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Klicks in die Fotogeschichte

Im Gomaringer Schloss sind über 200 Kameras zu sehen

„Klick! – Historische Kameras und Gomaringer Bilder“ zeigt der Geschichts- und Altertumsverein. Leihgeber ist einer, der sich fast sein ganzes Leben lang mit Kameras beschäftigt hat – der Gönninger Herbert Geissler.

05.04.2012
  • Gabi Schweizer

Gomaringen. Bitte nicht lächeln! Früher lösten Kameras so langsam aus, dass die Fotografierten sich keine einzige Gesichtsregung erlauben durften. Weshalb mancher Urahn auf dem Familienbild aussieht, als müsse er gleich zu einer Beerdigung. Dennoch: Die Daguerreotypie, eine Fotografie-Vorläuferin auf Metall, die ab 1840 realistische Abbilder ermöglichte, und die Fotografie etablierten sich innerhalb kürzester Zeit. Als Kameras auch für Durchschnittsbürger erschwinglich geworden waren, boomte das Geschäft mit den kleinen, mittlerweile halbwegs handlichen Apparaten. Unter anderem in Reutlingen.

So kam es, dass ein gewisser Herbert Geissler, dreizehneinhalb Jahre alt, am 2. November 1952 seine Lehre bei Dangelmaier und Co. begann. Am 3. November 1952 baute er zum ersten Mal eine neue Optik in ein altes Gehäuse. Am 4. April 2012, fast 60 Jahre später, deutet er auf eben so einen Apparat, gut verwahrt in einer Glasvitrine im Gomaringer Schloss: „Die rote Kamera, das war meine erste Arbeit!“

Herbert Geissler ist zum Kenner, zum Geschäftsmann und zum Sammler geworden – ein Teil seiner Schätze ist nun im Gomaringer Schloss zu sehen. Er hat miterlebt, wie Dangelmaier und Co., Anfang der 1950er rund 100 Mitarbeiter stark, sich zum 400-Personen-Betrieb Dacora („Dangelmaier & Co Reutlingen unter Achalm“) entwickelte.

Wie mit der Kleinbildkamera „Dignette“ der „große Wurf“ gelang. Wie es, als der Firmenchef 1968 schwer erkrankte und zum Verkauf gezwungen war, stetig bergab ging. Ein amerikanisches Unternehmen brachte viel Geld, aber wenig Fachwissen mit; der Konkurs folgte drei Jahre später.

Geissler, damals Geschäftsführer, hat es aus einer Frankfurter Zeitung erfahren. Und versuchte dann, erfolgreich, wie er stolz erzählt, die Leute bei Bosch und Rieber unterzubringen. Nur 50 sollten bleiben. Ein neuer Investor fand sich – aber diesmal einer, „der konnte mit den Leuten nicht umgehen“. Geissler sollte das Unternehmen in Nürnberg neu aufbauen helfen. Das ging schief. Projekt Nummer zwei nicht: Geissler hatte sich ausbedungen, parallel „etwas Eigenes“ aufbauen zu dürfen.

In Gönningen gibt es seither die „Herbert Geissler GmbH“, zunächst gegründet, um den Kundendienst für die vielen Dacora-Kameras zu leisten, aber schnell zu einem Reparaturservice für Apparate aller Machart avanciert. Den benötigte kürzlich auch Birgit Wallisser-Nuber, die ein kaputtes Filmaufnahmegerät richten lassen wollte. Und mit dem geschulten Blick einer Ausstellungsmacherin sofort ein neues Thema erkannte.

Denn im Verkaufsraum reihen sich historische Kameras in Vitrinen aneinander. Mehrere Tausend hat Geissler im Laufe seines Lebens angesammelt – und nun, unterstützt von Geschäftsführer Gotthilf Letsche, gut 220 Exemplare nach Gomaringen verliehen. Nicht, dass Geissler sich als besonders vehementen Sammler begreifen würde, der viel Geld in dieses Hobby investiert.

Aber wer so lange in verschiedenen Firmen tätig war, wer so lange selbst ein Geschäft betrieb, der häuft einiges an. Vieles hat Geissler auch geschenkt bekommen – beispielsweise von einem alten Mann, der sich kurz vor seinem Tod in Gönningen meldete. Geissler möge bei Gelegenheit einen Fahrer vorbeischicken, die eigenen Kinder würden die alten Kameras sonst verschrotten oder für zwei Euro verschleudern.

Wer die neue Wechselausstellung besucht, bekommt, beginnend bei Daguerreotypien und alten Holzkameras, (fast) die gesamte Fotografie-Geschichte präsentiert – ergänzt um Bilder aus Gomaringen, die der Geschichts- und Altertumsverein ohnehin seit Langem sammelt. Alben von Auswanderern sind da beispielsweise zu sehen – Fotografien erlaubten ihnen, über das Leben der fernen Verwandten im Bilde zu bleiben.

Mit Sinn fürs Detail sind die Ausstellungsstücke arrangiert: Da ist etwa das Bild der Bäckerfamilie Kurz, bei dem das Porträt einer Tochter in akribischer Kleinarbeit nachträglich eingefügt wurde: Sie weilte, als das Foto entstand, schon in Amerika. Eine Vitrine widmet sich der Laterna magica, einer frühen Vorläuferin des Diaprojektors – nur dass damals keine Fotografien vor die Lichtquelle geschoben wurden, sondern gemalte Bilder. Ein Bekannter Geisslers, Albert Losch, hat die Exponate beigesteuert.

Ein dritter Leihgeber ist der in Gomaringen lebende Ralf Knöringer, Ur-Ur-Enkel der Lina Hähnle (1851 bis 1941): Sie war die Gründerin des Bund für Vogelschutz, dem heutigen Nabu. Sohn Hermann unterstützte diese Arbeit durch seine Tierfilme und -bilder. Dessen Fotografen-Ausrüstung hat Knöringer nun zur Verfügung gestellt. Ebenso Dias des Abenteurers und Naturfotograf Karl-Georg Schillings: Löwen und Zebras hat dieser um 1900 in Afrika abgelichtet. Für die Menschen der internet- und fernsehfreien Zeit waren solche Bilder wohl ein Fenster zur Welt.

Info Die Ausstellung wird heute um 19 Uhr eröffnet und ist dann jeweils sonntags von 13 bis 17 Uhr zu sehen.

Im Gomaringer Schloss sind über 200 Kameras zu sehen
Er sammelt Kameras – und manchmal auch Bilder. 15000 Dias hat der Feinmechaniker und Geschäftsmann Herbert Geissler daheim. In jüngster Zeit freilich fotografierte er nicht mehr so oft: „Ich bin keiner, der viel reist, und dann sind es immer die gleichen Bilder ums Haus rum.“ Die meisten seiner Fotoapparate tun übrigens noch – das Modell hier ist eine Leica I aus dem Jahr 1925. Leica hat mit dieser Kamera 1924 das Kleinbildsystem erfunden.Bild: Franke

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05.04.2012, 12:00 Uhr

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