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In der Welt von Macht und Ohnmacht

Im Kreis Reutlingen gibt es immer mehr Glücksspielsüchtige

Mit einer Informations- und Motivationsgruppe für Glücksspieler wird im Landkreis auf die steigende Anzahl spielsüchtiger Menschen reagiert.

11.10.2010
  • katharina mayer

Reutlingen. Die Zahl der Glücksspieler in der Suchtberatung hat sich im Vergleich zu 2008 mehr als verdoppelt und liegt damit, wie Hartmut Nicklau von der Diakonie-Suchtberatung zu berichten weiß, „über dem Bundesdurchschnitt.“

Auf den gestiegenen Bedarf an Beratungs- und Hilfsangeboten soll nun reagiert werden. Seit diesem Monat trifft sich die neue „Motivations- und Informationsgruppe für Glücksspieler“ unter Anleitung eines Diplom-Pädagogen in den Reutlinger Räumen des Diakonischen Werks (Planie 17).

Woher aber rührt die steigende Zahl der Betroffenen? Und wann wird die Freude am Spiel zur Sucht? Michael Glück vom Verein „Hilfe zur Selbsthilfe“ hat das Gefühl, dass sich „in Reutlingen die Angebote an Spielhallen locker verdoppelt haben.“ Unklar ist allein, ob hier das Angebot die Nachfrage schafft, oder umgekehrt. Und wie beim Alkohol sinkt das Einstiegsalter. Immer jüngere Spieler finden den Weg in die Hallen, weiß Glück. Und die haben zum Teil schon in jungen Jahren Spielschulden. Den „typischen Spieler“ gibt es dabei nicht, sagt der Sozialarbeiter: „Die Hintergründe sind wahrscheinlich sehr vielfältig.“

Die Verfügbarkeit der Automatenhallen ist schon der erste Schritt zur Sucht: Während der Gesetzgeber davon ausgeht, dass erwachsene Menschen mit Maß und verstand spielen – und damit ähnliche Kriterien anlegt wie bei Alkohol und Tabak – spült die Vergnügungssteuer jährlich Geld die kommunalen Kassen. Und auch die Spielhallen rüsten auf. Längst ist der Daddelautomat in der schummrigen Eckkneipe ein Anachronismus. Die neuen „Glücksspielgeräte mit Gewinnmöglichkeit“ locken mit vielfältiger Spielauswahl und hohen Gewinnsummen. Freilich wird, gesetzlich festgeschrieben, nur 80 Prozent dessen wieder an die Spieler ausgeschüttet, was diese zuvor im Automat versenkt haben.

Entscheidend für den hohen Suchtfaktor der Spielautomaten ist das Belohnungssystem im menschlichen Hirn. Und das springt gut auf den möglichen Geldgewinn an. Hans Köpfle von der Reutlinger Drogenberatungsstelle beschreibt das Prinzip, das die Spieler antreibt so: Man hat immer die Hoffnung, beim nächsten Mal kommt wieder was. Man muss bloß genug reinschmeißen und dann scheppert es wieder.“ Irgendwann versuchen die meisten Spieler dann, das verzockte Geld wieder zurückzugewinnen. Ein Teufelskreis, der in die Sucht und ins Spielcasino führen kann.

Und doch hat pathologisches Spielen auch Ursachen in der sozialen Situation der Betroffenen. „Die Ausgangslage ist immer eine Stress-Situation“, sagt Hartmut Nicklau. Das Spielen bedeute die temporäre Flucht in eine andere Welt, in der die Spieler „Macht und Ohnmacht erleben“.

Mit der Zeit allerdings entsteht auch ein enormer Rechtfertigungsdruck im sozialen Umfeld, denn „bevor die Bankschulden kommen, sind schon im privaten Bereich Schulden da.“ Mit 20 000 bis 50 000 Euro stehen die Spieler, die in die Beratungsstelle kommen, durchschnittlich in der Kreide. Nach oben sind allerdings keine Grenzen gesetzt, auch Schulden in Millionenhöhe kommen schon mal vor.

Für die Psychosozialen Beratungsstellen der Diakonie und der Drogenhilfe im BWLV (Baden-Württembergischer Verband für Prävention und Rehabilitation) hat das Land jetzt die Kostenübernahme für 1,35 zusätzliche Personalstellen im Landkreis bewilligt. Das neue Gruppenangebot für Spielsüchtige soll nun erstmal Hilfe und Unterstützung für Betroffene bieten – auch für bereits therapierte Spieler.

Info: Die Informations- und Motivationsgruppe für Glücksspieler trifft sich montags von 18 bis 19.30 in den

Räumen des Diakonischen Werks in der Planie 17. Voraussetzung ist eine Anmeldung unter Telefon 0 71 21/94 86 15 oder per E-Mail an psb@kirche-reutlingen.de.

Im Kreis Reutlingen gibt es immer mehr Glücksspielsüchtige

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11.10.2010, 12:00 Uhr

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