Empfingen · Gottesdienst

Im Gotteshaus aufzeichnen, im Autokino senden

Ungewohnte Aktivitäten in der Sankt-Georg-Kirche: Sie wurde am Samstag zu einem kleinen Fernsehstudio. Das Ergebnis sahen die Besucher des ökumenischen Pfingstgottesdienstes am Sonntag auf dem Empfinger Verkehrsübungsplatz.

03.06.2020

Von Emil Henger

Pfarrer Christoph Gruber bei der Aufzeichnung ...

Kameras und Scheinwerfer werden in Position gebracht, ein Mischpult für den Ton steht beim Marienaltar. Daneben hat sich die Regie mit Aufnahmeleiter Marc Schuler von der Hechinger Firma DWS eingerichtet. Sein Blick wechselt zwischen zwei Laptops und einem großen Monitor. Hier hat Schuler alle Kameraeinstellungen im Blick, Bild- und Tonschnitt werden hier gesteuert. Solche Gerätschaften, haben in einer Kirche normalerweise nichts zu suchen. Aber was ist in Zeiten von Corona schon normal?

Routiniert läuft die dritte Aufzeichnung eines ökumenischen Wortgottesdienstes mit dem katholischen Dekan Alexander Halter und dem evangelischen Pfarrer Christoph Gruber in der Pfarrkirche ab. Die Aufnahmen können die Besucher einen Tag später im Autokino verfolgen. Und doch ist etwas anders als bei den bisherigen Gottesdiensten: Die musikalische Umrahmung erledigt nicht, wie bisher, die Vitamin C-Band, sondern Dorit Heger am E-Piano und ein kleiner Chor des Evangelischen Singkreises.

Angelika Gamerdinger, Anke Gruber, Regine Henning-Bau und Anke Reich haben sich mit mehreren Metern Abstand zueinander im Kirchenschiff verteilt. Der Gesang stellt Anforderungen an die Sängerinnen, denn sie hören nur ihre eigene Stimme. Auch für Dorit Heger, die den Singkreis leitet und mit dem E-Piano begleitet, ist die Szenerie ungewohnt. Zweimal haben sie in Mühlheim geprobt, doch in der Kirche herrscht ein anderer Raumklang. Wichtig ist für Heger, dass sie die Sängerinnen hört: „Ich muss den akustischen Kontakt haben.“ Andreas Bünemann am Tonpult setzt ab und zu seinen Kopfhörer auf und lauscht konzentriert.

Während des Gesangs achtet er darauf, ob alle Stimmen gleich laut sind. Falls nicht, etwa wenn das Mikrofon in eine andere Richtung gehalten wird, gleicht er die Differenzen mit seinen Reglern aus. „Die Akustik in der Kirche ist gut, es gibt keine Probleme mit dem Nachhall“, stellt Bünemann fest.

Immer mal wieder gibt es kleine Pausen, wenn zum Beispiel eine Kamera anders positioniert werden muss. Die nutzt Pfarrer Gruber für Regieanweisungen oder er trägt zur Erheiterung bei: „Andreas Bünemann ist ein Zauberer. Er macht aus schönen Tönen noch schönere Töne.“ Nicht nur die Sängerinnen schmunzeln.

Sorgfältige Vorbereitung

Während sich Dorit Heger einspielt, richtet Vitali Komissarenko die beiden Kameras aus, für jeden Geistlichen eine. Dekan Alexander Halter gibt dem Techniker Hilfestellung und steht mit weit ausgebreiteten Armen an der Stelle, wo er die Predigt halten wird. Es kann losgehen. Begrüßung der beiden Geistlichen, Grüße an die beiden Pflegeheime, die Senioren vom Pflegeheim Schanzgasse übermitteln auf einem USB-Stick freudige Botschaften. Es folgt die Lesung von Pfarrer Gruber, die Predigt hält Dekan Halter, immer wieder hat der Singkreis einen Einsatz. Die von den Sängerinnen vorgetragenen Fürbitten, das von Ulrike Brendle gebetete Vaterunser, der Auftritt des kirchlichen Zauberers Tommy Bright und die Daten auf dem USB-Stick werden zugemischt. Fertig.

Dann stellt Aufnahmeleiter Marc Schuler fest, dass eine Kamera zu Beginn des Gottesdienstes nicht auf den Dekan gerichtet war, sondern auf Pfarrer Gruber. Also stellt sich Halter noch einmal ans Pult und spricht die Begrüßungsworte erneut. Nach ein paar Sekunden ist alles im Kasten.

Ziemlich genau 24 Stunden später schauten sich die Gläubigen im Autokino die Aufzeichnung an und feiern Pfingsten, das dritte große Kirchenfest nach Weihnachten und Ostern. Knapp 60 Autos haben die Ordner auf dem Verkehrsübungsplatz eingewiesen. Viele Familien sitzen drin, alle Altersgruppen sind vertreten.

Das Pfingstfest soll an die Herabkunft des Heiligen Geistes auf die Apostel erinnern. Daran knüpfte Christoph Gruber an: „Alle wurden vom Geist Gottes erfüllt“, so der Pfarrer. An die Gläubigen in den Fahrzeugen gewandt, sagte er: „Wir sind alle verbunden durch Gottes guten Geist.“

Dekan Alexander Halter nahm in der Predigt aktuellen Bezug auf die Corona-Pandemie. „Angesteckt zu werden hat meistens lästige Nebenwirkungen, deswegen sind wir bestrebt, Abwehrmechanismen zu entwickeln.“ Vor 2000 Jahren hätten diese Mechanismen und das Immunsystem versagt. Vielmehr habe sich der Erreger schnell und intensiv ausgebreitet: Gottes Geist. Die Menschen seien begeistert gewesen. Der Heilige Geist ergreife die Menschen. „Sonst säßen sie vermutlich nicht in den Autos bei diesem Gottesdienst“, kombinierte der Dekan. Der katholische Zauberer Tommy Bright nannte die Vorgänge um den Heiligen Geist „eine krasse Geschichte“. Aus einem großen Krug schüttete er Wasser in ein Glas bis es überlief. „Wir bekommen den Heiligen Geist im Überfluss in allen Lebenslagen. Das ist für ihn kein Problem.“

... und Dekan Alexander Halter am folgenden Tag auf der Leinwand. Bilder. Emil Henger

Aufnahmeleiter Marc Schuler hat alles im Griff.

Hingehört: Andreas Bünemann mischt den Ton.

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Erstellt:
3. Juni 2020, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
3. Juni 2020, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 3. Juni 2020, 01:00 Uhr

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