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Ein Päckchen für jeden

Im Mössinger Asylbewerberheim war gestern Nachmittag Bescherung

Platz ist Mangelware. Viele Menschen suchen derzeit Asyl in Deutschland. In den Mössinger Unterkünften gab‘s gestern Geschenke für die Kleinen.

24.12.2012
  • Kathrin löffler

Mössingen. Keiner traut sich. Fest umklammert werden dicke Pakete auf dem Schoß verwahrt. Kein zügelloses Aufreißen des Geschenkpapiers, kein der Neugier und Spannung nicht mehr trotzen könnendes Zerfetzen der bunten Nikolaus- und Schneeman-Deko, keine kindliche Kulturtechnik des ungehemmt-freudigen Auspackens des Überreichten. Es scheint so, als wollten die Beschenkten ihre Präsente lieber noch ein bisschen festhalten, sie gar nicht loslassen. Nicht einmal, um sie zu öffnen.

26 Kinder leben derzeit in den beiden Häusern für Asylsuchende zwischen Kernstadt und Bästenhardt. Gestern war Bescherung. Die Baptistengemeinde und der Freundeskreis Asyl haben sie gemeinsam organisiert, haben Namen, Alter und Geschlecht der Kinder notiert und an bereitwillig Schenkende weitergereicht, haben so dafür gesorgt, dass ein jedes ein individuell passendes Christkindle bekommt. Was strukturiert klingt, entpuppt sich in der Praxis als vorweihnachtlich-aufgeregtes, multikulturell bereichertes Gewusel: Dicht an dicht drängen sich Nachwuchs und Eltern auf Stühlen und Eckbank in der Wohnung für soziale Zwecke, die zum Raum für soziale Zwecke geschrumpft ist, weil momentan so viele Flüchtlinge ankommen und die Räume als Familienunterkünfte benötigt werden.

Es ist eng. Auf einem Tisch thront ein kleiner Weihnachtsbaum, aus Thermoskannen dampft Tee, Spekulatius und Bredle und Dominosteine finden rasch Abnehmer. Erika Traut, aktiv im Freundeskreis und der Baptistengemeinde, fragt nach Übersetzern, erklärt die christliche Tradition des anstehenden Festes und Usus des Einander-Beschenkens, bittet Kind für Kind zum Gabentisch und lässt das je Zugedachte von kleinen Händen und grinsenden Gesichtern in Empfang nehmen. Die meisten seien Muslime, sagt sie, kennten Weihnachten eigentlich nicht.

Aus Mazedonien, Serbien, Bosnien, aus Afghanistan oder dem Irak kommen die Asylsuchenden. Rund 50 leben derzeit in den zwei Gebäuden hinter dem Rathaus. In jedem gibt es vier Wohnungen, eine muss manchmal bis zu drei Familien beherbergen. Jene, die den Leuten vom Freundeskreis zum Beispiel für Hausaufgabenbetreuung bis zum Sommer zur Verfügung stand, hat das Landratsamt Tübingen, das die Unterkünfte angemietet hat, nun auch als Wohnräume belegt. Man suche nun außerhalb nach neuem Platz, sagt Traut. Voll ist es immer. Zur Zeit besonders. „Wir sind froh, wenn wir’s hier überblicken mit den Menschen. Manche kennt man gar nicht, die kommen und gehen.“ Die Freundeskreis-Mitglieder versuchen jenen, die eine Duldung in Deutschland erhalten, bei der Wohnungssuche zu helfen, begleiten sie zu Besichtigungsterminen. In Mössingen aber, sagen sie, sei es schwer, kostengünstige Bleiben zu finden, „auch für Einheimische“.

Traut erzählt: Asylbewerber aus Afghanistan seien in ihrer Heimat um ihr Leben bedroht worden, weil sie etwa für die Amerikaner gearbeitet hätten. Koptische Christen wurden im Irak verfolgt. Schwierig sei die Situation besonders für die, die aus Ländern des ehemaligen Jugoslawiens geflüchtet seien. Als dort Krieg herrschte, seien sie teils bereits nach Deutschland gekommen, hätten hernach wieder zurück gemusst und seien nun erneut hier. Ihre Heimat gelte mittlerweile aber nicht mehr als Kriegsgebiet – dass die Lage dort dennoch problematisch sei, läge in ihrer Beweislast.

Im Mössinger Asylbewerberheim war gestern Nachmittag Bescherung
Lieber noch eine Weile stolz betrachten und das Spannungsmoment hinauszögern: Wildes Aufreißen der Geschenke war am Sonntagmittag nicht angesagt.Bild: Rippmann

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24.12.2012, 12:00 Uhr

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