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Streng getrennt vom Rest

Im Gefängnis gibt es eine Abteilung für Häftlinge, die sich bedroht fühlen

Separater Hofgang, separate Essenszeiten, separate Sprechstunden bei Arzt und Sozialarbeiter: Derzeit zehn Gefangene verbüßen ihre Freiheitsstrafe in einer Extra-Abteilung der Justizvollzugsanstalt Rottenburg – weil sie sich von Mithäftlingen bedroht fühlen.

05.02.2010
  • willibald ruscheinski

Rottenburg. „Wegen schwerer räuberischer Erpressung sitzt Sascha Müller (Name von der Redaktion geändert) vier Jahre in Rottenburg ab. Nun fühlt sich der 28-Jährige selbst bedroht. Und erzählt: „Ärger“ gebe es, seit er vergangenes Jahr auf Bestellung von Mithäftlingen verbotene Dinge ins Gefängnis einschmuggeln wollte, dabei aber erwischt wurde. „Jetzt wollen sie, dass ich für das verlorene Material geradestehe und meinen Verdienst abliefere. Sonst hauen sie mir eine aufs Maul.“

Das freilich wird ihnen nicht leicht gemacht, denn Müller hat sich in die Abteilung für bedrohte Gefangene überstellen lassen, wie derzeit neun weitere Mithäftlinge auch. Die zehn Männer bewohnen ein halbes Geschoss im historischen Bau „Haus 1“, streng separiert vom Gros der übrigen knapp 600 „Schloss“-Bewohner. Zum Essen gehen, Hofgang haben: Alles geschieht zeitversetzt.

Ins Haus 1 verlegt wurde die Bedrohten-Abteilung, weil sie seit Jahresanfang dort erstmals separate Arbeitsmöglichkeiten geboten bekommen. Bis dahin war im Souterrain die Arbeitstherapie untergebracht, eine Schreinerwerkstatt, die nach dem Auszug ein volles Lager und dicke Schichten Holzstaub hinterließ. Inzwischen haben acht „Bedrohte“ dort alles leergeräumt, geweißelt und zur Metallwerkstatt umfunktioniert. Unter Anleitung von Meister Christian Schlaich bearbeiten und packen sie hier Möbelbeschläge, Elektroschalter und andere Kleinteile.

Arbeiten gegen den Knast-Koller

„Den Bedrohten“, sagt Aristoteles Held, der Leiter des Vollzugsdienstes, „ist es in der Regel ein Anliegen, hier zu schaffen. Sie können ja keine richtigen Sportstunden machen, sind beim Hofgang immer nur unter sich. Und irgendetwas muss man tun, damit einem der Himmel nicht auf den Kopf fällt.“ Mangels Arbeit, so Held, „konnten die sich vorher fast nur mit den Bediensteten beschäftigen und haben ständig nach irgendetwas anderem geklingelt. Das hat sich geändert.“

Vor allem, sagt Anstaltsleiter Wolfgang Williard, hätten die Bedrohten seither an „Glaubwürdigkeit“ gewonnen. Bis zum Umzug bewohnten sie einen Trakt mit deutlich größeren Zellen und eher „lockerem“ Hofgang. „Manchmal“, ergänzt Held, habe es schon so ausgesehen, als sei die Unterbringung dort eine veritable „Einladung zum Bedrohtsein“ gewesen.

Nachgeben darf die Anstaltsleitung solchen Zweifeln nicht. „Wenn doch etwas passiert“, so Williard, „haben wir uns der unterlassenen Hilfeleistung schuldig gemacht.“ Zwar würde er zu gern, wenn jemand sich beim Vollzugsdienst als bedroht outet, ein Wörtchen mit dem Bedroher reden. „Aber in der Regel haben die Gefangenen nicht den Mut, Namen zu nennen.“

Zweitens bliebe die Möglichkeit, den Bedrohten in eine andere Justizvollzugsanstalt zu verlegen. Weil Gefangene aber oft überörtlich „vernetzt“ seien, klinge das vielversprechender als es ist: „Bevor der hier ins Auto nach Heimsheim steigt, wissen die dort schon, dass er kommt.“ Also laufe es zumeist auf seine Absonderung in die Bedrohten-Abteilung hinaus. Und auch die biete Langstraflern, die inzwischen einen immer größeren Anteil der Rottenburger Gefangenen ausmachen, keine Perspektive für die ganze Haftdauer.

Denn Bedrohte bedeuten nicht nur erhöhten Personalaufwand, wie der für sie zuständige Abteilungsleiter Meinrad Renner sagt: „Die Zuführung zu Fachdiensten wie dem Arzt, dem Pfarrer, dem Abteilungsleiter – alles muss getrennt laufen.“ Von manchen Angeboten gar bleiben sie ganz ausgeschlossen. Zwar können sich diese Gefangenen in ihrer Werkstatt mit ungelernten Tätigkeiten ein Taschengeld verdienen. An eine Weiterqualifizierung sei dort aber nicht zu denken.

Angebliche Verräter werden angefeindet

Nicht gleich Arbeit zu haben ist oft der Grund, warum sich neu ankommende Gefangene bei anderen verschulden und irgendwann von ihnen unter Druck gesetzt werden. Manche – wie Sascha Müller – nehmen in ihren Hafturlaub den Auftrag mit, bei Rückkehr Drogen einzuschmuggeln oder eines der in der JVA untersagten Handys. Werden sie erwischt und wird die Konterbande konfisziert, sind sie Schuldner und gelten nicht selten auch als Verräter, die angeblich von Anfang an mit der Anstaltsleitung kollaboriert hätten. Auch wer in Strafprozessen gegen Mittäter ausgesagt hat, muss damit rechnen, dass ihr langer Arm bis vor die Zellentür reicht.

Von „organisiertem Verbrechen“, das unter der Gefangenenschaft die Fäden ziehe, mag Wolfgang Williard deswegen aber nicht reden, auch wenn „eine bestimmte Volksgruppe“ – gemeint sind Gefangene russischer Herkunft – vor allem in der Vergangenheit durch „große Homogenität“ aufgefallen sei. Viel häufiger entstünden solche Grüppchen jedoch als „Allianzen, die Gefangene kurzfristig eingehen.“

Im Gefängnis gibt es eine Abteilung für Häftlinge, die sich bedroht fühlen
Das Sortieren von Möbelbeschlägen gehört zu den einfachen Arbeiten, mit denen Christian Schlaich (im Bild links) bedrohte Gefangene beschäftigen kann. Bild: Mozer

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05.02.2010, 12:00 Uhr

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