Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Männersachen mit Marcel

Im Kindergarten Banweg wird gehämmert, gesägt und gefeilt

Marcel Fröhlich ist gern mit den Kindern in der Puppenecke, aber er spielt auch Fußball und arbeitet in der Holzwerkstatt. Er ist der einzige Mann unter Ofterdingens Erzieher(inne)n. Mit ihm haben die Väter endlich einen Verbündeten im Kindergarten.

09.10.2012
  • Susanne Mutschler

Ofterdingen. Für Bernhard war es vergangene Woche das erste Mal, dass er einen Nagel einschlagen durfte. Er ist noch keine vier Jahre alt und braucht für den schweren Hammer noch beide Hände. Erzieher Marcel Fröhlich hilft ihm, bis der lange Nagel fest im Holz sitzt. Dann versenkt ihn der kleine Junge hoch konzentriert und mit zäher Ausdauer. Noch trifft nicht jeder Schlag, aber am Ende ist der Nagel versenkt und Bernhard ist sehr stolz. Er hat etwas geschafft, was sonst nur der Papa kann.

Mohammed Selim hat schon den ganzen Morgen an einem futuristischen Flugobjekt gearbeitet. Der Vierjährige hat Holzstücke ausgesucht, zurechtgesägt, zusammengenagelt und geleimt. Später, wenn alles trocken ist, will er es noch bunt anmalen. Bis dahin vergnügt er sich mit Sägen. Der Junge arbeitet selbstvergessen an einem eingespannten Rundholz, das Stück um Stück kürzer wird.

Deste ist schon sechs und hat ihren „Werkstatt-Führerschein“ bereits in der Tasche. Sie weiß, wie Bernhard seinen krummgeschlagenen Nagel mit der Beißzange wieder aus dem Holzblock bekommt und bringt es ihm hilfsbereit bei.

Das „Atelier“ mit der kindgerecht niedrigen Werkbank gibt es im Kindergarten Banweg schon lange. Doch so richtig attraktiv ist der Raum erst, seit Marcel Fröhlich vor rund einem Jahr als Erzieher angefangen hat. Zusammen mit der Kindergartenleiterin Kerstin Gittel entwickelte er die Idee vom Werkstatt-Führerschein. Das kleine grüne Dokument mit Lichtbild und Unterschrift ist begehrt. Es bescheinigt den gekonnten Umgang mit Schleifpapier, Hammer, Säge, Holzleim und Feile und ist „gültig bis zum Schuleintritt“. Am Ende des Vormittags, wenn die Kinder den Werkraum verlassen, vergewissern sie sich, wann sie weiterarbeiten dürfen.

Für seine Berufswahl sei seine eigene Kindheit „eigentlich total untypisch“ gewesen, erzählt Marcel Fröhlich. Er sei weder durch die Berufe seiner Eltern noch durch eine Schar dominanter Schwestern oder Tanten geprägt worden. Mit einem Bruder wuchs er in Tübingen auf, und wie die meisten Buben wollte auch er zur Feuerwehr und später mindestens Zimmermann werden. Seine Neigung zu einem sozialen Beruf wuchs erst während des freiwilligen sozialen Jahres, das er in Gomaringen in der Werkstatt für Menschen mit Behinderungen absolvierte.

Der 24-jährige Ofterdinger Erzieher gehört zu der winzigen Minderheit von männlichen Erziehern, die inmitten der Überzahl weiblicher Berufskollegen fast exotisch wirken. In der Ausbildung sei es schon „manchmal komisch“ gewesen, wenn etwa in offiziellen Schreiben nur die „sehr geehrten Damen“ angesprochen wurden. In seinem Jahrgang war er von drei männlichen Anfängern am Ende der einzige, der bis zum Abschluss durchhielt. Im Kindergarten Banweg, wo er mit neun Frauen zusammenarbeitet, fühlt er sich dagegen in einem „tollen Team“ angekommen: „Sie lassen es mich nicht spüren, dass ich ein Mann bin.“

An der Arbeit im Kindergarten macht ihm die strahlende Lebensfreude und unbefangene Wissbegier der Kleinen am meisten Vergnügen. Dabei mache er im Grunde dasselbe wie die weiblichen Erzieherinnen auch. Wenn in der Puppenecke ein Mitspieler gebraucht wird, macht Fröhlich mit. Wenn Kinder Nähe und Zuwendung brauchen, zieht er sich mit ihnen in die Leseecke zurück. Aber, so betont er, „ich bin auch der Ansprechpartner fürs Toben, Fußballspielen und in der Werkstatt arbeiten“, sagt er.

„Wir transportieren unbewusst Eigenschaften und Rollenbilder, ohne es zu merken“, weiß Fröhlich. Bei Männern gehe es einfach „ein bisschen rauer zu – und die Kinder spüren das“. Vor allem für die Buben sei es wichtig, dass im Kindergarten auch eine Ersatz-Vaterfigur vorkommt. Auch den Ofterdingen Eltern gefalle, dass „endlich mal ein Mann im Haus“ sei.

Dass sich trotz Eignung nicht mehr junge Männer für den Beruf des Erziehers entscheiden, liege an der unzureichenden Entlohnung. „Man muss sich nicht wundern, dass das so wenige Männer machen“, erklärt Fröhlich. „Eine Familie kann man von dem Gehalt nicht ernähren.“

Im Kindergarten Banweg wird gehämmert, gesägt und gefeilt
Hat den Werkstatt-Führerschein eingeführt, ist aber auch in der Puppen- und der Leseecke zu finden: Erzieher Marcel Fröhlich – als Mann ein Exot in seinem Beruf.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

09.10.2012, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Wirtschaft im Profil

Die aktuelle Ausgabe unseres Business-Magazins Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball