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Firma mit sozialem Anspruch

Im Internetcafé setzen Junioren der Erbe-Realschule auch wirtschaftliches Denken um

„Kaffeeklatsch.de“ liest sich auf den ersten Blick heimelig. Doch im Internetcafé der Juniorfirma der Walter-Erbe-Realschule wird hart gearbeitet: Schüler bringen Senioren den Umgang mit Computern näher – preiswürdig.

05.11.2014
  • Ute Kaiser

Tübingen. Der erste selbst am PC geschriebene Brief, die erste erfolgreiche Suche nach einem speziellen Strickmuster oder der besten Zugverbindung: Ohne die jugendlichen Helfer wären die betagteren Gäste im Internetcafé aufgeschmissen. Zunächst war der Bürgerverein Derendingen skeptisch, ob die Idee der Juniorfirma, ein Internetcafé im Samariterstift zu eröffnen, trägt, sagt Günther Hodapp, der im Verein und im Statteiltreff aktiv ist. Doch bei der Eröffnung Mitte Februar dieses Jahres waren gleich rund 50 Interessenten da. „Inzwischen hat sich das wunderbar eingespielt“, so Hodapp.

Zwischen fünf und 25 Senioren kommen zu den Dienstags-Terminen von 14.30 bis 16.30 Uhr. Einige Gäste können es kaum erwarten und sind schon viel früher da, sagt die Lehrerin Eva Pfeffer. Sie hat die 2009 gegründete Juniorfirma „Schüler für Senioren“ zu dem gemacht, was sie heute ist – eine Firma mit um die 30 Mitarbeitern von Klasse 8 bis 10, die sich in vier Abteilungen engagieren.

Mika Herrmann ist für Marketing und IT zuständig. In seiner Abteilung werden unter anderem PCs eingerichtet. Dort entstand aber auch der Flyer fürs Internetcafé. Dieses Projekt der Juniorfirma hat die Firma Würth so überzeugt, dass sie es mit 5000 Euro unterstützte. Am morgigen Donnerstag bekommen die Jugendlichen in Stuttgart den Würth Bildungspreis. Das Geld wollen sie in eine Fahrt in den Europapark Rust investieren.

Die Mitarbeiter, die alle in ihrer Freizeit arbeiten, haben Arbeitsverträge und erhalten ein Testat, die Abteilungsleiter Arbeitszeugnisse. Die meisten bleiben mehrere Jahre dabei. Mika findet das Projekt auch deshalb interessant, weil er viele Leute kennenlernt. Etwa bei Schulungen. Ihr Engagement bringt manchen Praktika bei Unternehmen ein. Ein Mitarbeiter hat sogar einen Ausbildungsplatz angeboten bekommen.

Jan Beck kümmert sich um die Verwaltung. Obwohl er nach anderthalb Jahren zum Abteilungsleiter aufgestiegen ist, verdient er nicht mehr. Der einzige Lohn für alle ist einmal im Schuljahr eine dreitägige Reise nach Nesselwang im Allgäu. Das gilt auch für Max Goltz von der Abteilung Finanzplanung. Die vierte Abteilung koordiniert die Arbeitsaufträge. Weiteres Standbein der Firma ist das Engagement im Assistenzentrum in der Christophstraße. Dort unterstützen Schüler freitagabends behinderte Menschen. Sie spielen, gehen ins Kino oder höhlen an Halloween Kürbisse aus, sagt Liane Stiehler.

Neben allem, was die aktuell 28 Mitarbeiter/innen über die Arbeitswelt lernen, zählt für die stellvertretende Schulleiterin Maribel Martin besonders das Zwischenmenschliche: „Da entstehen Beziehungen, das ist das Kostbare.“ Im Internetcafé lernen auch die Jungen von den Älteren. Eine Seniorin erzählte Paula Geldner von ihrer Kindheit in der DDR – „krass“ fand das die Schülerin. Was Wertschätzung ist, erlebte Raphael Koschtjan, der einer Besucherin half, einen Facebook-Account einzurichten. Ihr gefiel das.

Gäste und Trainer unterhalten sich manchmal bei einem Kaffee. Günther Hodapps alter Laptop war aus dem Jahr 1998. „Da war ich noch nicht geboren“, sagte ein Schüler. Der Senior hofft auch wegen des Projekts, dass es die Realschule weiter gibt: „Es hat so gut eingeschlagen.“

Im Internetcafé setzen Junioren der Erbe-Realschule auch wirtschaftliches Denken um
Morgen nimmt die Juniorenfirma „Schüler für Senioren“ der Walter-Erbe-Realschule in Stuttgart den Würth Bildungspreis entgegen. Mit dabei sind Initiatorin Eva Pfeffer (zweite Reihe links), Günther Hodapp (vorne Dritter von links) und die frühere Geschäftsführerin Maren Thomma (hinten rechts), obwohl sie schon den Schulabschluss hat. Bild: Franke

Das Projekt – Schirmherr ist Tübingens OB Boris Palmer – hat viele lokale Unterstützer. Der Bürgerverein und der Stadtteiltreff Derendingen stifteten 2500 Euro für die Laptops. Tübinger Unternehmen fördern es mit Hardware, Informatikberatung, Druckerpapier und Schulung der jungen Lehrenden. Nutzer zahlen 5 Euro pro Nachmittag, Vereinsmitglieder die Hälfte. Davon wird die Miete fürs Kaffeestüble im Samariterstift finanziert. Das Katholische Bildungswerk schießt pro Nachmittag – in der Regel zweimal im Monat – 11,40 Euro zu.

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05.11.2014, 12:00 Uhr

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