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Als Kirchenglocken zu Kanonen wurden

Im Juni 1917 warteten 47 Geläute auf ihren Abtransport Richtung Schmelzofen

KREIS TÜBINGEN (vor). „Deutsche Frauen und Männer, gebt Kupfer, Messing, Bronze — unsere Krieger brauchen es!“ Mit solchen Flugblättern rief das kaiserliche Kriegsministerium im Ersten Weltkrieg auch die Tübinger/innen dazu auf, Haushaltsmetalle — vom Messinglöffel bis zum kupfernen Brauereikessel — zu den Sammelstellen zu bringen. Im Juni 1917 waren schließlich die Kirchenglocken im Kreis Tübingen dran: Auf einem alten Foto, das viele Jahre in der Immenhäuser Kirche schlummerte, warten 47 Geläute am Westbahnhof auf ihren Abtransport Richtung Schmelzofen.

24.08.2002

„Am Abend des 23. Juni durften wir zum letzten Mal unsere beiden Glocken gemeinsam hören, und mit Wehmut im Herzen mussten wir zusehen, wie dann eine derselben ihren Platz für immer verlassen musste“, klagt im Sommer 1917 ein unbekannter Schreiber im Dettenhäuser Gemeindeblatt.

Zwei Tage später wurde die Glocke zum Tübinger Westbahnhof gebracht, wo sie zusammen mit 46 anderen Geläuten auf den Abtransport über die Rheinhäfen in Mannheim und Ludwigshafen und schließlich die Einschmelzung wartete. Der „Königliche Hofphotograph“ zu Tübingen, Christian Barth, fing den Moment in einem Foto ein, das seinerzeit wohl von mancher Kirchengemeinde im Kreis als Erinnerungsstück geordert worden sein dürfte.

Säuberlich aufgereiht präsentieren drei nicht namentlich bekannten Zeitgenossen die konfiszierten Kirchenglocken: Von Rübgarten bis Altenburg — das Unteramt gehörte damals noch zum Kreis Tübingen — reicht die Palette, die zwei größten Geläute stammen aus Gönningen und Derendingen. Tübingen ist gleich neun Mal vertreten: Unter anderem auf dem Schloss, dem Evangelischen Seminar und dem Rathaus hängte man Glocken ab. Recht glimpflich davon kam die Stiftskirche, die lediglich ihre 1716 gegossene kleine Taufglocke hergeben musste.

„Kocht des Kupfers Brei, dann das Zinn herbei“, heißt es in Schillers 1799 vollendetem „Lied von der Glocke“. Die bronzene Verbindung aus beiden Rohstoffen war es denn auch, die Kirchenglocken für Kriegsstrategen interessant machte. In beiden Weltkriegen griffen die Generäle begierig nach den klingenden Schwergewichten — damit die Kanonen weiter donnern und das Schlachten an den Fronten fortgesetzt werden konnte: Über eine Million Soldaten wurden allein zwischen Juni und November 1916 bei der Schlacht an der Somme im Geschosshagel und Grabenkampf getötet oder verwundet — für nicht einmal zehn Kilometer alliierten Geländegewinn.

Anfang März 1917 hatte das Berliner Kriegsministerium die Kommunalverbände angewiesen, eine Bestandsaufnahme aller Bronzeglocken durchzuführen. Für Gottesdienste sei den Gemeinden „nur die Glocke mit dem geringsten Gewicht vorläufig zu belassen“. Exemplare mit über 700 Kilo Gewicht sollten von „erfahrenen Glockengießern durch ununterbrochenes Schlagen auf die Klöppelanschlagstelle“ noch auf dem Turm zertrümmert werden. Bis spätestens Ende Juli mussten die Glocken bei den Sammelstellen sein, danach drohte die Konfiszierung. Mit 4,50 Reichsmark pro Kilo entschädigte die eigens gegründete „Kriegsmetall Aktiengesellschaft“ die Kirchengemeinden.

Doch nicht nur Kirchenglocken wanderten massenhaft in die Schmelzöfen. Schon am 28. Juni 1915 hatte das Generalkommando des XIII. Armeekorps eine Verordnung erlassen, „betreffend die Beschlagnahme, Meldepflicht und Ablieferung von Gegenständen aus Kupfer, Messing und Reinnickel“. Eilfertig beschloss der Tübinger Gemeinderat bereits eine Woche später die Einrichtung einer Sammelstelle in der Langen Gasse 54, Arbeiter der städtischen Elektrizitätswerke wurden für das kriegswichtige Geschäft freigestellt. Geleitet wurde die Operation vor Ort von dem „Metallmobilmachungsoffizier Herrn Leutnant Ruckaberle“, der bei einer der zahlreichen „Revisionen“ auch schon mal drei Messinglöffel im Wilhelmsstift entdeckte — und dann per Brief die prompte Ablieferung anmahnte.

Gesammelt wurde alles: Kupferne Kessel aus Metzgereien wurden genauso abgeliefert wie Messingpfannen, Kupferdächer und -dachrinnen. 1918, die britische Seeblockade ging bereits ins vierte Jahr, waren schließlich auch die Brennereien dran, von denen alleine zwei in Mähringen ihre Kupferkessel abliefern mussten. Und sogar das Missionsärztliche Institut gab noch einmal drei Nickelkannen heraus — alles gegen Entschädigung, versteht sich: Zwischen vier und 6,50 Reichsmark zahlte die Sammelstelle fürs Kilo Metall.

Proteste gegen das Zertrümmern und Einschmelzen der Glocken scheint es nicht gegeben zu haben, genauso wenig wie gegen die Metallsammlungen in der Bürgerschaft. So ist in manchen Berichten von „Requirierungen“, in anderen von „Glockenspenden“ die Rede, zeitgenössische Gedichte rühmen die kriegsverlängernde Metallkollekte gar als patriotische Tat: „Das Scheidelied vom Sterben, für Volk und Vaterland — singt's aus und brecht in Scherben, und schmelzt im Opferbrand.“ Insgesamt wurden bis Ende 1917 fast 53 000 Kilo Metall gesammelt. Die Tübinger gaben gern: Bei immerhin 12 000 Einzelablieferern musste nicht ein einziges Mal die extra eingerichtete Schiedsstelle bemüht werden.

Nicht alle Glocken wanderten tatsächlich in den Schmelzofen. So ist in den Akten des Tübinger Stadtarchivs vermerkt, dass die Mähringer Kirchengemeinde, die im Sommer 1917 immerhin 1395 Reichsmark für ihre Glocke kassierte, mehr Glück hatte als andere. „Die Rückgabe der Glocke kann nach Zahlung des Rückkaufpreises erfolgen“, antwortete Berlin dem Gemeindepfarrer kurz nach dem verlorenen Krieg. Sogar die 62 Mark Ausbaukosten konnte der sparsame Hirte bei der „Kriegsmetall AG“, die selbstredend auch nach der Kapitulation weiter arbeitete, geltend machen.

Im Juni 1917 warteten 47 Geläute auf ihren Abtransport Richtung Schmelzofen
Auf dem Tübinger Westbahnhof zum (in Immenhausen restaurierten und reproduzierten) Erinnerungsfoto von 1917 aufgereiht: fast ein halbes hundert Glocken aus allen Gemeinden des damaligen Oberamtes Tübingen.

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24.08.2002, 12:00 Uhr

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