Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Herr über Sein oder Nicht-Sein

Im Kreisarchiv stehen mehr als sechs Kilometer Geschichte

Die gängigen Klischees über Archivare lassen wir hier beiseite. Sie stimmen nicht. Was aber richtig ist: Archivare kennen sich in ihren Akten und Regalmetern besser aus als andere in ihrer Westentasche. Sie wissen genau, wo etwas liegt. Und sie entscheiden, was künftige Generationen wissen sollten. Für das Tübinger Kreisarchiv macht das auch Wolfgang Sannwald.

02.10.2012
  • Manfred Hantke

Tübingen. Erschließen, dokumentieren, ablegen, wiederfinden. Das sind wichtige Aufgaben des Archivars. Auch wichtig: das Wegschmeißen. Noch wichtiger: die Bewertung. „Das ist die Königsdisziplin“, sagt Wolfgang Sannwald, Chef des Tübinger Kreisarchivs.

Denn nach der Bewertung fällt die Entscheidung über Sein oder Nicht-Sein von Akten, dann wird festgelegt, was künftige Generationen erforschen können. So bestimmt also das Sein (des archivierten Materials) das (historische) Bewusstsein.

Sannwald wirft „gerne verantwortlich weg“, sagt er. Wer gar nicht wegschmeißen kann, „hat ein Problem“. Schließlich bekommen er und seine halbtags tätigen Kollegen Elke Thran, Eckart Löffler und Monika Elsässer ständig aussortierte Akten aus den Ämtern des Landratsamtes. Zusätzlich ist das Kreisarchiv auch für alle nichtstädtischen Gemeinden im Landkreis mit zuständig. Sannwald hat erst kürzlich in Entringen Dokumente bewertet.

Trotz immenser Zunahme elek tronischer Daten hat das Papier in den Ämtern gewaltig zugenommen. Jede kleinste Veränderung wird festgehalten, ausgedruckt, abgelegt. Die Informationen werden redundant, wiederholen sich. Sannwald: „Da haben wir mehr Papier als Infos.“ Da muss der Archivar eingreifen, muss lesen, sortieren und auch – wegschmeißen können. Das darf nur er, sonst niemand aus der öffentlichen Verwaltung. Freilich nach Richtlinien und Aussonderungsprinzipien. Denn das so genannte Verwaltungshandeln muss im Interesse der demokratischen Gesellschaft niedergelegt werden und nachvollziehbar sein. Darauf legt Sannwald großen Wert.

Es sei ein gesellschaftliches Risiko, wenn unverantwortlich weggeschmissen werde, wie jetzt etwa beim NSU-Skandal. Sannwalds Ziel ist Qualität, er will „saubere, übersichtliche Ínfos haben.“ Darüber wacht sein Gewissen: „Das muss gut sein“. Als Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der Kreisarchivare arbeitet Sannwald mit seinen Kollegen in ganz Baden-Württemberg Empfehlungen aus und stellt sie auf einer Bewertungsplattform zur Verfügung.

Seit 1991 ist Sannwald Kreisarchivar. Was den Weg in sein Archiv gefunden hat, steht im Keller des Landratsamtes in der Wilhelm-Keil-Straße (ein weiteres Magazin steht in der Bismarckstraße); bei 18 bis 19 Grad und einer Luftfeuchtigkeit von maximal 50 Prozent. Wer dort stöbern darf, kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. In mehreren Räumen stehen rund sechs Kilometer historisches Kulturgut beieinander: Archivregale, Rollregale und Archivschränke bergen die Tübinger Kreisgeschichte bis zurück ins Mittelalter.

Handschriften von Uhland und List

Bestände aus Alt-Württemberg sind darunter, auch Dokumente aus dem Oberamt Tübingen und dem Amt Rottenburg nach den napoleonischen Umwälzungen sowie Material aus dem Klosteramt Bebenhausen und aus Stadt und Amt Tübingen. Festgehalten wurden Naturkatastrophen, Wegebau, Steuergelder oder der militärische Bereich. Rechnungsbücher geben Auskunft darüber, welche Gemeinde wofür zahlen oder wie viel Soldaten beherbergen musste. Sannwald: „Rechnungsbücher sind eine spannende Quelle.“ So mussten etwa auch die Gemeinden zahlen, wenn der Herzog mal jagen wollte.

Sauber geordnet stehen im Keller etwa auch die Ordner vom Landratsamt. Die Themen: Umwelt und Gewerbe, Heimatvertriebene, Hebammen, Tuberkulose, Ziegenbockhaltung und Bodenreform. Auch die gesamte Schönbuch-Flughafen-Diskussion seit Mitte der 1960er Jahre liegt im Keller. Historisch wertvoll sind die Handschriften von Ludwig Uhland und Friedrich List, besonders stolz ist der Kreisarchivar auf die mittelalterlichen Pergamente. In seinem nahezu unerschöpflichen Reservoir hat er Super 8-Filme, Tondokumente von Lokalpolitikern, Zanker- und Egeria-Mitarbeitern.

