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Das Interesse an elektronischen Titeln steigt

Im Leser steckt ein E-Leser

Ein Buch ist ein Ding aus Papier und gedruckten Buchstaben. Oder auch nicht. Denn Lesegeräte mit digitalen Texten interessieren mittlerweile auch eingefleischte Leser/innen. Von einer Umsatz-Steigerung um 800 Prozent ist bei Osiander die Rede. Allerdings, so erklärt Hermann-Arndt Riethmüller, bewege man sich damit nur aus der „Nanozone in den Promillebereich“.

14.08.2012
  • Ulla Steuernagel

Tübingen. „E-Reader sind in der Bevölkerung angekommen“, sagt Hermann-Arndt Riethmüller, Mitglied des Osiander-Vorstands. In diesem Jahr sei es erstmals zu merken. Allerdings ist die Nachfrage keineswegs so groß, wie die öffentliche Diskussion über diese Form des Lesens vermuten lässt. Im Umsatz von Juli 2011 bis Juli 2012 spielen E-Books und E-Book-Reader keine große Rolle: „Unter einem Prozent“, sagt Riethmüller.

Noch sind die Geräte und ihre Funktionen erklärungsbedürftig. Wer einen „Kindle“ kauft und seine Lektüre fortan nur noch auf E-Books beschränkt, wird dem lokalen Buchhandel komplett verloren gehen. Denn Kindle ist an den Online-Händler Amazon gebunden. Angeblich verkauft Amazon inzwischen in England mehr E-Books als Papiertitel. Riethmüller hält das allerdings für eine reine Behauptung.

Für den Analog-Handel ist jede Online-Konkurrenz gefährlich. Der Buchhandel könnte jedoch in doppelter Weise darunter leiden, da hier nicht nur der Vertrieb, sondern auch das Produkt digitalisiert ist. Riethmüller aber vertraut weiterhin auf das Buch in seiner fassbaren und blätterbaren Version. „Ich bin der festen Überzeugung“, sagt er, „dass wir auch in Zukunft mehr Bücher als E-Books verkaufen.“ Die eigentliche Herausforderung sei ohnehin, die Jugendlichen als Leser nicht zu verlieren.

Riethmüller selber zählt nicht zu den Gegnern des elektronischen Lesens. „Ich bin völlig gegen eine Verteufelung.“ Beide Formen des Lesens haben für ihn ihre Berechtigung. Er selber liest manches auch mit E-Reader. Es fehle zwar das Gefühl, ein Buch in der Hand zu halten, und gewöhnungsbedürftig sei auch der Verlust der räumlichen Orientierung, „wo bin ich im Buch?“ Dennoch hatte auch Riethmüller sich kürzlich für eine Radtour Lesestoff downloaden wollen. Doch auf dem Weg zum PC sei er von einem Mitarbeiter auf ein Buch aufmerksam gemacht worden, das auch nicht viel schwerer wog als der E-Reader.

Ist das E-Book vor allem ein Medium für Unterhaltung und Fachtitel? Fachbücher im E-Format werden bei Osiander wenig nachgefragt. Und was Unterhaltung angeht, hält es Riethmüller mit den Angelsachsen. „Die unterscheiden nur zwischen Fiction und Non-Fiction.“ Die Fiction ist eindeutig mehr gefragt.

In zehn Büchereien der Region Neckar-Alb gibt es seit etwas mehr als einem Monat die Möglichkeit zur E-Ausleihe. Mit gültigem Büchereiausweis kann man nun am eigenen Computer zu Hause E-Books, digitale Hörbücher, Zeitschriften und Videos herunterladen.

Kein Horrorszenarium für Bibliotheken

Am meisten interessieren bislang die E-Books, so hat Martina Schuler, Leiterin der Tübinger Stadtbücherei, beobachtet. In den ersten vier Wochen wurden allein in Tübingen 2000 ausgeliehen. Was Schuler selber „sehr überraschte“, war die große Nachfrage bei den älteren Büchereikunden. Für sie biete der E-Reader nämlich einen großen Vorteil: „Man kann hier die Größeneinstellung der Schrift selber vornehmen.“

Allerdings hilft auch die beste Lesbarkeit nicht gegen das Verschwinden des Textes nach genau zwei Wochen. Diese zeitliche Begrenzung wurde, so Schuler, als „künstliche Hürde“ zwischen Bibliothekenverband und Verlagen ausgehandelt. Als Ausgleich dafür, dass E-Books keinem natürlichen Verfall ausgesetzt sind. Anders als Papierexemplare muss das digitale Buch nicht ersetzt werden. Den Verlagen geht also eine Einnahmequelle verloren.

Die Büchereien erwerben E-Book- Lizenzen von den Verlagen. Für sehr nachgefragte Titel wie „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg …“ wurden gleich fünf erworben. Auch Krimis, wie die von Jussi Adler-Olsen laufen gut – eben die typische Urlaubslektüre.

Droht bei zunehmender Online-Ausleihe den Büchereien nicht die Entvölkerung? Schuler glaubt nicht an solche „Horrorszenarien“. Möglicherweise werde man in Zukunft einfach ein paar Bücherregale weniger und ein paar Leseplätze mehr im Haus haben.

Einen Kommentar zu diesem Artikel lesen Sie im TAGBLATT vom 14. August.

Im Leser steckt ein E-Leser
Für leichte Sommerlektüre durchaus empfehlenswert: Osiander-Filialleiter Piet Seifert zeigt Lena Sellenthin die Funktionen des E-Readers.Bild: Steuernagel

Anfang 2012 soll es, nach Angaben der Gesellschaft für Konsumforschung, in Deutschland gut fünf Millionen Lesegeräte gegeben haben. Häufigstes Gerät ist der Kindle, ihn gibt es in 1,6 Millionen Haushalten. Der Buchhandel bietet andere Geräte: vom Pocketbook mit integriertem W-Lan-Anschluss bis zum Gerät, das nur in Kombination mit einem PC zum Runterladen der E-Books funktioniert. Preislich liegen die Geräte zwischen knapp 70 und knapp 160 Euro. Mit ihnen besteht die Möglichkeit des Online-Kaufs über die Buchhändler-Homepage oder auch direkt im Laden. Letzterer geht – wegen des Kopierschutzes, der nur einmaliges Downloaden auf das Benutzergerät erlaubt – mit einer E-Book-Karte und einem Online-Konto.

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14.08.2012, 12:00 Uhr

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