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Nicht aus der Tasche geschossen

Im Mordprozess hatten die Spurensicherer das Wort

Tatort, Waffe, Haus und Spuren auf der Kleidung von Opfer und Täterin standen im Fokus des gestrigen Vormittags im Nusser-Mordprozess. Nachmittags berichteten Zeugen über Aussagen des Zahnarztes zum Überfall im Vorjahr und ihre Beobachtungen kurz vor Nussers letzter Zusammenkunft mit der Ehefrau.

13.12.2012
  • Ulla Steuernagel

Tübingen. Ein anrührendes Bild ergab sich nach der Mittagspause an der Tür des Schwurgerichtssaals. Drei kleine bis mittelgroße Mädchen warteten hier, um wenigstens einmal im Leben einen Blick auf die Frau ihres Großvaters zu werfen. Trotz 15-jährigen Ehe hatten sie sie nie zu Gesicht bekommen. Ihre Mutter, die Tochter des Getöteten, hatte zuvor eine Therapeutin gefragt. Diese habe geraten, dem Wunsch der Kinder zu entsprechen. So warteten die drei Mädchen nervös auf die Ankunft der Angeklagten. Sie betrachteten die schmale, leichenblasse Frau mit den ins Gesicht hängenden Haaren mit großen Augen. Danach verließen sie schnell den Saal.

Die Angeklagte, die Ehefrau des getöteten Tübinger Zahnarztes, hat zwar nie geleugnet, ihren Mann erschossen zu haben. Dennoch hatten die Zeugen und Sachverständigen der Kripo eine Menge zu tun. Acht Leitzordner füllen die Ermittlungen im Fall Nusser. Gestern Morgen wurden Bilder vom Opfer und seinen Schusswunden, vom Tatort, dem Fahrzeug und der Schusswaffe geprüft. Schließlich holte Richter Peters auch noch die Original-Tasche (Marke Prada), in der die Angeklagte am Tattag die Waffe trug.

Die Spurensicherung ließ keinen Zweifel daran, dass die Täterin nicht verdeckt aus der Tasche auf den Mann am Steuer schoss. Sie hielt die Neun-Millimeter-Pistole hinter der Tasche, der erste Schuss streifte deren Schmalseite. Ein Physiker vom Landeskriminalamt rekonstruierte an den Schusswunden den Tathergang. Danach traf der erste Schuss das Opfer am linken Oberschenkel. Vier weitere Schüsse, die ebenfalls im Fahrzeuginneren abgegeben wurden, trafen Nusser, als er aus dem Auto flüchtete. Als er auf der Straße lag, habe seine Frau die Waffe noch an sein rechtes Ohr gehalten und abgedrückt. In unmittelbarer Nähe des Toten fanden sich weitere unabgeschossene Patronen.

Die Angeklagte, das hatte sie dem psychiatrischen Gutachter gesagt, hatte im Gewölbekeller des Hauses Schießübungen gemacht. Die Durchsuchungen der Kripo bestätigten das. In der Hundehütte im Garten war weitere Munition versteckt. Wie die halbautomatische Kurzwaffe eines kroatischen Herstellers nach Deutschland gelangt war, ist offen. Auf legalem Wege jedenfalls nicht, sonst hätte sie ein Importzeichen.

Der Zustand des Hauses in der Denzenbergstraße, in dem die 49-Jährige mit der Familie des Sohnes lebte, beschäftigte das Gericht ebenfalls. Das Haus schien vermüllt und verwahrlost. Gerade mal das Schlafzimmer, der begehbare Kleiderschrank der Angeklagten, das Dachgeschoss und ein Kinderzimmer erweckten den Eindruck, sie seien bewohnt. In einer Küche im Untergeschoss sei wohl gekocht worden, die Küche darüber unbenutzbar.

Der psychiatrische Gutachter wandte sich an die Angeklagte mit der Frage, wie sie denn unter solchen Umständen gelebt habe. Unter Tränen antwortete sie: „Fünf Jahre lang wurde immer wieder scheibchenweise renoviert. Nie wurde etwas zu Ende geführt.“ Und sie habe nie Geld bekommen. Nussers Tochter, gegenüber auf der Nebenklägerbank, schüttelte nur fassungslos den Kopf. Während ihres Bulgarienurlaubs sei das Haus leergeräumt worden. 2010 oder 2011? Die Angeklagte nannte mal das eine, mal das andere Jahr. Auf die Fragen des Staatsanwaltes reagierte sie abwehrend. Die einzige Person im Saal, der sie Auskunft geben wolle, sei der Psychiater Peter Winckler. Im übrigen gedenke sie, sich schriftlich zu äußern. Ob das Haus nicht erst 1998 komplett renoviert wurde, wollte der Vertreter der Nebenklage von der Angeklagten wissen. Sie antwortete heftig schluchzend: „Er ist tot, ich bin im Gefängnis – es ist mir völlig egal, was Sie denken.“

Der Hausarzt der Angeklagten, von der ärztlichen Schweigepflicht entbunden, berichtete über seine Eindrücke: Schmerzen, Herzrasen, Angststörungen, Depression, psychosomatische Beschwerden stellte er an ihr fest. Doch eine konsequente Behandlung sei nicht möglich gewesen. „Ich hatte den Eindruck, dass kein Genesungswunsch da ist“, sagte der Arzt. Zu groß erschien ihm der „Krankheitsgewinn“ der Patientin.

Ein befreundeter Maler, der Nussers neue Wohnung herrichtete, und der Lebensgefährte seiner Tochter sind die letzten bekannten Personen, mit denen Nusser vor seinem Tod sprach. Dem Wohnungsrenovierer hatte er zuvor schon gesagt, seine Frau habe angedroht, ihn zu erschießen, wenn er sich trenne. Falls er aber ein Schriftstück zum Verkauf des Hauses in Bulgarien unterschreibe, werde er erfahren, wer ihn überfallen habe. Auch habe Nusser ihm gesagt: Er selber könne nicht so schnell Löcher bohren, wie seine Frau das Geld ausgebe.

Nusser habe Angst gehabt, bestätigte auch der Lebensgefährte der Tochter. Kurz vor der Tat sah er Nussers Timer im Auto. Der Kalender ist und bleibt jedoch verschwunden. Der Adoptivsohn habe den Überfall im August 2011 zu verantworten, so soll Nusser auch dem Mann der Tochter gesagt haben. Nusser hat das in seinem Testament festgehalten: Er enterbte den Sohn.

Info: Fortsetzung am Montag, 17. Dezember, um 14 Uhr.

Das Transparent im Parkhaus König, auf dem nach der Tat „Headshot, 6.3.“ zu lesen war, stammt von einer Gruppe von Graffiti-Writern, so erfuhr das TAGBLATT am Mittwoch. Die polizeilichen Ermittlungen ergaben, dass es zwar auf die Tat anspielt, aber keinen direkten Bezug zu ihr hat.

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13.12.2012, 12:00 Uhr

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