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Senioren treffen Verurteilte mit langen Haftstrafen

Im „Haus am Rammert“ hängen Fotos, die Gefangene in der Justizvollzugsanstalt gemacht haben

Drei mal im Jahr fährt ein Dutzend Bewohner/innen aus dem „Haus am Rammert“ in die Rottenburger Justizvollzugsanstalt. Dort treffen die Senior(inn)en eine feste, zehnköpfige Gruppe – allesamt Langstrafen-Gefangene. „Ü4“ heißen sie im Knast: Sie sind zu mindestens vier Jahren Gefängnis verurteilt. Manche auch zu „lebenslänglich“.

15.11.2016
  • Dunja Bernhard

Senior(inn)en und Gefangene trinken zusammen Kaffee. Und reden. Für die Strafgefangenen seien diese Begegnungen sehr bereichernd, sagt Anstaltsleiter Matthias Weckerle. Trotz – oder wegen – aller Unterschiede zwischen Gefangenen und Pflegeheim-Bewohern. Viele Häftlinge haben eine von Kind an zerrüttete Biografie. Oder sie sind durch einen einmaligen Schicksalsschlag auf die schiefe Bahn geraten, sagt Weckerle. Viele litten darunter, dass sie schwere Schuld auf sich geladen haben. „Oder auch nicht.“

Tief gehende Gespräche

Die Senioren begegnen den Gefangenen ohne Vorbehalte, glaubt der Justizvollzugsbeamte Andreas Binder. In seiner Freizeit betreut er zusammen mit Kollegen die „Ü4“-Gruppe. Ehrenamtlich.

„Die Alten gehen ganz unbefangen an die Sache ran“, sagt Binder über die Pflegeheim-Bewohner. Viele haben selbst schon schwere Krisen erlebt. Zwischen den Senioren und den Inhaftierten entwickelten sich oft tief gehende Gespräche. Binder: „Den Gefangenen tut es gut, angenommen zu werden.“

Zum Dank schenkten die Ü4-Gefangenen den Senior(inn)en vor einem Jahr einen Foto-Kalender. Der kam so gut an, dass sie nun für 2017 einen neuen Kalender produziert haben (siehe Kasten) – und eben eine Ausstellung fürs Pflegeheim. Die wurde am Freitagnachmittag mit einer kleinen Vernissage eröffnet.

Noch nie mit Spiegelreflex

Die Fotos für die Ausstellung entstanden auf einem Streifzug durch die JVA. Unter Aufsicht fotografierten die Inhaftierten Situationen und Orte, die ihnen wichtig erschienen. Manche hatten zuvor noch nie ein Spiegelreflexkamera in der Hand gehabt, sagte Binder. Die Gefangenen seien sehr sorgfältig mit den Kameras umgegangen. Und sie seien sehr wissbegierig gewesen. „Ich bin fasziniert, welche Kunstwerke dabei herauskamen.“ Mehr als 400 Aufnahmen kamen so zustande.

Zusammen mit den Gefangenen suchte Binder daraus die Motive für die Ausstellung heraus. Die endgültige Auswahl trafen Anstaltsleiter Weckerle und die Mitarbeiterinnen der Hospitalstiftung. 18 Fotos hängen nun im „Haus am Rammert“. Es sollte nichts Beängstigendes oder Dramatisches gezeigt werden. „Da war fast schon zu viel heile Welt dabei“, sagt Binder.

Eine gelbe Zucchini-Blüte

Mit den Fotos geben die Gefangenen Einblicke in ihre Welt. „Sie wollen zeigen, wie es bei uns aussieht“, sagt Binder. Zur Realität im Knast gehört selbstverständlich auch der sehnsüchtige Blick nach draußen. Wie auf dem Bild oben, das die sonnenbeschienene Altstadt durch ein vergittertes Fenster zeigt. Auf dem Foto „Das Leben geht weiter“ sind grüne Blätter eines Ahorns zwischen Stacheldraht zu sehen.