Und natürlich Fotos noch und noch. Allein 16 Meter Dias liegen in den Schränken. Derzeit läuft ein großes Scanprojekt. Mehrere zehntausend alte Fotografien des Kreisarchivs und der Kreisbildstelle werden eingescannt. Über 100 000 sind bereits digitalisiert. Nach internationaler Norm packen Sannwald und seine Mitarbeiter die Langzeitarchivierung an. Im Web sollen im kommenden Jahr die Findmittel bereitgestellt werden.

Seit den 1980er Jahren, insbesondere in den vergangenen 15 Jahren, hat sich die Heimatverbundenheit verstärkt, hat Sannwald festgestellt. Heimatgeschichte, -bücher, -museen, Jubiläen liegen im Trend, die identitätspolitische Bedeutung wächst. Die Bindung sei heutzutage weniger national als regional und lokal, sagt er. Ein Grund könnte in der Globalisierung liegen. In der Gegenbewegung will man sich als Individuum verorten, in seinem Stadtteil, seinem Dorf.

Das zunehmende Bedürfnis nach Heimat mache sich auch in der wachsenden Zahl der Bücher über lokale Themen bemerkbar, die immer mehr wissenschaftlichen Ansprüchen entsprächen. Selbst heikle Themen wie die Nazi-Zeit in einem Dorf mit all ihren Konfliktlinien zwischen Familien und innerhalb einer Familie könne man inzwischen gut darstellen. Bei Stigmatisierungen müsse man jedoch sehr aufpassen. Und gerade beim NS-Thema gebe es noch Sperrfristen, außerdem könnten etwa Zwangsarbeiter-Listen nicht einfach in einem Heimatbuch abgedruckt werden. Der Opferschutz müsse beachtet werden.

Reichlich Themen für Magisterarbeiten

Keinen Sperrfristen unterliegen hingegen die Eingemeindungen von Lustnau und Derendingen nach Tübingen im Jahr 1934. Das ist zwar für (Hobby-)Historiker ein alter Hut, aber laut Sannwald „nie sauber aufgearbeitet worden“. Das sei sogar ein Thema für eine Magisterarbeit. Von solchen unentdeckten Schätzen hat der Archivar noch einige im Keller liegen. Etwa den Nachlass von Konrad Heimberger. Der 1890 geborene Reutlinger Fabrikantensohn studierte Jura in Tübingen und Berlin, war im Ersten Weltkrieg an der Front.

Das NSDAP-Mitglied handelte sich ein Parteiverfahren ein, weil es am Grabe eines Juden gesprochen und einen Kranz niedergelegt hatte. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Heimberger in Tübingen zunächst Amtsgerichtsrat, später Direktor am Landgericht.

Heimberger hinterließ zahlreiche Briefe, die er während seiner Studentenzeit in Berlin 1911/12 nach Hause schickte. Außerdem Feldpostbriefe aus dem Ersten Weltkrieg, eine Menge Kriegstagebücher, Marschbefehle, Landkarten, Frontverlauf und eine ganze Reihe Fotos vom Krieg in Frankreich. Sannwald ist sich sicher, dass auch Heimberger genügend Stoff für eine Magisterarbeit hergibt. Ebenso der Lehrer und Hobbyfotograf Heinz Pietsch: Er ging nie ohne Kamera aus dem Haus, und von 1942 bis 1989 produzierte er über 110 000 Dias. Sein Fotoschatz dokumentiert den Alltag im Kreis Tübingen.

Gedenkkultur für Jugendliche

Ein neues Projekt vom Kreisarchiv nennt sich „Gedenken 21“. Zusammen mit dem Kreisjugendreferat und der offenen Jugendarbeit soll es Jugendlichen die Gedenkkultur nahebringen. Am Gedenkstättentag, Sonntag, 11. November, steigt die erste Exkursion mit 20 Jugendlichen.

Info: Das TAGBLATT arbeitet beim Projekt der Zeitzeugnisse (www.zeit-zeugnisse.de) mit den Kreisarchiven Tübingen und Reutlingen, den Stadtarchiven Tübingen, Mössingen, Rottenburg und Horb sowie mit der Universität Tübingen zusammen. In unregelmäßigen Abständen stellen wir die Kooperationspartner vor.

Im Kreisarchiv stehen mehr als sechs Kilometer Geschichte

Im Kreisarchiv stehen mehr als sechs Kilometer Geschichte
Kreisarchivar Wolfgang Sannwald im Archiv mit einer Tübinger Amtsschadensrechnung von 1627. Bild: Sommer

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

02.10.2012, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball