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Nachbarn und Passanten dachten an einen Verkehrsunfall

Im Mordprozess wurden Zeugen am Tatort vernommen

Was passierte in der Stiffurtstraße am Dienstag, 6. März, kurz vor 19 Uhr? Wie nahmen Zeugen die dramatischen Ereignisse um das Ehepaar Nusser wahr? Mit der detaillierten Rekonstruktion des Geschehens hatte die 5. Schwurgerichtskammer zu tun.

29.11.2012
  • Ulla Steuernagel

Tübingen. Es war zwar nicht am helllichten Tag, aber zur Dämmerstunde, als in einer normalen Tübinger Wohnstraße ein Knall zu hören war. Niemand denkt in so einer Situation an einen Pistolenschuss. Entweder sei ein Reifen geplatzt oder jemand erschossen worden, glaubte eine 33-jährige Frau damals. Sie war Zeugin am dritten Verhandlungstag im Nusser-Mordprozess.

Die Frau saß, als sie den Knall hörte, in ihrem Auto und telefonierte gerade mit einer Kollegin. Zuvor war ihr ein entgegenkommendes Auto aufgefallen, das „komisch fuhr“. Durch den Rückspiegel sah sie es gegen eine Mauer krachen, bald darauf stand eine Frau auf der Straße, ein Mann lag vor ihr. Die Kollegin riet dringend, im Auto zu bleiben, es könnte sich ja um einen Amoklauf handeln.

Vor allem die Abfolge der Geschehnisse interessierte die Kammer. Die Frau erinnerte sich, erst einen Schuss gehört zu haben, dann sah sie den Körper, dann krachte das Auto gegen einen Pfosten, dann sah sie die Frau, danach hörte sie weitere drei Schüsse, und schließlich sei die Frau Richtung Wilhelmstraße gerannt.

„Kann ich Ihnen helfen?“ Das war die erste Frage, mit der eine andere 45-jährige Zeugin auf die blonde Unbekannte zuging, die auf der Straße stand. Die Flugbegleiterin war mit ihren Kindern im Auto unterwegs. Als sie in die Straße einbog, dachte sie zunächst an einen Autounfall mit Fußgänger. Als ausgebildete Ersthelferin wollte sie sich nützlich machen. Die Angesprochene reagierte jedoch völlig anders als erwartet: „Verschwinden Sie,“ schrie sie, „ich habe ihn erschossen, und ich erschieß ihn gleich noch einmal!“

Die Frau erschien der Flugbegleiterin, zu deren Ausbildung auch das Durchspielen von Katastrophenszenarien gehört, gleichermaßen „bestimmend und kontrolliert“. Sie habe weder Tränen in den Augen gehabt, noch klang ihre Stimme zittrig.

Die Zeugin selber fühlte sich, obwohl die Frau eine Pistole in der Hand hielt, zu keinem Zeitpunkt bedroht. Erst im Nachhinein realisierte sie eine Gefahr: „Es war die unangenehmste Situation meines Lebens.“ Sie entfernte sich schnell mit ihren Kindern vom Tatort und alarmierte aus einer Nachbarstraße die Polizei.

Eine dreiköpfige Familie erlebte das Drama, das sich direkt vor ihrer Haustür abspielte, ebenfalls nicht von Anfang an. Erst hörte der Sohn „zwei bis drei Schläge in kurzer Folge“. Dann sah er wie ein Auto, halb auf der Straße und halb auf dem Gehweg, rollte und mit voller Wucht auf einen Betonpfosten knallte.

Ersthelfer waren nicht erwünscht

Der Vater und kurz danach die Mutter eilten hinunter, weil sie an einen Verkehrsunfall dachten und – ausgebildete Ersthelfer, die sie sind – Unterstützung anbieten wollten. Der Sohn verständigte eilends den Notdienst, dann sah er die blonde Frau, die „in ihrer Handtasche rumkruschdelte“. Ob es nur danach aussah, oder ob sie wirklich hineingriff, war er sich aber nicht ganz sicher. Er glaubte, gleich ein Handy zu sehen, dann aber war es eine Waffe. Er schrie den Eltern zu: „Vorsicht, Waffe!“ Seine Mutter hieß ihn noch, unbedingt fernzubleiben und verschanzte sich hinter einem Auto.

Am nächsten am Geschehen war der Vater. Der pensionierte Lehrer vermutete auch einen überfahrenen Fußgänger, als er eine Person „in Embryonalhaltung“ auf der Straße liegen sah. Er habe sofort den Eindruck gehabt, „dass der Mensch tot ist“. Er wandte sich also der Frau zu und fragte ebenfalls: „Kann ich Ihnen helfen?“ Die Frau drehte sich zu ihm um, die beiden sahen sich kurz in die Augen. Ihre Antwort war: „Verschwind, das regel ich schon selber.“ Nun erst sah er die Pistole. Mit ihr zielte die Frau laut Zeugen „recht gekonnt“ auf den Kopf des Mannes und drückte ab. Dieser Zeuge hörte auch die Worte: „Jetzt verreck endlich, Du Sau!“ Er brachte sich daraufhin hinter dem eigenen Auto in Sicherheit.

Von dort sah der 72-Jährige die Frau noch an ihrer Tasche nesteln, und schnellen Schrittes in Richtung Wilhelmstraße laufen. In gebührendem Abstand ging er ihr nach. Noch heute höre er bei dieser Erinnerung das Klappern ihrer hochhackigen Schuhe. Bis zur Jet-Tankstelle folgte er ihr nicht, das wurde ihm zu kritisch. „Ich bin nicht der Mensch, der ein Held ist“, sagte er vor Gericht. Er halte Helden ohnehin für dumm.

Aber es war auch nicht so, dass ihm die Frau übererregt vorkam, sie machte auf ihn einen relativ gefassten Eindruck. Kurz nach den Vorgängen notierte er, es ähnelte einer „Hinrichtung“. Die Formulierung erscheine ihm aus heutiger Sicht überspitzt und zu verurteilend.

Ob er die Frau nicht aus der Nachbarschaft gekannt habe, wurde der Zeuge in der Verhandlung gefragt. Weder sie noch ihn habe er je gesehen, so seine Entgegnung. In dieser Ecke kenne man nur seine unmittelbaren Nachbarn, aber schon diejenigen nicht mehr, die drei Häuser weiter wohnen. An die Adresse der Angeklagten, die, wie an den Prozesstagen zuvor, mit gesenktem Kopf und Haaren vorm Gesicht dasaß, sagte er ungewöhnliche Worte: Er wolle sich bei ihr bedanken, eine kleine Bewegung hätte gereicht und sie hätte auch ihn erledigen können.

Vorsitzender Richter: Ralf Peters; Beisitzer: Claus-Jürgen Hauf, Jürgen Walker; Schöffen: Egon Paul Sieferer, Helmut Gottschalk; Staatsanwalt: Alexander Hauser; Psychiatrischer Gutachter: Peter Winckler; Gerichtsmedizinische Gutachterin: Maria Christina Schieffer; Verteidiger: Andreas Eggstein; Nebenklage: Christoph Geprägs, Marie-Luise Dumoulin; Dolmetscherin: Irina Ulmer. Die Fortsetzung ist am Montag, 3. Dezember, um 14 Uhr.

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29.11.2012, 12:00 Uhr

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