015 rechne man mit rund 1200 Menschen. Um ausreichend Wohnraum zur Verfügung stellen zu können sind Kreis und Gemeinden drauaf angewisen, von Privatpersonen oder Wohnungsbaugesellschaften Wohnungen anzumieten. Zur Zeit gibt es im Kreis Tübingen 990 Plätze. Die Auslastung liegt bei etwa 90 Prozent.

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23.06.2015, 12:00 Uhr

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