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Im Geschäft
mit Ho Chi Minhs Erben
Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) im Werk von Pepperl + Fuchs. Foto: Christoph Sage
Vietnam

Im Geschäft mit Ho Chi Minhs Erben

Der kommunistische Staat setzt auf Wachstum. Davon profitieren auch Firmen aus Baden-Württemberg. Doch der Fachkräftemangel bremst.

26.11.2016
  • ROLAND MUSCHEL

Ho-Chi-Minh-Stadt. Wenn baden-württembergische Investoren Probleme hätten, könnten sie jederzeit direkt den Regierungschef anrufen, verspricht Vietnams Vize-Minister für Planung und Investition, Naguyen Van Trung. Natürlich, schiebt er fast schon entschuldigend nach, müsse der aber „auch mal schlafen“.

Während die Moped-Kolonnen in den Straßen von Hanoi an diesem Freitagmorgen Vietnams Aufbruchswillen visualisieren, versucht der Vertreter der Sozialistischen Republik Bedenken baden-württembergischer Unternehmer zu zerstreuen. In einem großen Raum mit riesigen Kronleuchtern und schweren Möbeln sitzt er einer von Baden-Württembergs Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) angeführten Delegation von Mittelständlern gegenüber.

Die Besucher haben konkrete Anliegen mitgebracht. Christian Ingold, Leiter von Wiha Vietnam, einer Tochter des Werkzeugherstellers aus Schonach, beklagt, dass in seiner Fabrik nahe Hanoi oft der Strom ausfalle. Auch habe man Mühe, die Waren auf den holprigen Straßen zum Hafen zu transportieren. Nguyen Van Trung verspricht, Vietnam werde die Infrastruktur verbessern. Wegen der Stromausfälle werde er sich persönlich einschalten. Sollte der Lieferant nicht angemessen reagieren, „wird der Regierungschef informiert“.

Weltweit ist nur China in den vergangenen 15 Jahren stärker gewachsen als Vietnam, der Einparteienstaat setzt auf einen Kommunismus mit kapitalistischem Antlitz. Das ständige Wachstum garantiert auch den Fortbestand des Systems mit Pressezensur, politischen Gefangenen und noch von der Stasi geschulten Spitzeln.

Freundliches Investitionsklima

Dagegen gilt das Investitionsklima als ausgesprochen freundlich und der Stellenwert von Handelsbeziehungen in alle Welt, dokumentiert durch etliche Freihandelsabkommen, als überragend. Davon profitiert auch Baden-Württemberg. Die Exporte nach Vietnam sind 2015 gegenüber dem Vorjahr um fast 30 Prozent auf 344 Mio. EUR gestiegen, im laufenden Jahr dürfte der Anstieg erneut zweistellig ausfallen. Exportiert werden vor allem Maschinen, Kraftwagenteile und elektronische und optische Erzeugnisse.

Zugleich sind etliche Firmen bereits vor Ort aktiv. Der Mannheimer Sensorenhersteller Pepperl + Fuchs produziert seit 2009 in Ho-Chi-Minh-Stadt, dem wirtschaftlichen Zentrum des Landes. Man plane mit einem Wachstum von 20 Prozent pro Jahr, sagt Jürgen Seitz, Geschäftsführer von Pepperl + Fuchs Vietnam.

Beim Besuch einer Schule in Hanoi wird Hoffmeister-Kraut von 100 Schülern mit donnerndem Applaus begrüßt. Die Schwäbin ist gekommen, um ein „Modellprojekt“ zu vereinbaren: Die Einführung einer Fachschule für Elektrotechnik nach Stuttgarter Lehrplan und Prüfungsordnung. „Wir wollen den jungen Vietnamesen eine erstklassige Ausbildung vor Ort anbieten“, sagt die CDU-Politikerin. Profitieren sollen davon die lokalen Firmen, aber auch Investoren aus Baden-Württemberg.

Die Maschinerie läuft, der Status des Schwellenlands ist überwunden, nun strebt Vietnam den Aufstieg in die Riege der Industrienationen an. Allein, im Maschinenraum des Arbeiterstaats fehlt zunehmend das Fachpersonal. Das ist aus Sicht Baden-Württembergs Chance und Risiko zugleich. Chance, weil Firmen, die sich hier ansiedeln, auf eine junge, lernbegierige Bevölkerung treffen, wie Michael Behrens berichtet, der Geschäftsführer von Mercedes Benz Vietnam.

80 Prozent ohne Abschluss

Und Risiko, weil der Mangel an Facharbeitern und Ingenieuren zum Problem werden könnte bei den Plänen, das Wachstum von voraussichtlich 6,2 Prozent in diesem Jahr wieder dauerhaft auf über 7 Prozent zu hieven. Nicht einmal jeder fünfte Erwerbstätige hat eine abgeschlossene Ausbildung oder ein Hochschulstudium; und wer einen Abschluss hat, bringt so gut wie keinen Praxisbezug mit. Die Hochschule Ravensburg-Weingarten will deshalb in Kooperation mit Firmen wie ZF Friedrichshafen junge Vietnamesen in Oberschwaben ausbilden, etwa zu Elektrotechnikingenieuren. „Die Absolventen könnten für baden-württembergische Firmen oder für Niederlassungen in Vietnam arbeiten“, sagt Professor Michael Pfeffer.

Trotz aller Probleme überwiegen aus Sicht der deutschen Außenhandelskammer (AHK) die Chancen. Die Einstiegshürden für Produzenten sind geringer als im übrigen asiatischen Raum, die Lohnkosten für Fachkräfte nur halb so hoch wie in China und die kleine, konsumfreudige Mittelschicht wird kräftig wachsen, zählt eine AHK-Studie auf. „Für baden-württembergische Mittelständler ist Vietnam attraktiv“, sagt Mercedes-Benz-Mann Behrens.

Die Regierung in Hanoi wisse, dass eine Firma wie Samsung, die in Vietnam 3 Mrd. EUR in die Handyproduktion investiert hat, in zwei Jahren in das noch billigere Myanmar weiterziehen werde. Die Mittelständler aus dem Südwesten seien aber an langfristigen Wirtschaftsbeziehungen interessiert. Vietnam, nimmt auch Hoffmeister-Kraut als Ergebnis ihrer dreitägigen Reise nach Hanoi und Ho-Chi-Minh als Fazit mit, sei für Baden-Württembergs exportorientierte Wirtschaft „ein viel versprechender Zukunftsmarkt“.

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26.11.2016, 06:00 Uhr

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