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Von Rinderfonds bis Nachtigall

Im LTT tischten Zuschauer und Theatermacher auf

Essen für die Kunst: Das theatralisch-kulinarische Gastmahl zur Spielzeit-Eröffnung begeisterte am Samstagabend mehr als 150 Gäste im Foyer des Landestheaters.

24.09.2012
  • DOROTHEE HERMANN

Kuchenplatten, Salat- und Dessertschüsseln sieht man als Theater-Accessoire eher selten. Doch zur Spielzeit-Eröffnung im Landestheater Tübingen (LTT) galten am Samstagabend Naturalien als Eintrittsbillett: „Essbare Gaben für die gemeinsame Tafel“. Die Ankömmlinge brachten Beutel mit Brot oder eine Box voll Pizza oder Lebkuchen. Sie alle folgten der Non-Profit-Maxime „Mitbringen – Teilen – Essen“.

Verstreute blaue Blüten wiesen den Weg wie bei einer Romantikfeier. Drinnen im Foyer wartete Intendantin Simone Sterr, in Schwarz mit weißer Schürze, wie ein feines Servierfräulein von einst. „Haben Sie was für die Suppe mitgebracht?“

Die Intendantin bereitete Gemüsesuppe aus Rinder- oder Hühnerfonds, mal mehr mit Zucchini, mal mit Fenchelnote, assistiert von der leitenden Dramaturgin Maria Viktoria Linke und von Schauspieler Karlheinz Schmitt. Neben ihnen schnippelte die Theaterpädagogin Insa Griesing im Akkord Gemüse klein. Der Mime Raúl Semmler briet selbstangesetzten Seitan. Er wollte die Gäste auf den Geschmack von Veganistan einstimmen, das aktuelle Beispiel aus der LTT-Reihe „Vergessene Länder“ (8. November, LTT oben, 20.15 Uhr, „mit veganer Musik“). Denn das Menü sollte auch auf den kommenden Spielplan einstimmen.

Am anderen Ende der langen Tafeln rührte ein Team um LTT-Hausregisseur Ralf Siebelt die Suppenkreationen für den vegetarischen Gaumen. Jochen Gewecke von den Theater-Unterstützern LTT-Freunde reichte die erste Leckerei herum, den Kindheits-Genuss Dätsch oder Schokokuss im Weckle. „Eine tolle Idee“, fand er das Gastmahl.

Von den mächtigen Suppentöpfen stiegen die ersten verlockenden Düfte auf. Der Satz „Bei mir macht sich ein kleines Hüngerchen breit“ (Schauspielerin Nadia Migdal) hätte zwar gut gepasst. Doch er sollte erst später fallen. Vorerst zeigten sich die Gäste aufs Angenehmste animiert von der einladenden Atmosphäre und gerieten sofort miteinander ins Gespräch. Da schrillte gegen 19.15 Uhr wie gewohnt die Theaterklingel. Auf einmal sprengten wilde Gesellen die wohlige Stimmung: „Ein Messer für die, die das Fleisch unserer Weiber und Töchter kaufen!“, schrien sie. Schließlich hat „Dantons Tod“ von Georg Büchner in wenigen Tagen Premiere (am kommenden Freitag, 28. September, 20 Uhr).

Der Schauspieler Patrick Schnicke als Conférencier dimmte den aufrührerischen Ton rasch wieder auf gastgeberliches Wohlfühl-Niveau: „Schönen Sommer gehabt?“, fragte er eine Besucherin. „Ne, ich hab’ die ganze Zeit gelernt.“ Der Mime war trotzdem begeistert über die typisch tübingerische Theatergängerin. „Sie ist zeitlos, sie ist jung, sie ist intelligent, und sie ist einfach wunderschön.“ Schnicke führte gemeinsam mit seiner Kollegin Nadia Migdal durch das Menü, verblüffte jedoch mit einen kurzen Auftritt im weißen Bommelkostüm: Eisbär, Schneemann? Nein, Baumwollflocke! Seine Premiere mit „Das Ding“ muss noch bis Februar warten.

Die Braut in weißem Tüll inmitten der Tischgesellschaft (Ina Fritsche) hatte mit Geld und Erwartungen zu tun, mit reichen Manipulateuren und mit armen Schnorrern. „Es ist nichts mehr da! Da sind nur Schulden, Schulden, Schulden!“ Warum nur klang Maxim Gorki („Die Letzten“) so vertraut?

Rupert Hausner vom Kinder- und Jugendtheater drückte sich durch die Reihen, denn er ist noch ein Kind. „Also, ich bin Philipp, ich bin ein Schulversager.“ Sein Outfit macht einem schlagartig bewusst, wie sehr der Sportradfahrer in Dress und Helm eine Erscheinung der letzten Jahre ist. Selbstredend tragen seine neunmalkluge Schwester (Magdalena Flade) und die beflissenen Eltern ebenfalls Fahrradhelme.

Als sich alle an den Suppentöpfen bedient hatten und mit der Standardwarnung „heiß und fettig“ vorsichtig wieder an ihre Tische zurückgekehrt waren, nahte, oh Maximalkontrast, der fast unirdisch-poetische Höhepunkt des Abends. Ausgerechnet aus Heinrich von Kleists Katastrophen-Novelle „Das Erdbeben in Chili“ ließ Christian Beppo Peters als Vorleser eine zauberische Mondnacht emporsteigen – in der sogar eine Nachtigall „ihr wollüstiges Lied“ anstimmt.

Im LTT tischten Zuschauer und Theatermacher auf
Noch in Erwartung der Suppe aus Intendantinnenhand: Die theatralischen Häppchen lieferte beim Eröffnungs-Gastmahl des Landestheaters unter anderen Patrick Schnicke (ganz hinten rechts, am Mikro). Mehr als 150 Gäste ließen es sich am Samstagabend im Foyer des Landestheaters gut gehen.

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24.09.2012, 12:00 Uhr

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