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Mundraub mit gutem Gewissen

Im Internet kann man Obstbäume zum kostenfreien Abernten finden und freigeben

Tonnenweise verrotten Früchte auf Streuobstwiesen – weil die Besitzer die Pflege nicht mehr schaffen oder sich die Ernte finanziell nicht lohnt. Über eine Internetseite können Obst und Esser zueinander finden.

16.10.2010
  • Jonas Bleeser

Kreis Tübingen. Wer Lust auf einen Apfel hat, pflückt sich einfach einen – auch, wenn er keinen Garten und kein Gütle hat und ihm der Baum nicht gehört. Und zwar ganz legal, ohne, dass er damit jemanden beklaut – das ist die Idee hinter www.mundraub.org.

Die Internetseite besteht hauptsächlich aus einer großen Karte. Auf ihr kann man bundesweit Bäume oder Büsche eintragen, bei denen sich alle bedienen können, die Lust auf frisches Obst haben. Das können die Besitzer machen, etwa weil sie mit der Pflege ihrer Grundstücke im Alter nicht mehr klarkommen oder sie nicht wissen, wohin mit all dem Obst. Aber auch wer einen wilden Baum entdeckt, kann den Standort eintragen. Die sind im Internet dann nach Früchten sortiert – wer nur auf Zwetschgen aus ist, kann die Auswahl einschränken, so dass nur Zwetschgenbäume angezeigt werden. Auch Beeren, Nüsse und Kräuter kann man so finden.

Die Macher der Seite sitzen in Berlin. Sie betreiben die Seite ehrenamtlich in ihrer Freizeit. Eine der fünf Erfinderinnen ist Katharina Frosch: Bei einer Kanutour in Sachsen-Anhalt fielen ihr die reifen Früchte buchstäblich fast ins Boot. Das Obst im Reiseproviant kam aus Argentinien. Daraufhin gründete die 32-jährige Innovationsökonomin 2009 mit Freunden das Internetportal mundraub.org – damit gewannen sie noch im gleichen Jahr einen Preis des „Rats für Nachhaltige Entwicklung“, einem von der Bundesregierung einberufenen Expertengremium.

Einige tausend Mundräuber am Tag

Täglich surfen einige tausend Besucher auf die Webseite und es werden immer mehr Fundstellen eingetragen – manchmal auch ohne Wissen der Besitzer: „Die haben uns eine Mail geschickt, und wir haben die Angaben aus dem System genommen“, sagt Frosch – denn entgegen des Portal-Namens soll ja eben nicht zum Diebstahl aufgerufen werden. Besonders viele freigegebene Bäume gibt es auf der Mundraub-Karte in größeren Städte sowie im Osten Deutschlands: „Da gibt es kilometerlange Obstbaumalleen auf öffentlichem Grund, die kaum genutzt werden“, erklärt Frosch.

In Baden-Württemberg teilen noch nicht so viele Menschen ihre Bäume. Im Kreis Tübingen gab es bis gestern Abend nur zwei Einträge: Mirabellenbäume an der Steinlach in der Tübinger Fürststraße und verwilderte Zwetschgenbäume am Lustnauer Wolfsbaumweg. Das ist bei einer Obst-Anbaufläche von 4500 Hektar und etwa 270 000 Bäumen noch ausbaufähig. Frosch, die in Kirchheim/Teck aufgewachsen ist, hält die schwäbische Obstbautradition für einen Grund: „Es vergammelt weniger, weil viele Kleinerzeuger das Obst zu lokalen Produkten verarbeiten.“

Zum Teil kann das Helmut Däuble bestätigen. Der Vorsitzende des Kreisverbandes der Obst- und Gartenbauvereine ist derzeit im Ernte-Stress: Das Tafelobst ist reif, die Früchte müssen von den Bäumen. Er verkauft seine zahlreichen Sorten direkt am Hof im Rottenburger Ortsteil Eckenweiler. Ohne diese Einnahmen, so sagt er, müsste er den Anbau aufgeben. „Wenn ich‘s in den Handel geben muss, ist es ’rum.“ Denn die Preise seien für den Aufwand viel zu niedrig.

Allerdings komme noch viel zu wenig aus der hiesigen Produktion in die lokalen Läden. Das gelte vor allem für den Apfelsaft: „Da sind es höchstens acht bis zehn Prozent.“ Damit sich das ändert, haben sich sieben Landkreise von Balingen über Böblingen bis Backnang zur Initiative „Streuobstland“ zusammengeschlossen, um für regionale Produkte zu werben, damit die Obstbauern bessere Preise bekommen. Wütend macht Däuble, dass einige wenige Großhandelsketten darüber entscheiden, welcher Apfelsaft in den Supermärkten verkauft wird: „Da haben wir hier tolles Obst, und dann steht bei Aldi und Lidl der Saft aus Konzentrat herum.“

Keine Konkurrenz für die Obstbauern

Die Internetseite kennt er und sieht sie keineswegs als Konkurrenz: „Ich find’s eine gute Idee.“ Für ihn ist der Umgang mit dem Obst-Überschuss eine ethische Frage: „Dass hier die tollsten Früchte vergammeln und als Müll angesehen werden, das verstehe ich einfach nicht“, sagt Däuble. „Besser, es nimmt jemand das Obst mit, bevor es einfach vergammelt.“

Mundraub als Delikt ist seit 1975 aus dem Strafgesetzbuch gestrichen. Wer auf anderer Leute Grundstück ohne Erlaubnis erntet, macht sich laut Staatsanwalt Walter Vollmer des „Diebstahls geringwertiger Sachen“ schuldig. Ein mögliches Strafmaß hängt auch davon ab, ob man auf offenem Feld klaut oder in einen Garten eindringt. Vollmer kann sich in den letzten Jahren jedoch an keinen Fall erinnern. Sollte jemand einen einzelnen Apfel vom Baum nehmen und angezeigt werden, glaubt Vollmer kaum, dass es zu einer Strafe käme: „Anders sieht es aus, wenn richtig gezielt abgeerntet wird“ – beispielsweise mit Kisten. Die „Mundraub“-Karte im Internet hält Vollmer für eine „sinnvolle Einrichtung“.

Im Internet kann man Obstbäume zum kostenfreien Abernten finden und freigeben
Wer möchte da nicht zugreifen: Reifes Obst liegt auf manchen Streuobstwiesen gleich haufenweise herum.Bild: Sommer

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16.10.2010, 12:00 Uhr

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