Die beeindruckende Architektur des Gebäudes ist Gegenstand einiger Bilder. „Stairway to Heaven“ heißt die lange Treppe hinauf zur Kapelle. Blauer Himmel lugt höchstens an den Rändern hervor.

Bei dem Foto einer gelben Zucchini-Blüte seien sich die zehn Gefangenen einig gewesen, dass es unbedingt in die Ausstellung müsse, sagte Binder. Die Blüte sei nicht perfekt rund, aber perfekt fotografiert. Das Foto spiegle die Sehnsüchte der Gefangenen wieder.

Immer mehr Langsträfler

Justizvollzug sei ein ungeliebtes Thema, sagte Anstaltsleiter Weckerle bei der Ausstellungseröffnung am Freitag. „Danke, dass wir hier sein dürfen.“ In Rottenburg habe das Gefängnis eine lange Tradition – seit 1824 im „Schloss“.

Bis 2005 kamen nur Kurzstrafen-Gefangene nach Rottenburg – die meisten nur für wenige Monate. Verurteilte mit langen Strafen (mehr als vier Jahre) kamen nur in Anstalten, die speziell dafür eingerichtet waren. Doch neuerdings werden auch Langsträfler auf ganz Baden-Württemberg verteilt. Das, sagt Weckerle, habe die Rottenburger JVA verändert.

Langzeit-Insassen brauchen andere Strukturen. 500 Strafgefangene sind in Rottenburg untergebracht. Ein Fünftel von ihnen gehören zu den „Ü4“.

„Die Haft ist nicht leicht für die Menschen“, sagte Weckerle. „Gefängnis tut nicht immer nur gut.“ Strafe allein mache die Menschen nicht besser. Monotonie und Unfreiheit führen zu Unselbständigkeit. Einigen falle es schwer, sich an Regeln zu halten oder mit anderen auszukommen. Mit Freizeitgestaltung-, Bildungsprogrammen und Therapie-Angeboten versuche die JVA dem entgegen zu wirken.

Eines dieser Angebote ist die Ü4-Gruppe. Nur zehn der mehr als 100 Langstrafler dürfen teilnehmen. Bei der Auswahl spielen Sicherheitsrisiken und Gruppenfähigkeit eine Rolle, sagte Weckerle. Die Männer nehmen immer wieder andere Projekt in Angriff: Ein Insektenhotel bauen, einen Spezialtisch für beatmete Kinder des Vereins „Arche“ in Mährigen fertigen, gemeinsam Kochen oder eben Fotografieren.

Rottenburg und sein Knast

Die Ausstellung knüpfe eine weitere Verbindung zwischen Hospitalstiftung und (JVA), sagte der neue Finanzbürgermeister Hendrik Bednarz bei der Vernissage. „Die JVA ist in Rottenburg kein Fremdkörper.“

Mitarbeiter beider Betriebe besuchten gemeinsam Schulungen und Sportgruppen. Auszubildende der Stadtverwaltung werfen einen Blick in die JVA. Die WTG bietet Führungen durch das Gefängnis an. Die JVA verkauft am Samstag auf dem Rottenburger Markt Produkte aus der gefängniseigenen Landwirtschaft. Auf dem Nikolausmarkt steht jedes Jahr ein Stand mit Handwerklichem aus der JVA.

Ein Kalender mit Knast-Fotos für 18 Euro

12 Motive aus der Ausstellung finden sich in einem Jahreskalender, den die JVA für 18 Euro das Stück verkauft. Der Erlös kommt der Straffälligenhilfe zugute. Die erste Auflage hat 50 Stück; bei Bedarf wird nachgedruckt.

Die Ausstellung ist tagsüber im Rottenburger Pflegeheim „Haus am Rammert“ zu sehen (Schadenweiler Straße 75).

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15.11.2016, 01:00 Uhr

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